Die Altersteilzeit bringt nicht nur Vorteile, meinen viele Experten. Besser wäre es, Arbeitsplätze umzugestalten
Täglich schwer schleppen – nicht jeder kann das bis zum Rentenalter leisten
Wer scheucht einen 64-jährigen Maurer noch gerne aufs Gerüst? Wer erwartet von einem Arbeiter im vierzigsten Berufsjahr die gleiche körperliche Leistung wie von einem jungen Einsteiger? Die staatlich geförderte "Altersteilzeit" gilt als eine Möglichkeit, solche Belastungen zu vermeiden. In der Praxis dient sie meist dazu, den Ruhestand vorzuziehen.
Was vielen spontan als sinnvoll erscheint, lässt sich bei näherer Betrachtung nicht so eindeutig beurteilen. Arbeitsmediziner fordern, die Frage der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit im Alter differenziert zu betrachten. "Man kann nicht pauschal sagen, für diesen oder jenen Beruf liegt die Altersgrenze bei 60 oder bei 65 Jahren", sagt Dr. Michael Nasterlack, Betriebsarzt in einem führenden Chemiekonzern und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin.
Die medizinisch gut versorgten Menschen in Industrieländern leben nicht nur länger als frühere Generationen, sie altern auch deutlich später. "Ein 70-Jähriger von heute ist im Schnitt in vergleichbarer Verfassung wie ein 50-Jähriger im Jahr 1950", meint Nasterlack. Die Leistungsfähigkeit bleibe länger erhalten, das Alter sei nicht gleich bedeutend mit der Anhäufung von Gebrechen.
Zudem hat der Vorruhestand nicht unbedingt nur Vorteile. Wenn die Arbeit an die Bedürfnisse älterer Beschäftigter angepasst wird, kann der gesundheitliche Nutzen einer längeren Berufstätigkeit sogar überwiegen: Regelmäßige Sozialkontakte, ein fester Tagesrhythmus, körperliche und geistige Herausforderungen können länger fit halten.
Stress und körperlicher Verschleiß stehen indes der beruflichen Entfaltung entgegen. "Der Arbeitsplatz muss altersgerecht gestaltet werden", fordert Professor Dennis Nowak, Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universität München. So könne etwa von Fließbandarbeit mit zeitlicher Taktung auf Gruppenfertigung umgestellt werden. Oder eine Baufirma könne Maurer in der Materialverwaltung und der Qualitätskontrolle einsetzen. "Das erfordert eine frühzeitige Personalplanung, die in der Praxis meist versäumt wird", sagt Nowak.
Doch die Wirtschaft wird sich zwangsläufig damit befassen müssen: Wenn von 2012 an das gesetzliche Renteneintrittsalter schrittweise von 65 auf 67 Jahre steigt, wird sich das Problem verschärfen.
Dr. Andrea Exler, Apotheken Umschau / GesundheitPro;
17.10.2008, aktualisiert am 16.09.2009
Jupiter Images GmbH/Thinkstock LLC
Anzeige