Lichter, die sich per Sprache anknipsen lassen, Rolläden, die auf Zuruf herunterfahren. Ein Werkstattbericht aus Erlangen
"Licht an": Hans Schulze bringt die Leselampe durch Zureden zum Leuchten
Gute Frage: Wie spricht man eigentlich mit einer Wohnung? Hans Schulze probiert es aus. „Machen Sie bitte den Rollladen hoch“, sagt er und schaut zum Fenster. Nichts passiert. „Ich habe Sie nicht verstanden“, kommt es etwas mechanisch aus dem Off. „Rollladen hoch“, ruft der 65-Jährige nun in das Mikrofon der Freisprechanlage, die er am Kopf trägt. Das wirkt.
„Na gut“, quittiert die Frauenstimme aus dem Automaten. Die grauen Lamellen ruckeln nach oben und geben den Blick frei auf den Kiefernwald hinter dem Betonbau der technischen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg. Schulze streckt den Daumen nach oben. „Vielen Dank für Ihren Besuch im ISA-Haus“, sagt das Band.
Das Kürzel steht für „intelligentes seniorenangepasstes Haus“. Das ist etwas übertrieben: ISA besteht aus einem Muster-Wohnzimmer, in dem sich eine Couch aus braunem Velour und eine Schrankwand in Buchenfurnier gegenüberstehen. In dieser 08/15-Kulisse arbeitet ein Team aus Informatikern, Medizinern und Altersforschern an einer kühnen Vision. Heizung, Licht, Lüfter, Fernseher, Telefon – alles, was Menschen im Alltag an Gerätschaften umgibt, soll künftig auf die Stimme hören.
Die Idee ist nicht neu. Schon heute stoppen Wecker auf Zuruf das Klingeln, tippen Computer Briefe nach Diktat, lotsen Banken ihre Kunden per automatischem Frage-und-Antwortspiel durch die Telefonanlage.
Die ISA-Leute aber wollen mehr. „Die Wohnung“, sagt Informatiker Dr. Stefan Steidl, „soll in Zukunft nicht nur auf Befehle wie ‚Licht an‘ hören.“ Die nämlich müsste man sich schon wieder merken. „Unser System soll verstehen.“ Ein Satz wie „Mir ist kalt“ etwa könnte den Thermostaten veranlassen, die Heizung aufzudrehen. „Man kann sich das vorstellen wie einen Butler“, illustriert Steidls Kollege Werner Spiegl: „Jemand, der immer da ist und merkt, was ich möchte.“
Kein Tastendruck, kein Programmieren, kein Entziffern von Anleitungen also. Nur reden. Das, so der Gedanke, können wir fast immer, selbst mit einem Handicap oder wenn das Gedächtnis nachlässt.
Aber man muss wissen, wie sich Menschen mit Geräten unterhalten, und deshalb brauchen die Forscher die Hilfe von Hans Schulze und seiner Frau Lisbeth, die heute im ISA-Haus zu Besuch sind. Die beiden Fürther machen bei „Sen-Pro“ mit, dem „Seniorenbeirat für die Produktentwicklung“, den Altersforscher der Universität Erlangen-Nürnberg seit Ende 2008 aufbauen. Die 140 Mitglieder zwischen 58 und 88 beraten Wissenschaftler und Ingenieure, die im bayerischen Forschungsverbund „Fit 4 Age“ („Fit fürs Alter“) neue technische Hilfen für Senioren entwickeln. Das sprechende Haus gehört dazu.
Eine der Aufgaben im ISA-Haus für die Schulzes und ihre Kollegen aus dem Beirat lautet: frei nach Schnauze reden. Wie spricht jemand, der das Fernsehprogramm der ARD meint: „die ARD“, „das Erste“, „der erste Kanal“? Sagen Menschen „Stehlampe“, „Deckenfluter“ oder „das Licht in der Ecke“? Das ISA-Haus soll solche Nuancen verinnerlichen, und noch mehr: „Manche sprechen das V in ‚Ventilator‘ eher wie ein F“, erklärt Spiegl, „andere mehr wie ein W.“
Viel Zeit hat das ISA-Team auf das Studium der Neujahrsansprachen der britischen Königin Elisabeth II. verwandt. Die Monarchin gehört zu den wenigen Menschen, von denen über Jahrzehnte Tondokumente vorliegen. „Mit zunehmendem Alter“, hat Steidl dabei beobachtet, „machen die Menschen zwischen den Wörtern mehr Pausen, und die Tonhöhe schwankt stärker.“ Der elektronische Diener muss das berücksichtigen.
Viele Jahre, räumen die Forscher aus Erlangen ein, wird es daher wohl noch dauern, bis ISA praxistauglich ist. Lisbeth Schulze will die Sache energisch vorantreiben. „Das sprechende Haus, das wäre eine tolle Hilfe“, begeistert sie sich. „So etwas brauchen wir fürs Alter.“ Zu mäkeln hat sie aber auch. „Der Kopfhörer wäre für mich eine Strafe.“ Daher experimentieren die Forscher nun mit Funkmikrofonen, die sich auf die Armbanduhr stecken lassen. Irgendwann soll das Haus Ohren bekommen und das Mikrofon in der Wand sitzen. Spätestens dann soll ein Satz die Ausnahme sein: „Ich habe Sie nicht verstanden.“
Kai Klindt, Senioren Ratgeber;
01.12.2009
W&B/Bert Bostelmann
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