Man kann die Zeitenwende spüren: Immer mehr Ältere sehen sich nicht mehr als Nischenwesen der Gesellschaft, sondern machen sich voller Selbstbewusstsein und Lebensfreude mitten in ihr breit.
Durchaus auch, was die schiere Menge angeht: Bis Mitte des Jahrhunderts werden mehr als die Hälfte der Bundesbürger über 50 sein. Der Grund dafür sind die „Babyboomer“, die geburtenstarken Jahrgänge der 60er-Jahre, die in zehn, zwölf Jahren für einen rasanten Anstieg der Rentnerzahlen sorgen. Gleichzeitig wird die Zahl der Erwerbstätigen drastisch sinken – ein guter Grund, darüber nachzudenken, warum man Menschen über 60 für nicht mehr arbeitsfähig hält.
Sicher gibt es viele, die in diesem Alter nicht mehr arbeiten, sondern ihre Rente genießen wollen. Aber es gibt eben auch die anderen. Ein wachsender Teil der Älteren möchte sich tätig in die Gesellschaft einbringen – und hat auch das Zeug dazu. „Die Jungen sind vielleicht etwas schneller beim Arbeiten“, sagt Konrad Beyreuther, Direktor des Großprojekts „Netzwerk Altersforschung“ an der Universität Heidelberg, „sie machen aber mehr Fehler als die Alten“. Ältere Semester seien gelassener, hätten ein ausgeprägtes soziales Verhalten und könnten Netzwerke besser aufbauen und pflegen. Dies sei eine besondere Begabung des Alters, ist der Professor überzeugt. „Ich weiß, wovon ich spreche. Ich bin 70 und führe hier 30 Doktoranden."
Wie vital und dem Leben zugewandt Senioren heute sind, belegen zahlreiche Studien. Die vom Bundesforschungsministerium geförderte Berliner Altersstudie „Base“ und eine große britische Untersuchung fanden heraus, dass ältere Menschen heute deutlich leistungsfähiger, gesünder und zufriedener sind: Selbst unter den über 80-Jährigen bezeichnen sich noch 77 Prozent als sehr zufrieden mit ihrem Leben.
Demenz sei das eigentlich große Problem, das wir hätten, bemerkt der Altersforscher und Alzheimer-Experte. Mit der steigenden Lebenserwartung steigt auch das Risiko, im hohen Alter an Demenz zu erkranken. Dennoch hält Beyreuther es für unverantwortlich, von einer drastischen Zunahme der Demenz-Patienten, sogar Vervierfachung bis 2050 zu reden: „Ältere und alte Menschen sind heute zum Glück immer mehr gefordert, und neuere Forschungsdaten sagen, dass dies das Alzheimer-Risiko halbiert.“
Die neuen Alten sind keine, die tatenlos auf der Bank vor dem Austragshaus sitzen oder, die Ellbogen auf ein Kissen gestützt, von ihrem Fenstersims aus in die Welt hinausblicken. Sie beanspruchen Teilhabe an einer Gesellschaft, die ohne sie nicht halb so gut funktionieren würde.
Es sind Menschen, die ihren Kopf mit Fortbildungen, Sprachreisen oder einem Seniorenstudium wach halten. Es sind aktive und begeisterte Großeltern, die ihre berufstätigen Töchter und Söhne bei der Kinderbetreuung entlasten. Männer und Frauen, die sich ehrenamtlich in Kindergärten, sozialen Einrichtungen, Sportvereinen, Kirchengemeinden und Nachbarschaftshilfen engagieren. Und häufig haben sie mehr Termine und Verabredungen als ihre eigenen Kinder.
Die „trümmerhafte Leere“ im Alter, von der Soziologen früher vielfach sprachen, „ist heute ist dem Begriff der ‚späten Freiheit‘ gewichen“, pointiert es Franz Prüfener. Der Hamburger Sozialwissenschaftler forscht für das Großprojekt LUCAS. Mehr als 3000 nicht pflegebebedürftigte, aber auch nicht immer völlig gesunde Ältere werden dabei seit zwölf Jahren in regelmäßigen Abständen besucht und befragt.
So sollen neue Konzepte für „präventive Hausbesuche“ entwickelt werden, die es älteren Menschen ermöglichen, so lange wie möglich im gewohnten Zuhause zu leben. Betagte Senioren seien heute meist offener und interessierter als früher, weiß Prüfener aus den Befragungen. „Sie wollen noch im Leben stehen“, sagt der Sozialgerontologe. 75 Prozent der Studienteilnehmer, die er besuche, seien nicht einsam, auch wenn viele alleine lebten, „denn das tun sie bewusst und gerne“.
Wohl keiner Seniorengeneration zuvor war so viel Selbstbestimmtheit und Freiraum vergönnt. Das Gros ist finanziell gutgestellt, medizinischer Fortschritt und eine gigantische Angebotsvielfalt in puncto Reisen, Sport, Kultur und Bildung ermöglichen den meisten viel mehr Selbstverwirklichung als zu Zeiten von Beruf und Kinderaufzucht.
