Altersweisheit: Gibt es sie wirklich?

Mit zunehmendem Alter steigt tatsächlich die Chance, weise zu werden. Dazu gehört die Fähigkeit, ein ausgewogenes Urteil zu fällen
von Ingrid Kupczik, 24.04.2012

Weisheit: Mit zunehmdem Alter hinterfragt man häufiger die eigenen Ansichten

Image Source/ RYF

"60 Jahre und kein bisschen weise", sang in den 70er Jahren der große Schauspieler Curd Jürgens. Auch der berühmte amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway war sich sicher: "Die Altersweisheit gibt es nicht. Wenn man altert, wird man nicht weise, sondern nur vorsichtig." Zum Glück lässt sich diese Erkenntnis nicht verallgemeinern. Nach Ansicht von Wissenschaftlern gibt es vielmehr Grund zu der Annahme, dass wir mit zunehmendem Alter weiser werden können. Wenn es beispielsweise um soziale Konflikte geht, fällen ältere Menschen laut einer neuen Studie ausgewogenere Urteile als jüngere. Diese Fähigkeit gilt unter Forschern als ein wichtiges Merkmal von Weisheit.

Ältere urteilen zurückhaltender

Psychologen der University of Michigan hatten Testpersonen unterschiedlichen Alters gebeten, sich anhand von fiktiven Zeitungsartikeln mit zeitgemäßen Konfliktthemen auseinanderzusetzen, persönlich Stellung zu beziehen und die weitere Entwicklung des Konflikts einzuschätzen. Beispielthema: Wie stark sollten sich Migrantengruppen an die Gepflogenheiten des neuen Heimatlandes anpassen? Oder: Wie weit darf oder muss sich ein Land von Traditionen verabschieden, um seine wirtschaftliche Entwicklung voranzubringen?

Studienleiter Igor Grossmann und seine Kollegen stellten fest, dass jüngere Probanden recht schnell mit einem generellen Urteil bei der Hand waren. Ältere Testpersonen neigten eher dazu, das Problem aus mehreren Perspektiven zu betrachten und die näheren Umstände zu würdigen, die zu diesem Problem führten. Zudem berücksichtigten die älteren Personen in ihren Voraussagen die Unwägbarkeiten zukünftiger Entwicklungen – und sie räumten ein, dass sie nicht ausreichend Wissen besitzen, um ein fundiertes Urteil zu einem Konflikt zu bilden. Eine antike Erkenntnis. "Ich weiß, dass ich nichts weiß", lautet ein geflügeltes Wort, das dem griechischen Philosophen Sokrates zugeschrieben wird. Sein Schüler Platon erkannte im bewussten Nichtwissen eine notwendige Vorstufe zur Weisheit, weil dadurch das Scheinwissen entlarvt werde.

Geschickt beim Lösen von Problemen

Für die Entwicklung von Weisheit ist ein höheres Alter offenbar von Vorteil: Beim Weisheitstest an der University of Michigan erzielten Teilnehmer mit Mitte 60 jedenfalls deutlich bessere Ergebnisse als die Altersgruppe unter 45 – unabhängig vom Bildungsstand und sozioökonomischen Hintergrund. Andere kognitive Fähigkeiten gehen mit den Jahren allerdings zurück, wie Grossmanns Studie bestätigte. Das Tempo der Informationsverarbeitung verringert sich, die Merkfähigkeit wird schlechter. Bei Aufgaben zur sogenannten "fluiden Intelligenz", die Merkmale wie Abstraktionsfähigkeit, Lernen und Mustererkennung umfasst, schnitten die älteren Teilnehmer denn auch signifikant schlechter ab als jüngere. Auch ließen sich die Älteren leichter ablenken.

"Die Volkspsychologie hat aber grundsätzlich Recht: Ältere Menschen besitzen größere Fertigkeiten bei der Konflikt- und Problemlösung", resümierte Grossmann. Das Gros der Forschung belege die vielen Nachteile des Alterns, so der Wissenschaftler. "Unsere Studie gehört zu den ersten, die zeigen, dass sich bestimmte kognitive Prozesse im Alter verbessern."

Auch in Deutschland gehen Forscher seit geraumer Zeit der Weisheit auf den Grund und mühen sich, sie in ihre messbaren Einzelteile zu zerlegen. Am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin begründete der inzwischen verstorbene Sozialpsychologe Professor Paul Baltes Anfang der 90er Jahre die "Weisheitspsychologie". Er wies empirisch nach, dass sich mit dem Alter das "weisheitsbezogene Wissen" vergrößern könne. Das Modell von Baltes setzt sich aus "einem reichen Faktenwissen über grundlegende Fragen des Lebens und einem reichen strategischen Wissen über den Umgang mit diesen Fragen" zusammen. Ein wesentliches Merkmal ist außerdem die gute Urteilsfähigkeit im Umgang mit schwierigen Lebensproblemen. "Es geht darum, ein Problem in seiner Vielschichtigkeit zu erkennen, Veränderungen, die sich im Laufe der Zeit ergeben, und Ungewissheiten gedanklich einzubeziehen und damit konstruktiv umzugehen", sagt Dr. Ute Kunzmann, die an der Universität Leipzig zu diesem Thema forscht. Als weiteres Hauptmerkmal von Weisheit nennt die Entwicklungspsychologin die "Werte-Toleranz": Man berücksichtigt bei seinen Bewertungen und Urteilen den Umstand, dass Menschen nach unterschiedlichen Werten handeln.

Weise Vorbilder von Gandhi bis Konfuzius

Wer ist weise? Befragung unter amerikanischen Studenten ergab folgende Rangliste: An erster Stelle steht Gandhi, gefolgt von Konfuzius, Jesus Christus und Martin Luther King. Unter die Top 15 der weisen Menschen wählten die Studenten unter anderem auch Mutter Teresa, den Dalai Lama und die britische Königin. Und was genau ist das Geheimnis ihrer Weisheit? Ist es das umfangreiche Wissen oder der wache Verstand, sind es die Intuition oder die facettenreiche Erfahrung, die ausgeprägte Empathie, sichere Abwägung oder kluge Voraussicht? Von allem ist vermutlich etwas dabei, die Mischung macht’s. Der Philosoph Hans Saner betrachtet Altersweisheit als die "Quersumme eines gelebten Lebens". Ebenso sieht es der Volksmund. Weise kann man nur sein, wenn man ein gewisses Alter auf dem Buckel hat; bei zu jungen Menschen würde man "altklug" sagen.

Zum "Weisheitswissen" gehört nach Professor Paul Baltes auch die Fähigkeit, mit den Nachteilen des Altwerdens kreativ umzugehen. Der Berliner Experte sprach in diesem Zusammenhang vom "SOK-Konzept", das er am Beispiel des weltbekannten polnischen Pianisten Arthur Rubinstein erläuterte, welcher noch mit 80 Jahren umjubelte Konzerte gegeben hatte. In einem Interview verriet der Virtuose seine Erfolgsstrategie: Er spiele nur noch wenige Stücke, müsse sich also nicht mehr so viel merken (S wie Selektion). Er übe diese wenigen Stücke häufiger (O wie Optimierung). Und er spiele vor schnellen Passagen betont langsam, so dass die langsamen Passagen bedeutsamer wirkten und die anschließenden schnellen Passagen schneller (K wie Kompensation). Im Übrigen bewies Rubinstein auch einen ausgeprägten Sinn für Selbstironie: "Warum ich mit über 80 Jahren noch täglich Klavier übe? Na, weil ich den Eindruck habe, dass ich Fortschritte mache..."


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