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Zeit für differenzierten Blick

Ältere, wissen Glücksforscher, sind wesentlich zufriedener als Frauen und Männer zwischen 20 und 40

Senior beim klettern

Wer Sport treibt, hält sich fit. Auch gesunde Ernährung, nicht rauchen und regelmäßige Vorsorge-Untersuchungen tragen dazu bei, länger jung zu bleiben

Tribut an die Zeit zahlt auch der Körper. Statistisch nehmen gesundheitliche Handicaps mit jedem Lebensjahrzehnt zu. Offenbar wachsen einem mit den Jahren jedoch Kompetenzen zu, schwierige Situationen zu meistern. Ältere, wissen Glücksforscher, sind wesentlich zufriedener als Frauen und Männer zwischen 20 und 40. 
 
Auch aus wissenschaftlicher Sicht ist es deshalb Zeit für einen differenzierteren Blick auf das Alter. „Es ist falsch, nur die Schwächen und drohenden Verluste zu sehen, die diese Lebensphase mit sich bringen kann“, warnt Professor Andreas Kruse vom Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg.


Statt Defizite zu betonen, sollten wir lieber das Erfahrungswissen, die Talente und zeitlichen Ressourcen von Älteren in den Fokus rücken und diese gesellschaftlich stärker nutzen. Etwa als Coaches für Berufsanfänger oder im sozialen Bereich. Schon heute engagieren sich über 50-Jährige ehrenamtlich, besuchen Kranke oder betreuen Schüler. „Dieses Potenzial“, mahnt Kruse, „haben wir noch gar nicht richtig erkannt!“

Vorurteile abbauen

Für die meisten Jugendlichen sind Großeltern interessante Gesprächspartner, vorausgesetzt, sie sind offen für Neues, keine Besserwisser und reden nicht nur über ihre Belange, sagt Dr. Anne-Kathrin Mayer von der Universität Trier. Aus Fragebogenstudien weiß die Entwicklungspsychologin: Je mehr wertvolle Erfahrungen man als Kind mit den Altvorderen sammelt, desto positiver blickt man in die eigene Zukunft als Senior(in).


Um den Austausch von Alt und Jung zu fördern und gegenseitige Vorurteile abzubauen, hat Bettina Wagner-Bergelt, stellvertretende Ballettdirektorin des Bayerischen Staatsballetts in München, das Projekt „Anna tanzt IV“ auf die Beine gestellt: Unterstützt von Tanz- und Medienprofis, beschäftigen sich Hauptschüler und Gymnasiasten vier Wochen lang mit Altersbildern. Mit von der Partie sind auch etwa 20 Senioren. „Viele Jugendliche sind überrascht, wie offen und lebendig Ältere oft sind“, hat Wagner-Bergelt festgestellt, die für das Projekt schon mehrere Preise erhielt.


Offenbar haben Alt und Jung mehr gemeinsam, als die meisten denken. Beachtliche 42 Prozent der 14- bis 19-Jährigen finden, dass sich viele Ältere stark an der Jugendkultur orientieren, zeigt die Umfrage des Senioren Ratgeber.

60-Jährige mit Tattoos undbauchfreien Tops, auf Inlineskatern und beim Breakdance, an der Uni und in Chatrooms – das mag für einige noch angehen. Liebe im Alter ist aber noch ein Tabu, bemerkt Schauspielerin Ursula Werner angesichts der Wellen, die der Film „Wolke 9“ mit seinen äußerst unverblümten Sexszenen geschlagen hat. Darin spielt sie Inge, eine Frau Ende 60. Nach 30 Jahren Ehe verlässt Inge ihren Mann für einen anderen. Als das Rollenangebot kam, hat Werner „keinen Moment gezögert“. Im Nachhinein ist sie sogar „stolz, weil der Film das wahrhaftige Leben zeigt und anderen in meinem Alter Mut macht“.

Helden mit grauen Haaren


Erst allmählich spiegelt sich in den Medien wider, dass etwas im Wandel ist. Neuerdings tauchen im Kino immer öfter Held(inn)en mit grauen Haaren auf. Sie sind auf Sinnsuche, erleben kleine Abenteuer des Alltags, scheitern oder starten durch, trennen und verlieben sich wie Menschen, die ihre Enkel sein könnten.

So viel steht fest: Über einen Kamm scheren lassen sich Menschen über 50 nicht mehr. „Das Alter ist bunter geworden“, findet Altersforscherin Mayer. Die einen stehen zu ihrem Alter und ihren Falten, die anderen mogeln lieber ein bisschen. Es gibt Junggebliebene und Ewiggestrige, Topfitte und chronisch Kranke, gut situierte Rentner und solche ohne prall gefülltes Portemonnaie. „Klischees“, sagt Mayer, „haben endgültig ausgedient.“  Was auch tröstend gemeint ist: Wer nicht will oder kann, muss mit 60 nicht unbedingt tanzen können und aussehen wie Tina Turner.



Claudia Röttger / Senioren Ratgeber; 06.11.2009, aktualisiert am 25.06.2010
Corbis GmbH/Image Source

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