Mehrgenerationenhaus: Gemeinsam statt einsam

Die meisten Menschen wollen im Alter selbstbestimmt und in Gesellschaft leben. Wie das mit neuen Wohnformen gelingt, zeigt ein generationenübergreifendes Wohnprojekt in Regensburg

von Dagmar Fritz, aktualisiert am 08.01.2016

Offen und vorbildlich: Das Mehrgenerationen-Wohnprojekt Allmeind in Regensburg

Dagmar Fritz

In zartem Apricot und massiver Ziegelbauweise steht sie da, die Idee vom gemeinsamen Leben und Wohnen der Generationen. Uta Hildt und ihre Mitstreiter haben sich ihren Traum vor sieben Jahren verwirklicht. "Als ich mich damals auf diesen Gedanken eingelassen habe, war ich auf der Suche nach einem Gefühl von Gemeinschaft", erinnert sich die 67-Jährige und lächelt. "Mein Mann und ich haben uns gewünscht, in einer Hausgemeinschaft zu leben, in der wir uns wohl fühlen und nicht alleine alt werden."

Mit diesem Wunsch waren die Hildts nicht alleine. Zusammen mit einer Handvoll anderen Engagierten trat die Ernährungswissenschaftlerin im Dezember 2005 dem damals neu gegründeten Verein MeGeWo e.V. bei, der generationenübergreifende Wohnprojekte födert.


Drei Jahre von der Idee bis zum Einzug

Als Bauträger konnte die Gruppe das Katholische Wohnungsbau- und Siedlungswerk (KWS) Regensburg von ihrem Konzept überzeugen. Nach unzähligen Mitgliederversammlungen, Planungsbeschlüssen sowie Gesprächen mit Architekten und der Stadt wurde die "Allmeind" genehmigt – das erste Mehrgenerationen-Wohnprojekt in Regensburg und der Oberpfalz. Dann ging alles recht schnell: Im Herbst 2007 rollten die Bagger und Baumaschinen auf das 3000 Quadratmeter große Baufeld nach Burgweinting, einem Neubauquartier 14 Busminuten von der Regensburger Innenstadt entfernt. Bereits im Februar 2009 fuhren die Umzugslaster vor, und die Mieter konnten die 31 Wohnungen beziehen.


Auf drei Etagen liegen die in sich abgeschlossenen Zwei- bis Vierzimmerwohnungen, die alle barrierefrei sind. In einem zweiten Gebäude befinden sich eine kleine Bibliothek und ein großer Gemeinschaftraum mit Küchenzeile, Sitzecke, Esstisch und Klavier. Dort treffen sich die Bewohner wöchentlich zum Kaffeeklatsch, zum Literatur- oder Bibelkreis oder feiern Feste. Wer mag, kommt auch zum Qigong. "Man kann überall mitmachen – muss aber nicht", sagt Uta Hildt, die gemeinsam mit ihrem Mann und 54 anderen Bewohnern im Wohnkomplex lebt. Darunter Familien, Alleinerziehende, Senioren, Alleinstehende und junge Paare: Der jüngste Bewohner ist knapp ein Jahr alt, die älteste Bewohnerin 85 Jahre.

Ihr neues Zuhause haben die Bewohner "Allmeind" getauft. Die Abkürzung steht für "Alle miteinander" – und der Name ist Programm: Gemeinsam kümmern sich die Bewohner um den Garten und kleinere Reparaturen, helfen beim Aufstellen des Kindertrampolins oder beim Putzen der Fensterflächen im Gemeinschaftsraum. Auch einen Babysitter oder eine Begleitung fürs Kino zu finden ist für die Bewohner der Allmeind kein Problem. Anfragen, Infos und Termine werden ans "Blaue Brett" gepinnt. "Wir schaffen vieles aus eigener Kraft. Das ist ein gutes Gefühl", sagt die Vorsitzende des Bewohnervereins Uta Hildt. Ein zufriedenes Lächeln kann sie nicht verkneifen.

Abschottung unerwünscht

Alle Wohnungen haben entweder Balkon, Dachterrasse oder Sitzplätze, die sich zum Gemeinschaftsgarten hin öffnen. Sichtschutz an der Terrasse ist unerwünscht. "Uns war von Anfang an wichtig, dass wir uns gegenüber den Nachbarn nicht abschotten", erklärt Irmgard Pernpeintner. Die 57-jährige Sozialarbeiterin engagiert sich im Bewohnerverein und ist seit der Gründung dabei. Auch bei der Auswahl neuer Mieter betonen die Vereinsmitglieder die Idee des Zusammenlebens. Denn das funktioniere nur, wenn möglichst viele mitmachen. "So ein Wohnprojekt ist kein gemachtes Nest, in das man sich setzen kann", erklärt Irmgard Pernpeintner. "Das Nest gibt es nur, weil die Bewohner bereit sind, es zu bauen."

