Der Schauspieler erzählt aus seinem Leben und erklärt, weshalb uns Schurken so interessieren
Mario Adorf hat lange Zeit in Italien gelebt
Sie haben nach 40 Jahren Ihre Wohnung in Rom verkauft und sind nach München gezogen. Warum?
Ich war nicht mehr glücklich in Rom, da habe ich mir gesagt: Das war’s, und das Kapitel abgeschlossen. Die Stadt hat sich sehr verändert. Die alten Regisseure sind alle weggestorben, die politische Lage hat mir auch nicht gepasst. Dass es von einem Mann wie Berlusconi abhängt, ob man arbeitet oder nicht. Zuletzt war es egal, mit welchem Produzenten ich arbeitete, die Filme landeten immer bei Berlusconis Sendern. Die sind weit extremer als unsere Privatsender.
Ihr Vater war Italiener – haben Sie so etwas wie eine spezielle italienische Eigenschaft?
Viele Jahre wollte ich so italienisch werden, wie ich deutsch bin. Oder sogar ein bisschen mehr. Aber das klappte nicht. Alles, was mir an Italien gefiel und mich reizte, meine ganze Haltung Italien gegenüber war die des Deutschen. Der Deutsche ist interessiert an der Geschichte, der Kunst; der Italiener nicht. Das Publikum hat mich akzeptiert als Italiener, für die Produzenten in Italien aber war ich der Ausländer. Der große Durchbruch ist mir in Italien nicht geglückt. In die Phalanx der Stars hat man mich nicht reingelassen.
Was bedeutet für Sie Heimat?
Wo man aufgewachsen ist, wo man die Kinderlieder gelernt, die erste Liebe erlebt hat, das ist Heimat. Die Landschaft, die eigene Erfahrung, die Wahrnehmung, die als Kind ganz prägend ist. Zu Hause kann ich mich dagegen überall fühlen, selbst in einem Hotelzimmer. Ich habe nie unter Heimweh gelitten.
Warum hatte Ihre Mutter Sie ins Waisenhaus gegeben?
Sie konnte ihre Arbeit als Röntgenassistentin nicht mehr ausüben, weil sie Strahlenverbrennungen an den Beinen hatte. Sie sattelte um auf Schneiderin, hatte aber kein eigenes Atelier, ging also zu den Leuten in die Häuser. Und da konnte sie mich nicht mitnehmen. Von 1934 bis 1939 war das. Das Waisenhaus lag aber ihrer Wohnung direkt gegenüber, und sonntags war ich bei ihr. Ich habe kein Waisenhaus-Trauma davongetragen.
Ihren Vater haben Sie nur einmal getroffen …
Und ein „Hallo, Papa!“-Erlebnis war das nicht. Eine Tante hatte das Treffen arrangiert, damals war ich 20. Sie meinte, dass mein Vater eine gewisse Pflicht hätte, mich beim Studium finanziell zu unterstützen. Das hat er dann auch getan. Aber er wurde krank und starb sehr früh, er wurde nicht mal 60 Jahre alt. Da ich nicht Italienisch sprach und mein Vater nicht Deutsch, verständigten wir uns mit ein paar Wörtern auf Latein.
Nach einer ZDF-Umfrage sind Sie der beliebteste Schauspieler der Deutschen nach Heinz Rühmann. Freut Sie das? Oder fürchten Sie eher den Erwartungsdruck?
Ach, beliebt – was heißt das? Das sind viele; Sportler, Musiker, Schauspieler… Wenn man messen will, wer beliebter ist, dann ist das doch eine oberflächliche, zeitgebundene Entscheidung. Natürlich ist es schön, wenn ich zu den guten oder sehr guten Schauspielern zähle. Natürlich bringt das auch eine Verpflichtung in der Öffentlichkeit mit sich: Ich vermeide, bei Rot über die Ampel zu gehen, wenn Leute da sind. Dieser kleinen Vorbildfunktion will ich gerne nachkommen.
Sind Sie mit den Jahren besser geworden, wie ein guter Wein?
Viele bauen ab im Alter – Sean Connery und ich gehören zu denen, die ein relativ glückliches Altersbild abgeben. Wer in der Jugend schön aussieht, hat es schwerer, gut alt zu werden. Ich war nie eine Schönheit, damit standen die Chancen gut, dass sich das Altersbild günstig entwickelt. Das hat aber mit Leistung und Können nicht viel zu tun. Aber gut: Es gibt eine Grundbegabung, die man nicht lernen kann, es gibt ein Temperament, das man nicht ändern kann. Aber viele Dinge, die man lernen kann – und dafür braucht es Zeit.
Hatten Sie einfach Glück mit den Genen, oder haben Sie etwas für Ihr vitales Aussehen getan?
Wenn ich die Altersgene meiner Mutter erwischt habe, habe ich Glück – die ist 92 geworden. Was die Ernährung angeht, unterwerfe ich mich keinem Diktat; ich würde sie bestenfalls vernünftig nennen. Sport ist nicht mein Ding. Doch meine Arbeit hilft mir, im Kopf fit zu bleiben. Ich habe aber nicht den Ehrgeiz, mit 105 auf der Bühne zu stehen oder auf der Bühne zu sterben. Deshalb habe ich mich auch vor fünf Jahren vom Theater verabschiedet.
Thomas Röbke / Senioren Ratgeber / GesundheitPro;
22.06.2009
DDP/Katja Lenz
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