Ein Interview mit dem Münchner Politiker Hans-Jochen Vogel
Hans-Jochen Vogel: Der bekannte deutsche Politiker lebt in einem Altenwohnheim
Wie haben Sie als junger Mensch alte Leute wahrgenommen?
Mit einer Mischung aus Respekt und Erstaunen. Ich habe da vor allem das Bild meiner Großmutter vor mir, die damals schon in den Achtzigern war. Die hatte ihren Haushalt noch voll im Griff, hat viel mit mir Karten gespielt. Und aus der eigenen Jugendzeit erzählt.
Ist dieser Respekt bei den Jüngeren heute nicht mehr so da?
Bei meinen eigenen Enkeln würde ich vielleicht nicht den Begriff Respekt verwenden, aber eine gewisse Achtung ist schon vorhanden und spürbar. Das hängt auch mit der individuellen Erziehung zusammen. Generell habe ich wenig Probleme mit jungen Menschen. Ich bin ja auch hin und wieder in Schulen zu Gast oder bei anderen Gelegenheiten, wo junge Menschen etwas von mir wissen wollen. Da habe ich nicht den Eindruck der Gleichgültigkeit.
Im Jahr 1960 wurde Hans-Jochen Vogel im Alter von 34 Jahren Oberbürgermeister der Stadt München
Gab es mal einen Punkt, wo Sie das Gefühl hatten: Jetzt bin ich alt?
Nein, das war ein schleichender Prozess. Die körperliche Leistungsfähigkeit lässt nach, Dinge fallen weg, die früher selbstverständlich waren: Fahrradfahren über längere Strecken etwa oder Bergwanderungen. Dann hatte ich mit einer längeren Rheumageschichte zu kämpfen. Und ich brauche länger, bis mir manche Namen wieder einfallen. Aber meine Frau und ich sind nie in Geburtstagsdepressionen verfallen. Wir sind realistisch genug, um zu wissen: Wenn man weiterlebt, dann muss man auch älter werden.
Vor vier Jahren sind Ihre Frau und Sie in ein Altenwohnheim gezogen. Warum?
Schon beim Vorvertrag vor acht Jahren waren wir uns einig, dass wir die Entscheidung über unseren letzten Lebensabschnitt selbst treffen und sie nicht dem Zufall oder unseren Kindern überlassen wollten. Hinzu kamen die Kniebeschwerden meiner Frau, die ihr das Treppensteigen schwermachten.
Warum scheuen viele Ältere den Schritt?
Wahrscheinlich deshalb, weil sie von den Lebensbedingungen in einem Altenwohnheim eine unzutreffende Vorstellung haben. Manche fürchten offenbar Einschränkungen ihrer Selbstständigkeit und eine mehr oder weniger ständige Beaufsichtigung.
Hatten Sie denn das Gefühl: Oje, jetzt gehören wir zum alten Eisen?
Im Gegenteil: Als wir einzogen, waren wir 79 und 80 Jahre alt – damit gehörten wir dort zu den Jüngeren. Die Erfahrung hatten wir schon lange nicht mehr gemacht.
Manche Seniorenheimbewohner fühlen sich isoliert von der Außenwelt …
Darum ist es sehr wichtig, dass man seine sozialen Kontakte mitnimmt. Wenn man die aufgeben muss, weil man die Stadt wechselt, ist das ein Problem.
Ihre Frau hat über Ihre Beweggründe, ins Heim zu gehen, jetzt sogar ein Buch veröffentlicht.
Offenbar ist es ungewöhnlich für jemanden mit meiner politischen Laufbahn, in ein Altenwohnheim zu ziehen. Das hat für einiges Aufsehen in den Medien gesorgt. Daraufhin hat eine Literaturagentin meine Frau angesprochen, ob sie nicht darüber schreiben möchte. Ich habe mich nicht eingemischt, das Manuskript erst gelesen, als es fertig war. Und ich muss sagen: Respekt!
Wird man mit dem Alter weiser?
