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Wer ist schon weise?

Das Alter macht nicht automatisch weise. Doch wer viel erlebt hat, kann sich dieser seltenen Tugend nähern

Frau Gerda Papenkuhl

"Weisheit ist für mich, wenn man sich mit einem Schicksal abfindet, das nicht zu ändern ist", sagt Gertrud Papenkuhl, Rentnerin aus Kiel, 103 Jahre alt

Das Tal der Tränen sollte durchschritten sein, der Blick wieder ungetrübt. Dann erst sollte der Schreiber, den Dr. Katharina Schmid aus Aarau vor Augen hat, seinen Stift zücken. Denn sie hat eine klare Vision. „Ich will den Schatz der verborgenen Lebensweisheiten heben und in einem Buch veröffentlichen.“

 

An Kalendersprüche von Sokrates oder Konfuzius denkt die 73-Jährige dabei nicht. In ihrem Werk will sie dem Witwer, der seine Trauer verarbeitet hat, das Wort überlassen. Oder der 80-Jährigen, die beschreibt, wie sie ins Altenheim ziehen musste und diese Krise gemeistert hat. Einen Titel für das künftige Werk gibt es noch nicht. „Es ‚Lebensweisheiten‘ zu nennen, wäre vielleicht vermessen“, überlegt Schmid. „Wer ist schon weise?“


Herr Gert Scobel

"Ich verstehe Weisheit als die Fähigkeit, mit Komplexität und mit unserer Endlichkeit umzugehen", so Gert Scobel, Fernsehmoderator, 51 Jahre alt

Professorin Judith Glück aus Klagenfurt bekommt diese Frage oft zu hören. Eine Standardantwort hat sie darauf nicht. „Das Phänomen Weisheit ist schwer greifbar. Es lässt sich nicht wie ein Intelligenzquotient messen“, erklärt die Psychologin. Umso faszinierender ist es für die Wissenschaftlerin auszumachen, was Menschen auszeichnet, die in schwierigen Situationen über den Dingen stehen und anderen kluge Ratgeber sind.

 

Laien wie Forscher sind sich einig: Weise verfügen über ein breites Wissen, hinterfragen sich und andere und sind offen für Neues. „Außerdem können sich weise Menschen gut in andere einfühlen“, betont die Weisheitsforscherin. Und: Auch wenn weise Menschen spüren, wie andere ticken, nutzen sie das nicht aus: „Sie wägen die Interessen aller ab und setzen sich für das Gemeinwohl ein.“

 

Weisheit ist eine seltene Gabe. Laut Forschern besitzen sie nur zwei von hundert Menschen. In Zeiten von Bankkrisen und Terrorgefahr blickt Otto Normalbürger erwartungsvoll zu Menschen wie dem Dalai Lama oder Nelson Mandela auf, die landläufig als weise gelten.

 

„Die Menschen sehnen sich nach Stabilität“, vermutet Stefanie Thomas. Für die Leipziger Psychologin hat das Thema Weisheit noch aus einem anderen Grund Konjunktur: „Lange galt Alter als eine Lebensspanne des Verlusts. Der Blick richtet sich heute mehr auf die positiven Seiten. Da passt Weisheit gut.“ 

 

Die Formel „Alt gleich weise“ liegt nahe. Doch stimmt das? Berliner Wissenschaftler wollten es genauer wissen. Sie definierten ein Bündel von Kriterien, was Weisheit auszeichnet, danach befragten sie Alt und Jung zu schwierigen Lebenssituationen. Etwa derart: Ein 14-jähriges Mädchen will zu Hause ausziehen. „Was würden Sie ihr raten?“ Im Anschluss werteten die Forscher die Antworten aus – und stellten Erstaunliches fest: Die Älteren waren ihren jüngeren Mitstreitern nicht überlegen.

 

Die Fähigkeit zu einer lebensklugen Einsicht formt sich schon in jungen Jahren. Mit etwa 25 Jahren ist sie abgeschlossen. „Wir hätten es kaum für möglich gehalten, wie wenig Weisheit im Erwachsenenalter mit den Lebensjahren zusammenhängt“, sagt Ursula Staudinger, die an der Jacobs University Bremen lehrt. 

 

Aus seinen Erfahrungen lernen


Die Psychologin geht noch einen Schritt weiter. Alter, meint Staudinger, kann weitsichtiges Handeln sogar ausbremsen. Denn in der zweiten Lebenshälfte bleibt manches, was Weise mitbringen, oft auf der Strecke. Etwa die Lust auf Neues. Auch die Gabe, sich in die Perspektive anderer hineinzudenken, nimmt ab.

