Schubladen und Schablonen passen nicht mehr. Die Zeit nach 50 ist bunter und vielfältiger denn je
Kein Jugendmonopol mehr: Auch jenseits der 50 lernen manche ein Instrument oder gehen auf Rockkonzerte
Gegen sie sieht so mancher Mittvierziger blass aus: Mit fast 70 fetzt Tina Turner in High Heels, Minirock und schwarzen Leggings über die Bühne und röhrt „We don’t need another hero“ und all ihre anderen Hits aus fünf Jahrzehnten ins Mikrofon. Die Konzertbesucher springen jubelnd auf. Die 69-jährige Rocklegende lässt auf ihrer diesjährigen Europatournee nicht den Hauch eines Zweifels aufkommen, dass sie nicht zum alten Eisen gehört.
Auch unter weniger Prominenten und Privilegierten haben immer mehr Menschen über 50 ein neues Lebensgefühl: Sie stehen voll im Berufsleben, starten eine zweite Karriere, fahren Rennrad, surfen im Netz und reisen um die Welt, werden frühe Großeltern oder späte Eltern.
Die Nachkriegsgeneration, die früher erklärtermaßen keinem über 30 traute, ist in die Jahre gekommen und stellt fest, dass sie nicht in das traditionelle Bild vom Alter passt: Alles wird weniger, Kraft, Lust, Lebensfreude. Diese scheinbar unverrückbare Negativperspektive ist passé. Keine Großelterngeneration zuvor ist zu weiten Teilen so aktiv, so gesund, finanziell so gut abgesichert und so mobil wie die heutige.
Fitnessfaktor Sport
Fragt man die, die vom Jahrgang her dazugehören, sind sich mehr als 90 Prozent ihrer größeren Möglichkeiten bewusst. 92 Prozent der Menschen über 50 finden zudem, dass die Älteren von heute andere Ansprüche an diese Lebensphase habenals Generationen vor ihnen. Bangemachen gilt für sie nicht: Nur 37 Prozent der über 50-Jährigen verbinden mit Alter hauptsächlich Krankheiten und geistigen Abbau, zeigt eine aktuelle repräsentative Umfrage des Senioren Ratgeber.
„Die Alten sind nicht mehr die Alten“, pflichtet Dr. Marianne Koch (78) bei. Die Medizinjournalistin findet es längst überfällig, publik zu machen, wie viel Positives das Alter für den Einzelnen bereithält. Die meisten haben auch nach der Rente noch 20 bis 25 Jahre vor sich – etwa ein Viertel ihrer gesamten Lebenszeit. „Das sollte man sich bewusst machen und sich rechtzeitig darauf vorbereiten, um diese Zeit für sich so befriedigend wie möglich zu gestalten.“
Die Chancen auf einen erfüllten dritten Lebensabschnitt stehen heute besser denn je: Mehr Wissen über gesunde Ernährung und den Fitnessfaktor Sport, weniger krank machende Jobs, mehr Serviceangebote, moderne Arzneimittel, die uns länger vital halten, und bessere medizinische Versorgung tragen entscheidend dazu bei, weiß Professor Gabriele Doblhammer vom Rostocker Zentrum zur Erforschung des Demografischen Wandels. Und der kommt mit Wucht: Die Geburtenraten stagnieren, die reifen Jahrgänge legen zu. Schon heute sind mehr als 30 Millionen Menschen in Deutschland über 50 Jahre alt.
Röhrenjeans statt Kittelschürze
Die Wirtschaft wittert ein Milliardengeschäft. „52 Prozent aller Konsumausgaben werden heute bereits von 50 plus getätigt. Damit sichern sie Jahr für Jahr Millionen von Arbeitsplätzen und die Zukunftschancen vieler Unternehmen“, sagt Andreas Reidl von der Agentur für Generationen-Marketing.
Dieser Zukunftsmarkt bringt die Wirtschaft dazu, sich intensiver um die Bedürfnisse der Zielgruppe 50 plus zu kümmern. Von ihren beginnenden Anstrengungen profitieren alle: Gute Qualität und leicht bedienbare Produkte, auf die ältere Konsumenten größten Wert legen, punkten auch bei Jüngeren.
Die Werbung zieht nach. So feierte die Fast-Food-Kette Burger King ihr Firmenjubiläum unlängst unter dem Motto „Over 50. And still hot“, was sich mit „Über 50. Und noch immer begehrenswert“ übersetzen ließe. Auch für die Pflegeserie „Dove“ trauten sich Marketingstrategen vor drei Jahren, mit reifen Frauen statt wie bislang üblich mit jungen, glatten Gesichtern zu werben.
„Wer Menschen über 50 erreichen will, braucht Einfühlungsvermögen“, betont Werbeprofi Reidl. Welche Frau Anfang 50 identifiziert sich heute noch mit der strickenden Oma im Schaukelstuhl? Vielen „Best Agern“ stehen Röhrenjeans und lange Locken besser als Kittelschürze und Dutt. Zumal gefühltes und tatsächliches Alter ohnehin weit auseinanderklaffen.
Menschen fühlen sich im Schnitt zwölf bis fünfzehn Jahre jünger, als in ihrem Pass steht. Und sie wollen auch so aussehen. Wellnessreisen, Fitnessstudios und Verjüngungstechniken wie Botoxspritzen und Facelifting boomen. Denn Altersflecken, lichteres Haar, Falten und Fettpolster kratzen bei vielen am Selbstbewusstsein.
Claudia Röttger / Senioren Ratgeber;
06.11.2009
Corbis GmbH/Tom Stewart
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