Das sind schon sehr hohe Anforderungen, bis man jemanden als „weise“ bezeichnen kann. Aber die Lebenserfahrung ist natürlich schon relevant. Man hat so viele Situationen erlebt und manche Probleme gemeistert, das sind dann wertvolle Erfahrungen, die einen gelassener machen. Viele ältere Menschen neigen dazu zu sagen: Früher war alles besser. Aber das ist Unsinn. Da brauchen wir nur an die Zeit des Faschismus zu denken. Man darf auch nicht zu oft den Finger heben und als Oberlehrer fungieren. Aber jungen Menschen Auskünfte aus der Vergangenheit zu geben, das ist durchaus wichtig. Etwa den Hinweis, was herauskommt, wenn Grundwerte wie die Menschenwürde missachtet werden. Oder wenn man wegschaut und sich nicht für das Gemeinwesen engagiert.
Sie waren in der Hitlerjugend aktiv. Ist es Ihnen schwergefallen, sich dazu offen zu bekennen?
Nein. Warum hätte ich das verschweigen sollen? Der Gedanke, dass man dem Staat Widerstand leisten, gar sein Leben dafür riskieren müsste, wie es die Geschwister Scholl taten, lag damals außerhalb meiner Vorstellungswelt. Ich habe in jener Zeit eine Synagoge brennen sehen und dass Polizei und Feuerwehr den Brand noch anfachten, statt ihn zu löschen. Auch sonst bin ich immer wieder auf Widersprüche gestoßen. Aber die Augen gingen mir nicht auf. Das wirkliche Ausmaß der Verbrechen habe ich erst nach Kriegsende allmählich erkannt.
Denken Sie manchmal: Hättest du doch damals anders gehandelt?
Ja. Ich habe aber daraus keinen Vorwurf abgeleitet, sondern die Aufgabe, mich für ein „Nie wieder“ einzusetzen, etwa in der Vereinigung „Gegen Vergessen – Für Demokratie“, die ich mitgegründet habe.
Ein Bruder in der SPD, der andere in der CDU – ist das nicht ein steter Quell für Familienstreitigkeiten?
Natürlich wird auch über manches ironisch geredet. Aber man hat sich gegenseitig respektiert, und wir teilen bestimmte Grundeinstellungen. Politisch waren wir in all den Jahren nur einmal im selben Gremium, ein halbes Jahr im Bundesrat. Ansonsten amtierten wir immer an unterschiedlichen Orten.
Sie waren in Ihrer politisch aktiven Zeit berühmt-berüchtigt für Ihre Pedanterie und Ihre Klarsichthüllen ...
…die ich immer für sehr nützlich gehalten habe. Mit Büroklammern verrutschen Ihnen dauernd Dokumente. Und in einer Zeit, in der Gorbatschow für seine Transparenz gerühmt wurde, lag die Klarsichthülle doch wohl voll im Trend.
Hat Sie Ihr „Oberlehrer“-Titel gestört?
Warum? Irgendwie haben es die Menschen eigentlich ganz gern, wenn jemand genau ist. Auch habe ich es immer mit dem Motto gehalten: „Die genaue Kenntnis des Sachverhalts erschwert gegnerische Einwände.“
Ihre Brille ist auch so ein Markenzeichen ...
Ich habe nur einmal versucht, mein äußeres Erscheinungsbild zu ändern, als Oberbürgermeisterkandidat in München. Ich war 33 Jahre, mein Konkurrent fast doppelt so alt. Freunde rieten mir, Pfeife zu rauchen, um älter zu wirken. So habe ich, obwohl Nichtraucher, sechs Wochen Pfeife geraucht, davon gibt’s sogar noch Fotos. Aber der Rauch hat sich so in die Vorhänge eingefressen, und geschmeckt hat’s auch nicht.
Zur Person:
Politiker: Der promovierte Jurist trat 1950 in die SPD ein. Seine politische Karriere begann in München, wo er von 1960 bis 1972 Oberbürgermeister war. Weitere Stationen auf dem Weg zum SPD-Bundesvorsitz (1987 bis 1991): Bundesbau- und -justizminister, Regierender Bürgermeister von Berlin sowie Kanzlerkandidat.
Privatmensch: Vogel ist seit 1972 mit seiner zweiten Frau Liselotte verheiratet. Das Paar hat fünf Kinder und lebt in München.
Thomas Röbke / Senioren Ratgeber;
04.03.2010
Marc Darchinger/J.H.Darchinger, Laif GmbH/Daniel Biskup
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