 

„Bleiben wir nicht offen für Neues, neigen die Einsichten, die wir einmal gewonnen haben, dazu, zu verkrusten“, sagt Staudinger. Ihr Fazit: Gesammelte Erfahrungen müssen immer wieder getestet werden, ob sie unter neuen, veränderten Umständen noch zutreffen. 

 

Wer aus seinen Erfahrungen nicht lernt, bleibt mit 70 der Kindskopf, der er bereits mit 30 Jahren war. „Weise handelt der, der aktives Wissen aus seinem Erlebten zieht und in das Leben einfließen lässt“, betont Stefanie Thomas. Die Wissenschaftlerin, die derzeit über das Thema Weisheit ihre Doktorarbeit schreibt, forscht, ob Grauhaarige „Grünschnäbeln“ in Sachen Weisheit nicht doch etwas voraushaben.

 

Ihre These: Jüngere können zwar Lebenskrisen in der Theorie so klug wie Ältere beurteilen – die Berliner Studie hat es bewiesen. Aber Senioren haben viele Prüfungen des Lebens bereits bestanden. „Wir vermuten, dass sie bei tatsächlichen, also nicht erfundenen Problemen, dieses Erfahrungswissen nutzen“,  erklärt Thomas. 

 

Die Weisheitsforscherin Judith Glück wollte etwas anderes wissen: Sie hat junge Erwachsene und über 60-Jährige befragt, wann sie sich selbst einmal als weise erlebt haben. „Wenn ich in schwierigen Situationen bei mir selbst geblieben bin“, lautete meist die Antwort der 30-Jährigen. Anders der Rückblick der Großeltern-Generation. „Sie hat sich als lebensklug empfunden, wenn sie Kompromisse geschlossen hat“, sagt Glück.

 

Die Klagenfurter Forscherin überrascht das nicht. Sie weiß: Über 60-Jährige haben im Angesicht von Verlusten gelernt, einen Schritt zurück zu machen. „Wir glauben, dass das auch ein Grund ist, warum viele Weisheit mit Alter verbinden.“

 

Schritt für Schritt nähern sich die Forscher dem Phänomen der Lebensklugheit. „Dieses Ideal ist schwer zu erreichen“, betont Psychologin Thomas. „Aber man kann es auch anders sehen: Weisheit kann sich auch in einzelnen Situationen zeigen. Das ist doch viel aufbauender.“

 

Deshalb will Katharina Schmid aus Aarau das „Projekt Lebensweisheit“ vorantreiben: „Ich will jungen Leuten Anregungen geben, wie sich Krisen meistern lassen.“ Sie selbst, erzählt die 73-Jährige, möchte alle Schwierigkeiten und Niederlagen, die sich ihr in den Weg gestellt haben, nicht missen. „Geht es doch darum, sie zu überwinden“, glaubt sie. So lautet ihr Lebensmotto: Werde der, der du eigentlich sein solltest“.

 

Ihre Weisheit ist gefragt:


Das „Projekt Lebensweisheit“ sucht Menschen, die schreiben, wie sie in einer Lebenskrise weise gehandelt haben. Beschreiben Sie kurz Ihre problematische Situation, und was Ihnen geholfen hat, sie zu meistern. Schicken Sie den Text an Dr. Katharina Schmid, Pestalozzistraße 51, CH - 5000 Aarau, katharinaschmid@bluewin.ch (Fax: 0041/628239096).

 

Hinweis: Der Ratgeber-Aufruf zur "Lebensweisheit" hat offenbar einen besonderen Nerv der Leser/innen getroffen. Der Rücklauf an berührenden Beiträgen habe alle Erwartungen übertroffen, berichtet Dr. Katharina Schmid. Sie schreibt, dass sie deshalb nicht mehr in der Lage ist, alle Zuschriften – wie ursprünglich gedacht – persönlich zu beantworten: "Wo nötig, melde ich mich jedoch gerne mit Rückfragen. Deshalb möchte ich mich in dieser Form bei allen Einsenderinnen und Einsendern sehr herzlich bedanken!" Sie nimmt außerdem neue Zuschriften weiterhin gerne entgegen.

 

 



Raphaela Birkelbach / Senioren Ratgeber; 07.05.2010, aktualisiert am 25.06.2010
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