Lach-Seminar: Mit Humor älter werden

Was jemand als lustig empfindet und was nicht ist individuell verschieden. Dennoch lässt sich Humor erlernen. Besuch bei einem Seminar für Senioren

von Thomas Röbke, aktualisiert am 29.03.2016

Lachen ist gesund: Humor kann Stress auflösen

Plainpicture/Jim Erickson

Die erste Lektion von "Mit Humor älter werden" beginnt in einem kleinen Raum im Begegnungszentrum "Haus im Park" in Hamburg-Bergedorf. Es ist ein grauer Mittwochmorgen, Kunstlicht beleuchtet den Stuhlkreis der fünf Teilnehmerinnen im Rentenalter. Nur Frauen? Halten sich Männer von Natur aus für unschlagbar witzig? "Männer haben generell größere Schwierigkeiten, sich Hilfe zu holen, darum sind sie meistens in der Minderzahl bei solchen Seminaren", erklärt Kursleiter Jan-Rüdiger Vogler. Der 53-Jährige ist Kommunikationstrainer und Journalist, in seiner Freizeit spielt er Improvisationstheater. "Fünf Sekunden Lachen werden leider skeptischer gesehen als eine fünfminütige Rauchpause." Dagegen kämpft er seit einigen Jahren an und zeigt, wie es anders geht: "Ich habe auch schon Lehrern Humor beigebracht."

Die Seminarteilnehmerinnen kommen überein, sich zu duzen, um Distanz abzubauen. Als vor 40 Jahren nach Norddeutschland emigrierte Rheinländerin hat Christa ihre speziellen Erfahrungen mit dem Thema Humor: "Die nett gemeinte rheinische Redewendung ,Du bist ja jeck‘ wird hier als Beleidigung aufgefasst." Sie hat festgestellt, dass viele ältere Menschen zu Verbissenheit neigen: "Die sehen alles negativ und kennen nur das Thema Krankheiten." Brigitte war zuletzt im Bauamt tätig und hat das Gefühl, ihre Arbeit habe sie zu ernst gemacht. Annelies war früher Personalleiterin. Manches Mal habe sie nach einer Diskussion gedacht: "Das hättest du mit Humor lösen können." Nun will sie die Reißleine ziehen: "Ich will die Dinge nicht so verbissen sehen und nicht zu denen gehören, die mit zunehmendem Alter immer mehr klagen und meckern."


Seminarleiter Jan-Rüdiger Vogler

W&B/Ronald Frommann

Humor: Es gibt kein richtig oder falsch

"Schreibt bitte auf, welche Komödianten ihr mögt und welche nicht", lautet die erste Aufgabe. Beim Vergleich der Notizen wird deutlich: Jeder Mensch hat seinen eigenen Humorstil. Loriot wird von allen geschätzt, bei Mario Barth scheiden sich die Geister. Einige finden ihn witzig, anderen ist dieser Komödiant "zu niveaulos". "Es gibt keinen falschen und keinen richtigen Humor", resümiert Kursleiter Jan und erläutert, dass jeder Humor in seiner Kindheit gelernt hat. "Wie sich dieser entwickelt, ist davon abhängig, ob und wie das Lachen von Eltern und Lehrern gefördert wird oder gedeckelt."

Bei den acht zweistündigen Terminen im zweiwöchentlichen Abstand geht es unter anderem darum, Sprachwitz zu entwickeln. Dafür übt Jan mit den Teilnehmerinnen die Grundlagen der Komik: Übertreibung, Wiederholung, Situationskomik. "Glitschig", ruft Christa und wirft dabei einen imaginären Ball rüber zu Wiebke. "Stachelig", sagt Wiebke und grinst. Schnell gibt sie den unsichtbaren Ball mit einer neuen Eigenschaft versehen weiter. Das kleine Auflockerungsspiel macht allen Spaß. Bei einer anderen Übung stehen die Frauen im Kreis und assoziieren Wörter. Annelies beginnt, dann geht es reihum. "Haus – Zimmer – Sofa – Kissen - Katze – Haare – mein Mann ..." Lautes Lachen. Vielleicht haben sie alle ein gemeinsames Bild vor Augen?

Mit der Technik der Übertreibung, etwa indem sie eine Äußerung wörtlich nehmen, wird die Absurdität vieler Alltagssituationen noch deutlicher. "Hast du dich verschluckt?" – "Nein, ich bin noch da!", zitiert eine Teilnehmerin ihren kleinen Enkel. Schlagartig wird allen klar, wie lustig Missverständnisse sein können.

Ziel: Humor in stressigen Situationen anwenden

"Was ist Humor?", fragt der Kursleiter in die Runde. Jede notiert, was ihr dazu einfällt. "Sprachwitz", "Situationskomik", "wenn man über die Katze stolpert, weil sie sich so verrückt in den Weg gelegt hat" oder "wenn der Hund den Staubsauger anbellt" etwa. Schon viele Dichter und Denker haben sich an der Definition versucht. "Humor ist der Schwimmgürtel auf dem Strom des Lebens", fand etwa der Schriftsteller Wilhelm Raabe.
Jans Lieblingsdefinition, die er irgendwo aufgeschnappt hat: "Humor ist der Flirt mit dem Leben."

Oberstes Kursziel ist es, Humor in Stresssituationen anzuwenden. Das gelingt, wenn einem die komischen Elemente der Situation deutlich werden. Wie etwa im klassischen Streit um die falsch benutzte Zahnpastatube: "Ihretwegen streitet ein Paar, setzt seine langjährige Liebesbeziehung aufs Spiel", erläutert der Kommunikationsprofi. "Würde man auf die eine Seite einer Waage die Tube legen und auf die andere Seite die Beziehung, würde überdeutlich, wie wahnwitzig die Situation ist." Der Trick sei, dies zu erkennen und sich lächelnd von der Situation zu distanzieren: "Damit löst sich der durch den Tunnelblick entstandene Stress auf." Diesen Perspektivwechsel zu üben sei der Schlüssel zur Entspannung. Dinge mit Humor zu nehmen bedeute aber nicht, immer über alles lachen zu müssen, betont der Spezialist für alles Komische. "Man kann mit Lachen nichts zukleistern."

Auch Hausaufgaben gibt es nach jedem Treffen: Jede Teilnehmerin soll ein "Humortagebuch" führen, in dem sie skurrile Alltagssituationen festhält oder wenn eine Karikatur oder eine witzige Szene im Fernsehen sie zum Lachen gebracht hat.

"Humor ist ein Schatz, den ihr alle habt."

Besuch beim letzten Treffen der Gruppe, wieder an einem grauen Morgen. Und lässt sich Humor lernen? "Ich denke schon", sagt Christa. "Über mich selbst zu lachen klappt jedenfalls hervorragend." Sie sei im Alltag humorvoller geworden, offen für Sprachwitz, "und Situationen, die zum Lachen sind, fallen mir jetzt eher auf". Brigitte ist in ihrem Urteil zurückhaltender: "Vielleicht hatte ich zu hohe Erwartungen: dass ich hier rausgehe und immerzu lustig drauf bin. Aber man kann sich nicht so schnell von Grund auf verändern." Annelies ist bewusst geworden, dass es in der Partnerschaft "oft die Kleinigkeiten sind, die viel verderben können. Gerade die bekommt man aber mit Humor weg."

Zum Abschied gibt Jan-Rüdiger Vogler den Neu-Humorexpertinnen noch einen Satz mit auf den Weg: "Humor ist ein Schatz, den ihr alle habt. Verteidigt ihn!"


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