Selbstständig wohnen mit smarten Helfern

Sensoren und intelligente Geräte im Haushalt sollen ältere Menschen dabei unterstützen, länger in den eigenen vier Wänden zu leben. Doch noch sind die Helfer kaum verbreitet

von Stephan Soutschek, aktualisiert am 15.01.2016

Staubsaugerroboter: Technik kann ältere Menschen zu Hause entlasten

Getty Images/Mlenny Photography

Ohne seinen Roboter Odi unternimmt Rentner Lennart in der schwedischen TV-Serie "Real Humans – Echte Menschen" nichts. Odi, der rein äußerlich kaum von einem lebendigen Menschen zu unterscheiden ist, fährt mit ihm zum Einkaufen, kocht und erledigt den kompletten Haushalt. In der Welt, in der die Serie spielt, kümmern sich Maschinen wie er um allein wohnende Senioren wie Lennart.

AAL: Kleine Helfer im Alltag

Für Christophe Kunze ist das eher kein wahrscheinliches Bild der Zukunft: "Dafür ist die Akzeptanz von solchen menschenähnlichen Robotern zu gering." Kunze ist Professor für Assistive Technologien an der Hochschule Furtwangen. Er glaubt vielmehr, dass statt einem einzelnen Roboter, der alles kann, verschiedene kleine technische Geräte älteren Menschen in Zukunft zu einem unabhängigeren Leben zu Hause verhelfen werden. Zum Beispiel Staubsauger, die selbstständig die Wohnung reinigen; Wasserhähne und Herdplatten, die sich automatisch abschalten; und Toiletten, die den Urin auf Krankheiten untersuchen.


Fachleute fassen solche technischen Lösungen unter dem Begriff "Ambient Assisted Living" (AAL) zusammen – meist frei als "Altersgerechte Assistenzsysteme für ein selbstbestimmtes Leben" übersetzt. Eine einheitliche Definition, was dieser Begriff bezeichnet, gibt es nicht. In der Regel fallen darunter alle technischen Geräte, die Ältere oder Menschen mit Handicaps im Alltagsleben unterstützen. Das klingt ziemlich nach Zukunftsmusik. Im Grunde zählt aber schon ein Hörgerät zu AAL.

Das Haus ruft nach Unfällen um Hilfe

Doch auch ausgefallenere Technologien sind durchaus schon Wirklichkeit. Neben den erwähnten Staubsaugerrobotern zum Beispiel noch Sensormatten, die bemerken, wenn ein Hausbewohner gestürzt ist, und in diesem Fall den Rettungsdienst rufen. Oder eine elektronische Medikamentenbox, die ihren Besitzer daran erinnert, wenn er eine Arznei einnehmen muss.

Der Staat fördert Entwicklungen dieser Art mit verschiedenen Projekten. Denn die innovativen Hilfsmittel gelten als Teil der Antwort auf den demografischen Wandel. Im Jahr 2030 dürfte mehr als jeder Vierte über 65 Jahre alt sein. Je länger diese Menschen selbstständig zu Hause leben, desto weniger Kosten fallen für die Pflegekassen an, so die Hoffnung. Als vielversprechend gelten Neuerungen in den Bereichen Sicherheit und Mobilität. "Zum Beispiel Rollatoren, die bergab automatisch bremsen und nicht wegrollen", sagt Kunze. "Oder die bei Anstiegen mit einem kleinen Hilfsmotor unterstützen."

Umstritten: Demenzkranke überwachen?

Gegen einen solchen Rollator haben die wenigsten etwas einzuwenden. Doch was, wenn die Technik dazu dient, einen Menschen zu überwachen? Manch einer mag sich spontan unwohl fühlen bei dem Gedanken, dass seine eigene Wohnung ihn kontrolliert. Oder dass ein Ortungssystem den Aufenthaltsort eines Demenzpatienten jederzeit mittels GPS ermittelt. Läuft der Kranke weg, kann ein Angehöriger ihn so schnell finden. Auch das gibt es bereits. Sicherlich eine sinnvolle Technik – aber auch moralisch vertretbar?

Nach den Erfahrungen von Birgit Kramer gehen Betroffene selbst überwiegend pragmatisch solche Fragen an. Sie hat für ihre Doktorarbeit beim Netzwerk Alternsforschung an der Universität Heidelberg pflegende Angehörige von Demenzkranken zur Akzeptanz von neuen Technologien interviewt.

Assistenzsysteme kaum bekannt

"Die wenigsten lehnen eine moderne Assistenztechnologie ab, wenn sie einen Nutzen erwarten", sagt Kramer. Auch im Abschlussbericht zur Studie "Unterstützung Pflegebedürftiger durch technische Assistenzsysteme", die vom Bundesministerium für Gesundheit in Auftrag gegeben worden war, heißt es, dass Datenschutzfragen vor allem von der Enkelgeneration gestellt werden, weniger von der Zielgruppe selbst.

Wenn die Akzeptanz nicht das Problem ist – warum gibt es heute kaum Wohnungen, die mit intelligenten Fußböden und Raumüberwachern ausgestattet sind? Zum einen wissen viele Menschen schlicht nicht, was es überhaupt gibt. Das Forschungszentrum Informatik in Karlsruhe und die Hochschule Furtwangen haben deshalb die Internetseite www.wegweiseralterundtechnik.de eingerichtet, auf der Senioren sich einen Überblick verschaffen können. Doch nach wie vor fehlt es an Beratungsangeboten, bei denen Interessierte sich informieren können, kritisiert Kramer. "Die fehlende Bekanntheit ist ein Riesenproblem", sagt sie.

Preis und Aufwand könnten auch manche abschrecken. Das Haus mit Sensoren auszustatten, kostet oft einen vierstelligen Betrag. Für den Einzelnen lohne sich das aber schon, wenn der Umzug in ein Pflegeheim sich nur um wenige Monate verzögert, rechnet Kramer vor.

Kein Ersatz für menschliche Zuwendung

Daneben ist die Vorstellung verbreitet, die Technik mache menschliche Zuwendung überflüssig. Vor allem professionelle Pflegekräfte betrachten die automatischen Neuerungen oft mit Argwohn. Sie fürchten, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, wenn Maschinen ihre Aufgaben übernehmen. Die Befürworter teilen diese Sorge nicht. Vielmehr gehe es darum, die Pfleger von bestimmten Arbeiten zu entlasten, damit sie mehr Zeit für ihr Gegenüber haben. "Technik wird nie menschliche Nähe in der Pflege ersetzen können, sie soll vielmehr begleitend unterstützen und entlasten", sagt Kramer.

Die elektronischen Helfer haben Potenzial. Doch mit welchen Geräten werden ältere Menschen in Zukunft ihre Wohnung teilen? Der Blick in die Kristallkugel fällt auch Fachleuten wie Kunze schwer. "Vor zwanzig Jahren dachte kaum jemand an so etwas wie das Internet oder Smartphones", sagt der Technikforscher. "Heute können die meisten sich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen."



Bildnachweis: Getty Images/Mlenny Photography

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