Was heißt schon alt? „Das kalendarische Alter ist nicht entscheidend“, sagt Altersforscher Prüfener. „Es ist noch viel mehr Luft drin, als viele glauben. Wir haben ab 65 in der Regel noch eine wirklich große Strecke vor uns.“
Schwere Krankheiten und Bewegungseinschränkungen allerdings dämpfen Lebensfreude und Zufriedenheit sehr stark, weiß auch Prüfener. Weil die Körperbeherrschung „das A und O“ sei, sollte jeder Mensch, gleich welchen Alters, auf ein Minimum an Bewegung achten und Schmerzen bekämpfen.
„Wir beobachten oft, dass ärztliche Ratschläge nicht befolgt und Schmerzmedikamente nicht eingenommen werden.“ Ein Fehler, findet Prüfener. „Schmerzen sind ein wesentlicher Grund für Mobilitätseinschränkungen.“
Überkommene Klischees von unflexiblen Senioren sind der Grund, warum die Wirtschaft noch immer „enorme Potenziale verschenkt“, wie der Wirtschaftswissenschaftler Axel Börsch-Supan bemerkt. Als Direktor des Münchener Zentrums für Ökonomie und Demographischen Wandel untersucht er die Auswirkungen der alternden Gesellschaft. Wer mit ihm über das neue Altsein spricht, hört neue Töne. „Wir müssen mehr Ältere in Beschäftigung bringen, um den demografischen Wandel zu meistern.“
Aktiv und kreativ: Senioren von heute
„Ich möchte nicht noch einmal 30 sein, weil...
...nur neue Erfahrungen die Lebhaftigkeit des Lebens ausmachen. So ein 30er-Retro-Denken wäre doch nur Altgier, ich finde Neugier sinnvoller."
Ursula Neumann (67)
Sie studierte Kunst und betreibt seit Jahrzehnten einen "Kunstkindergarten" in einem Altbau in München-Schwabing, in dem sie selbst auch wohnt. In ihrer Freizeit belegt sie Fortbildungskurse in Malerei.
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„Ich möchte nicht noch einmal 30 sein, weil...
...ich heute mehr Raum für mich habe. Mein ganzes Leben habe ich alles für andere gemacht. Jetzt bin ich mal dran."
Chantal Brückers (68)
Sie lebt in Berlin und begann vor elf Jahren mit Karate. Sie trainiert dreimal die Woche und hat den schwarzen Gürtel. Für ihren Mann, immer noch „der beste Ehemann der Welt“, verließ sie als junge Nonne ihren Orden. Die beiden haben drei erwachsene Kinder und vier Enkel.
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„Ich möchte nicht noch einmal 30 sein, weil...
...ich jetzt souveräner bin, mehr Überblick habe und mich nicht mehr in Einzeheiten verliere."
Hans-Arthur Braun (82)
Er stand als Vorstand und Aufsichtsrat beruflich viele Jahre unter Strom. Jetzt genießt er die Freiheit, seinen Interessen nachgehen zu können: Kunst, deutsche Geschichte, Italienisch. Was Braun vermisst: mehr Respekt für die Leistung der Älteren und mehr Menschen, die für Werte wie Treue und Ehrlichkeit stehen.
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„Ich möchte nicht noch einmal 30 sein, weil...
...ich all die Probleme, die in diesem Alter normal sind, hinter mir gelassen habe.“
Christine Doll (69)
Sie fand erst nach dem Berufsleben Zeit, viele Dinge zu klären und abzuschließen. Ihre Ausgeglichenheit schöpft die Singlefrau aus langen Spaziergängen, Gesprächen mit Freunden und „natürlich aus der Musik“, wozu auch das Tanzen in einem Projekt gehört.
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„Ich möchte nicht noch einmal 30 sein, weil...
...ich Ja zum Alter sage und im Geist immer noch ein Hippie bin."
Lilli Beck (62)
Sie hat viel ausprobiert in ihrem Leben - Model, Schauspielerin, Cutterin, Verkäuferin-, bis sie anfing, Frauenromane zu schreiben. „Jetzt bin ich angekommen." Ihre Heldinnen sind über 50, neugierig auf das Leben und die Liebe, lustig und emanzipiert - wie Beck selbst. „Wo ist die Vorschrift, wie man sich mit 60 fühlen muss?", fragt die Schriftstellerin, sie aus Tierschutzgründen vegetarisch lebt und sich bei Greenpeace engagiert.
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Barbara Esser / Senioren Ratgeber;
19.07.2012, aktualisiert am 20.07.2012
Bildnachweis: Thinkstock/Monkey Business, W&B/Michael Hughes, W&B/Angelika Jakob, /Reiner Pohl, W&B/Erol Gurian
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