Doch auch in einem Nest gibt es Reibungspunkte, gerade zwischen den Generationen: Die älteren Bewohner können schwere körperliche Arbeiten nicht mehr übernehmen, die Jüngeren haben wenig Zeit, weil sie mit Familie und Beruf beschäftigt sind. Und wie reagieren, wenn die Kinder in der Mittagsruhe zu laut sind? Darf man dann schimpfen oder sollte man erst mit den Eltern reden? "Wir sind keine Insel der Glückseligen", so die Wohnerfahrung von Irmgard Pernpeintner, "Meinungsverschiedenheiten gibt es auch hier."

Zusammen leben, um füreinander da zu sein

Viele bunte Blumentöpfe stehen auf den verglasten Gängen, über die man vom Treppenhaus aus die Wohnungen erreicht. Alle duzen sich, gegrüßt wird sowieso. Meistens wechseln die Beteiligten auch ein paar Worte im Treppenhaus. Wer gerade zum Bäcker muss, fragt zum Beispiel den Nachbarn, ob er ihm Brötchen mitbringen soll. Egal ob man einen Babysitter braucht oder ein Loch in die Wand gebohrt werden muss: "Immer findet sich jemand, den man fragen kann", sagt Regina Nützel, mit 85 Jahren die älteste Bewohnerin in der Allmeind. Die Zeitung und die Ökokiste teilt sie sich seit Jahren mit ihrer Nachbarin.

Vor einiger Zeit kümmerte sich Regina Nützel wie eine Ersatzoma um ein Mädchen aus dem Haus, kochte einmal die Woche nach der Schule für das Kind und half bei den Hausaufgaben, bis die Mutter abends aus der Arbeit kam. Heute bekommt die 85-Jährige Unterstützung, nicht nur wenn es ums Einkaufen geht oder ein Arztbesuch ansteht: "Wenn meine Nachbarin morgens nichts von mir hört, erkundigt sie sich, ob es mir gut geht", erzählt die Dame, die vor sieben Jahren die Wahl zwischen einem Stift und der Allmeind hatte. "Meine Entscheidung für das Wohnprojekt habe ich nie bereut."

Doch die nachbarschaftliche Unterstützung hat auch ihre Grenzen: "Sobald körperliche Pflege nötig ist, muss professionelle Hilfe ran. Denn dann kommen auch Haftungsfragen ins Spiel", erklärt Sozialarbeiterin Irmgard Pernpeintner. Aber auch hierfür ist gesorgt. Sollten Bewohner Unterstützung brauchen, gibt es im Haus eine Wohnung, in die eine Pflegekraft einziehen könnte. Außerdem befindet sich auf der anderen Straßenseite ein Stützpunkt des Pflegedienstes.

Sozial wetterfest und kompromissbereit

Wer im Alter mit dem Gedanken spielt, in ein generationenübergreifendes Wohnprojekt zu ziehen, sollte "sozial wetterfest" sein, Kompromisse eingehen können und "am besten nicht zu lange damit warten", raten die Damen der Allmeind einstimmig. Sie haben die Erfahrung gemacht: Solange ältere Menschen noch keine Hilfe im Alltag benötigen, scheuen viele den Umzug aus den eigenen vier Wänden. Doch das ist ein Fehler, meinen die Damen der Allmeind. "Soziale Beziehungen müssen erst wachsen, die kann man nicht erzwingen", sagt Irmgard Pernpeitner. "Wenn dann Unterstützung nötig wird, ist es meist zu spät, um sich in einer neuen Umgebung ein stabiles, soziales Netz aufzubauen."

Auch zu weit weg von Familie oder Freunden sollte man möglichst nicht ziehen, "sonst entstehen zu große soziale Erwartungen, die die Nachbarschaft nicht erfüllen kann", so die Erfahrungen von Uta Hildt. Den Umzug vor sieben Jahren haben die Hildts nicht bereut. Auch wenn es stürmische Zeiten in ihrem "Nest" gibt, ihre Erwartungen haben sich zum großen Teil erfüllt: "Wir haben in der Allmeind das Gefühl von Gemeinschaft gefunden."


Mehr Informationen

Wer Wohnprojekte sucht oder selbst ein Projekt organisieren möchte, findet bei unterschiedlichen Stellen und Vereinen Informationen und Unterstützung:

 

Forum Gemeinschaftliches Wohnen e.V.

bietet Informationen und eine Projektbörse, in der man über Inserate nach Gleichgesinnten suchen kann
www.fgw-ev.de


Wohnbund e.V. München

Netzwerk von wohnungspolitisch interessierten und engagierten Menschen, die mehr über neue Wohnformen und deren Realisierung erfahren möchten
www.wohnbund.de


Verein für Generationenwohnen e.V.

Beratung von Engagierten, Bauträgern und Kommunen
www.megewo.de


Wohnprojekte-Portal.de

Hier finden Interessierte Infos zu den Themen: Gemeinschaftliches Wohnen, Wohngemeinschaften, Baugemeinschaften und Siedlungsgemeinschaften. Außerdem findet man einen Überblick über Projekte, die gerade entstehen oder geplant sind.
www.wohnprojekte-portal.de


Staatliche Fördermöglichkeiten gibt es für den Auf- und Ausbau alternativer Wohn- und Betreuungsformen sowie für barrierefreies Bauen. Infos dazu erhält man bei den Sozialministerien der Bundsländer und bei den lokalen Architektenkammern.



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