"Viele Wohnprojekte anschauen"

Neue Wohnformen im Alter ermöglichen es: Für sich sein, aber auch Gemeinschaft genießen. Wohn-Experte Rolf Novy-Huy gibt Ratschläge

von Raphaela Birkelbach, aktualisiert am 08.03.2016

Senioren-WG: Gemeinsam alt werden

F1online

Herr Novy-Huy, das Interesse an gemeinschaftlichen Wohnprojekten steigt. Warum?

Bundesweit gibt es 5000 oder mehr alternative Wohnprojekte. Die Gesellschaft wird älter, das Sozialgefüge verändert sich, und es zeigt sich eine immer größere Vielfalt unterschiedlicher Lebensformen. Das spiegelt der Wohnungsmarkt wider. Denken Sie nur an Mehr-Generationen-Häuser oder Pflege-WGs.

Für wen eignen sich solche Ideen?

Für den Eigenbrötler sicherlich nicht. In jeder gemeinschaftlichen Wohninitiative ist, wenngleich unterschiedlich stark ausgeprägt, soziales Miteinander gefordert. Ich muss Menschen mit anderen Lebensentwürfen und Meinungen aushalten und mich mit ihnen einigen. Dazu gehört die Grundeinstellung: "Okay, es gibt Meinungsverschiedenheiten. Aber daraus lerne ich." Das Zwischenmenschliche gibt Kraft, strengt aber auch an.


Rolf Novy-Huy, Geschäftsführer von "trias", einer gemeinnützigen Stiftung für Boden, Ökologie und Wohnen

W&B/Privat

Wozu raten Sie Interessierten?

Jeder sollte zunächst einmal in sich gehen und fragen: Schaffe ich es tatsächlich, ein Stück altes Leben loszulassen? Erfahrungsgemäß hadern viele dann doch, wenn eine Wohnidee konkret wird und man sein Haus verkaufen muss. Viele tun sich auch schwer, aus ihrem Ort wegzuziehen.

Wie finde ich heraus, ob zu mir eher eine Hausgemeinschaft oder ein Alt-Jung-Bauernhof passt?

Man sollte sich möglichst viele Wohnprojekte vor Ort anschauen und die Bewohner nach ihren Erfahrungen fragen. Hilfreich ist auch, in einem Gesprächskreis zu diskutieren, wie man seinen Lebensabend verbringen will. Diese Gruppe ist schon so eine Art Probelauf in sozialem Kontakt.

Wie viel Zeit muss ich einplanen, wenn ich mich für ein alternatives Wohnprojekt interessiere?

Das hängt davon ab, wann ich in ein Projekt einsteige. Langer Atem ist wichtig, wenn ein Vorhaben erst noch komplett auf die Beine gestellt werden muss. Das kann fünf Jahre oder oft noch mehr dauern.


Schritt für Schritt zum Wohnprojekt:

  1. Mitstreiter für seine Idee begeistern
  2. Gemeinsam ein Wohnkonzept erarbeiten
  3. Grundstück oder Immobilie suchen
  4. Eventuell Partner suchen (Kommune oder Wohnungsbaugesellschaft)
  5. Rechtsform und Finanzierung klären
  6. Bauphase
  7. Einzug
  8. Sich als Gemeinschaft zusammenraufen

Wie muss ein Konzept überhaupt aussehen, um tragfähig zu sein?

Es muss zur Gruppe passen. Manche Menschen wollen Hühner und Kaninchen im großen Garten halten, andere stellen sich ein Haus vor, in dem Senioren und Alleinerziehende unter einem Dach wohnen. Die künftigen Bewohner müssen das gemeinsam erarbeiten. Übrigens eine sehr wichtige Phase, in der sich alle schon einmal im Alltag beschnuppern können.

Ist Wohnen in alternativen Gemeinschaftsprojekten teurer?

Das lässt sich nur im Einzelfall beurteilen. Kostspieliger wird es meist, wenn ein Um- oder Neubau ansteht. Viele Bewohner billigen das. Denn sie sehen es als Investition in die Zukunft, wenn eine Wohnung barrierefrei oder mit Öko-Strom ausgestattet wird.

Was raten Sie Pionieren, die ihre Wohnidee verwirklichen wollen?

Suchen Sie sich einen Projektberater, der beispielsweise bei Fragen nach der richtigen Rechtsform oder Finanzierung moderiert. Das führt in der Regel schneller und effektiver zum Ziel. Manche Bewohner arbeiten nach ihrem Einzug mit einer externen Begleitung, um ihr soziales Miteinander zu pflegen.


Ansprechpartner

Sie suchen ein Wohnprojekt oder wollen es in die Tat umsetzen? Infos erhalten Sie bei:

Stiftung trias, 
www.stiftung-trias.de
;
www.wohnprojekte-portal.de

Forum Gemeinschaftliches Wohnen
Internet: www.fgw-ev.de


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