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Arthrose: Alternativen zur Hüftprothese?

Was tun bei einer Hüftarthrose? Bevor eine Prothese das kranke Gelenk ersetzt, sollten möglichst viele Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft werden


Einblick: Röntgenaufnahme der Hüften

Deutschland ist Europameister – zumindest was die Zahl der jährlich eingesetzten Hüftprothesen angeht. Im Jahr 2009 waren es 209.000. Eine Zahl, auf die niemand stolz sein sollte, wenn es nach Professor Joachim Grifka geht. „Davon sind mindestens 20.000 verzichtbar“, schätzt der Direktor der Orthopädischen Universitätsklinik Regensburg und nennt eine Vergleichszahl: „In anderen europäischen Ländern waren es 300.000 Implantationen zusammen. Im Vergleich dazu greifen wir Deutsche vorschnell zur Prothese!“

Wenn es geht, sollte das eigene Gelenk möglichst lange bewahrt werden und Ärzte und Patienten dafür nichts unversucht lassen, so Grifkas Credo. Vielleicht lässt sich die kranke Hüfte durch eine Bewegungstherapie stabil halten, lassen sich die Schmerzen durch Medikamente eindämmen. Auch der Patient kann versuchen, sein Gelenk zu entlasten, indem er Übergewicht abbaut


Im Einzelfall kommen zudem Schlüssellochoperationen infrage, mit denen sich das Gelenk reparieren lässt, um das Einsetzen eines Implantats weiter hinauszuschieben. Moderne Kunstgelenke sind zwar inzwischen technisch sehr ausgereift. „Sie können aber durchaus Probleme machen“, warnt der Orthopäde, „und sich irgendwann lockern.“ Eine neue Hüfte hält im Schnitt 15 Jahre. Je älter man also wird, desto wahrscheinlicher wird auch ein Wechsel. Doch wann ist es höchste Zeit für den ersten Ersatz?

Ein Bild sagt nicht alles

Es gibt keine Pauschalantwort: So kann es durchaus vorkommen, dass Patienten mit einer deutlich sichtbaren Arthrose im Röntgenbild kaum Hüftschmerzen verspüren. Andererseits können Patienten mit nur geringen Arthrosezeichen über sehr starke Beschwerden klagen. Warum dieser krankhafte Prozess beim einen unerträgliche Schmerzen auslöst und beim anderen nicht, bleibt noch immer ein Rätsel der Medizin. Es zeigt auch die Schwierigkeit der Ärzte, für jeden die optimale Behandlung zu finden. „Ein Röntgenbild ist nur ein Argument von vielen für oder gegen eine Prothese“, betont Grifka. „Entscheidend sind die Schmerzen des Patienten, seine Einschränkungen beim Gehen oder Sitzen“, bestätigt auch Géza Pap, Chefarzt des Orthopädischen und Traumatologischen Zentrums des Park-Krankenhauses in Leipzig.

Doch um alle Behandlungschancen nutzen zu können, muss zuerst klar sein, was genau den Arthroseschmerz verursacht. „Je nachdem, wie das Gelenk aussieht, welche Schmerzen der Patient hat und wie er mit ihnen lebt, entscheidet der Arzt mit ihm, was zu tun ist“, erläutert Knochenspezialist Pap.

Schleichender Verfall

Denn bis es zur Zerstörung des Gelenks kommt, ist es meist ein langer Weg, auf dem Arzt und Patient an vielen Stellen bremsend einwirken können. Der Knorpelbelag, der die Gelenkflächen umgibt und für reibungsloses Gleiten sorgt, wird mit der Zeit rau und rissig, Zellen bauen sich mehr und mehr ab. Der Gelenkspalt zwischen Kopf und Pfanne wird enger. Der Knochen kann Wülste bilden, die reizen. Die Innenhaut des Gelenks entzündet sich, Muskeln verkürzen sich. Ein schmerzhafter Teufelskreis entsteht.

„Schmerzen stillen ist bei Arthrose die Grundtherapie“, sagt Géza Pap. Zum Einsatz kommen schmerzlindernde und entzündungshemmende Medikamente. Eine längerfristige Schmerztherapie sollte immer der Arzt überwachen. „Wichtig ist, den fatalen Kreislauf aus Schmerz, Muskelverspannung, Fehlhaltung, Reizung und erneutem Schmerz zu unterbrechen“, erklärt der Arthrosefachmann. Und damit den Weg frei zu machen für die Physiotherapie und eine entlastende Bewegungsbehandlung.

Die Schmerzen lindern

„Dehnen und kräftigen“ heißt die Devise bei Antje Mühlfriedel, Leiterin der Physiotherapie im Leipziger Orthopädischen Zentrum. „Damit können wir zwar die Arthrose nicht direkt behandeln“, betont sie, „aber wir nehmen den Druck vom Gelenk. Und das kann schon mal bedeuten, dadurch eine Operation um Jahre hinauszuschieben.“ Denn oft entstehen die Schmerzen eher durch die Schonhaltung, die die Muskelgruppen im Oberschenkel, Becken oder am Rücken verändert. Mit Kälte- oder Wärmeauflagen, Elektrotherapie und Bewegungsbädern haben ihre Patienten ebenfalls gute Erfahrungen gemacht – sie alle lindern die Pein und schaffen Operationsaufschub.

Grifka, Autor des Patientenratgebers „Die große Gelenkschule“, bestätigt: „Nur mit Sport und Bewegung schafft man es, mit der Arthrose zu leben.“ Das an seiner Klinik entstandene Trainingsprogramm „Fit in den Tag“  zeigte, dass Arthrosepatienten mit täglicher Gymnastik besser zu Fuß waren und sich die betroffenen Gelenke durch Muskulatur stabilisierten.

Manchmal verschafft Reparieren Zeit

Bei manchen Patienten, bei denen spezielle Hüftschäden oder auch Fehlstellungen die Arthrose überhaupt erst in Gang setzen, versprechen sich Chirurgen wie Grifka oder das Team um Pap Erfolg durch eine Reparatur – zumindest in der Anfangsphase einer Arthrose, wenn der Hüftkopf noch viel Knorpelmasse besitzt, das Gelenk noch rund, der Gelenkspalt noch weit genug ist. Dann können sie etwa mit einer Gelenkspiegelung rissigen Knorpel glätten, Knochenwülste abtragen, lose Gelenkteile entfernen oder eine verletzte Gelenklippe, eine Art von „Hüft-Meniskus“, wieder annähen.

Das arthroskopische Verfahren ist relativ jung. Studien zum langfristigen Nutzen fehlen. Deshalb wird die Methode auch nicht in den ärztlichen Leitlinien der orthopädischen Fachgesellschaften aufgeführt. Grifka wie Pap sind aber überzeugt: Ist die Arthrose nicht zu weit fortgeschritten, können Reparaturen durchs Schlüsselloch Schmerzen nehmen und damit das Gelenk noch einige Jahre länger erhalten – auch bei älteren Patienten. „Entscheidend ist das biologische Alter des Hüftgelenks, also das Verschleißstadium!“, betonen beide Experten einhellig.

Doch was tun, wenn Schmerzen bei jeder Belastung quälen, wenn ununterbrochen Schmerzmittel nötig werden oder die Nachtruhe gestört ist? „Dann sollte man nicht zu lange mit der Prothese warten, damit noch genug Knochensubstanz da ist“, meint Pap. „Denn so können wir ein kleineres Implantat, einen schonenderen Eingriff wählen.“



Elke Schurr / Senioren Ratgeber; 04.07.2011
Bildnachweis: Superbild/BSIP

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