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Lust auf Kneipp
Kneippness in Bad Wörishofen

Naturheilverfahren, Wassergüsse, Wickel und Kräuterbäder fördern Gesundheit und Wohlbefinden

Kneipp Fussbad

Wasseranwendungen sind ein wichtiger Bestandteil der Kneipp-Kur

Wer heute noch glaubt, eine Kneipp-Kur bedeute ausschließlich kaltes Wasser im Morgengrauen, liegt völlig falsch. „Kneippness“ heißt das neue Zauberwort in Bad Wörishofen und meint die Verbindung der klassischen Kneipp-Kur mit dem aktuellen Wellness-Trend. Der Mensch soll sich wohl fühlen, das steckt nicht nur hinter dem Begriff Wellness, sondern war auch schon Anliegen Sebastian Kneipps. Seit über 100 Jahren helfen Waschungen, Güsse, Bäder und Wickel bei leichten Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Venenleiden. Um 5 Uhr morgens kommt die Bademeisterin des Hotels Fontenay, Rosa Maria Horn, auf leisen Sohlen in die Gästezimmer – mit einem kalten Waschlappen oder einem warmen Heublumensack, je nach Beschwerdebild und persönlichen Wünschen. Die frühe Stunde ist Pflicht, denn frühmorgens ist der Körper für die Reize am empfänglichsten.
Ab 7 Uhr beginnen Güsse und Bäder: Einen kalten Schenkelguss bei Venenleiden, gegen Probleme mit den Hämorrhoiden hilft ein laues Sitzbad mit Kamille, Eichenrinde und Zinnkraut. Um 13 Uhr geht es weiter mit den Nachmittagsanwendungen wie z. B. warmen Lendenwickeln gegen Darmbeschwerden. Hans und Erika Reitenspieß, beide 66 Jahre, kommen seit über 10 Jahren regelmäßig zur Kneipp-Kur. Anlass war bei beiden eine große Darmoperation. „Wir beschlossen, endlich aktiv etwas für unsere Gesundheit zu tun, und verbringen seitdem unseren Urlaub hier statt auf Gran Canaria. Manchmal belächeln uns Leute, die meinen, Kneipp sei was für alte Leute. Uns tut die Kur jedenfalls gut!“

Drei Wochen sind optimal
Jeder Kurgast konsultiert zunächst einen Badearzt. Er verordnet ein Kurprogramm und trägt es ins Kurbuch ein. „Wir beginnen vorsichtig, erst einmal mit schwächeren Reizen – also mit temperiertem statt kaltem Wasser – und beobachten, wie die Behandlung anschlägt“, erklärt die Bademeisterin. Nach einer Woche berät sich der Kurgast erneut mit dem Arzt. Je nachdem, wie erfolgreich die Anwendungen waren, werden sie fortgesetzt oder abgewandelt. Drei Wochen sollte eine Kur dauern, empfehlen Fachleute. In der ersten Woche kommt der Körper zur Ruhe und entwickelt allmählich die Bereitschaft, Reize aufzunehmen. In der zweiten Woche beginnt er, auf die Kur zu reagieren. Langsam stellt sich ein Erholungseffekt ein. Es kann aber auch sein, dass es zu einer „Kurreaktion“ oder „Kurkrise“ kommt und sich die Beschwerden des Patienten zunächst verschlimmern. Für den Badearzt ist das kein schlechtes Zeichen. „Die Erfahrung zeigt, dass Menschen, die eine solche Kurreaktion zeigen, langfristig einen besseren Kurerfolg haben“, berichtet der Wörishofener Badearzt Dr. Peter Schneiderbanger. Im Verlauf der zweiten Woche bessern sich die Beschwerden. Die dritte Woche ist notwendig, um die Wirkung zu stabilisieren.

Was Kneipp leisten kann
Wäre der junge Theologie-Student Sebastian Kneipp im November 1849 nicht so schwer krank gewesen, dann gäbe es heute wohl keine Kneipp-Therapie. Aber der 28-Jährige war verzweifelt genug, um dreimal in der Woche für wenige Sekunden in die eiskalte Donau zu springen. Heimlich freilich, denn die Ärzte hätten ihm diese Radikalkur sicher verboten. Aber Kneipp überwand seine Lungentuberkulose und schwor seitdem auf die heilende Kraft des Wassers. Im Laufe der Zeit verfeinerte der „Wasserdoktor“ in Wörishofen seine Therapie und entwickelte ein ganzheitliches Heilkonzept, das auf fünf Säulen beruht: Wasseranwendungen, Bewegung, Heilpflanzen, gesunde Ernährung und eine stabile Ordnung in der Lebensgestaltung. Heute hat die Kneipp-Therapie in der Medizin einen festen Platz bei der Vorbeugung, Behandlung und Nachbehandlung vieler akuter und chronischer Krankheiten. „Nur bei schweren Infektionskrankheiten und bei operationsbedürftigen Krankheitsbildern ist von Kneipp- Anwendungen abzuraten“, sagt Dr. med. Peter Schneiderbanger, niedergelassener Allgemein- und Badearzt in Bad Wörishofen.

Wie wirken die Wasserreize eigentlich?
„Warmes Wasser erweitert die Blutgefäße und lockert die Muskulatur, kaltes Wasser zieht die Blutgefäße wieder zusammen“, erklärt der Arzt. Dieses Wechselspiel trainiert die Blutgefäße, verbessert die Durchblutung und fördert dadurch Heilungsprozesse. „Kälte und Wärme im Wechsel stimulieren den Organismus und stärken das Immunsystem“, sagt Dr. Schneiderbanger. Hauptanwendungsgebiete sind dabei Herz-Kreislauf- und Venen Erkrankungen. Aber auch Schlafstörungen, Allergien, Infektanfälligkeit und Rheuma werden therapiert.

Heilpflanzen, Ernährung und Ordnungstherapie
Die Wasseranwendungen sind jedoch nur ein Element der Kneipp’schen Lehre. Dass Heilpflanzen, Bewegung und eine vernünftige Ernährung der Gesundheit zuträglich sind, ist für jeden einsichtig. Aber was ist mit der „Ordnungstherapie“ gemeint? Sie stellt ein übergeordnetes Prinzip dar, das in enger Nachbarschaft zur Psychosomatik zu sehen ist. Sebastian Kneipp erkannte, dass er manchen Patienten mit der „Wasserkur“ alleine nicht helfen konnte, und stellte fest: „Erst als man den Zustand ihrer Seelen kannte und da Ordnung hineinbrachte, ging es mit dem körperlichen Leiden auch besser.“´Ziel ist also, das seelische Gleichgewicht wiederherzustellen. „Die Kur mit ihrem geregelten Ablauf, dem Wechsel von Belastungs- und Ruhephasen bietet eine gute Möglichkeit, zu sich selbst zu kommen“, erklärt der medizinische Bademeister German Schleinkofer. „Es empfehlen sich aber auch Gespräche mit Therapeuten und Ärzten. Hier in Wörishofen spielt auch die kirchliche Seelsorge ganz in der Tradition Kneipps eine Rolle.“


Aus dem Senioren Ratgeber



Senioren Ratgeber; 12.09.2005, aktualisiert am 27.01.2010
W&B/Bernhard Huber

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