Wer Irmgard E. auf ihre Augen anspricht, erfährt viel darüber, warum ihre Welt im Trüben versinkt. Die 87-Jährige spricht über Sehnerven, Blutgerinnsel in ihrer kranken Netzhaut und darüber, dass sie fast blind ist. „Daran leide ich sehr“, sagt sie. Doch Irmgard E. ist eine Frau, die weiß: „Das Leben geht weiter.“ Zehn Prozent Sehkraft hat sie noch, vor fünf Tagen hat die Witwe vom Optiker ihre neue Brille abgeholt. „Jetzt kann ich zumindest wieder eine große Schrift lesen“, sagt sie.
Gut sehen können will jeder. Wer auf die 70 oder 80 zugeht, wünscht sich das besonders. Denn das fortgeschrittene Alter setzt den Augen zu: Sie bilden weniger Tränenflüssigkeit, die Netzhaut wird dünner, die Linse ist nicht mehr so flexibel. „Das ist ein normaler Alterungsprozess“, erklärt Professor Frank Holz von der Universität Bonn. Häufig verhilft schon eine Brille zu mehr Durchblick. Holz rät zu regelmäßigen Kontrollen beim Spezialisten – auch um ernsteren Gefahren vorzubeugen. Das Risiko für Augenerkrankungen steigt in der zweiten Lebenshälfte. „Außerdem“, betont der Bonner Experte, „greifen chronische Leiden wie Bluthochdruck oder Diabetes die Augen an.“
Je früher diese Gefahren auffallen, umso besser lassen sich Sehstörungen beheben oder ihr Fortschreiten verhindern. Doch was, wenn einem der Arzt mitteilt, dass es mit den Augen nicht besser wird, sondern schlechter? Häufig verursacht eine altersabhängige Makuladegeneration, kurz AMD, den fortschreitenden Sehverlust. Mehr als eine Million Menschen, schätzen Experten, müssen sich mit dieser Diagnose auseinandersetzen. Viele Patienten wollen das zunächst nicht glauben, wechseln erst einmal den Arzt. „Gibt es denn gar keine Therapie dagegen?“ wird auch Dr. Christine Stamm häufig ungläubig gefragt. Die Augenärztin und Psychotherapeutin leitet die Beratungsstelle für Sehbehinderte in Berlin. Suchen Verzweifelte sie in ihrem Büro auf, wollen viele auch nur von ihr hören, dass alles ein Irrtum sei. Zu schlimm die Vorstellung, irgendwann nicht mehr lesen, Menschen nicht mehr am Gesicht erkennen zu können. Die Aussicht, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein, „das alles ist für viele zunächst schrecklich und muss verarbeitet werden“.
Und das braucht Zeit. Trauerzeit zum Abschied vom alten Leben. Doch Stamm bespricht mit ihnen nicht nur die Schattenseiten der Erkrankung. „Was geht trotzdem noch?“, fordert sie Ratsuchende zum Nachdenken auf, um deren Blick auf mögliche Lichtblicke zu lenken. „Ich möchte ihnen Mut machen zu entdecken, dass das Leben auch mit Sehbehinderung keineswegs vorbei ist.“
In Dr. Ingo S. Behindertenausweis steht das Kürzel „BL“ für Blindheit, die Sehkraft des AMD-Patienten beträgt weniger als zwei Prozent. „Natürlich ist Blindheit schlimm“, findet er. „Sie tut aber nicht weh und und ist nicht lebensbedrohlich.“ Der 85-Jährige hat seine Sicht auf das Leben verändert. Seine Erkrankung zwingt ihn dazu, „aber daraus ergeben sich andere Fertigkeiten. Man muss sie nur gestalten“, sagt er. Da ist zum Beispiel S. Büro. „Die Lichtröhre am Schreibtisch besitzt kaltes und blendungsfreies Licht. Sie beleuchtet den Arbeitsplatz, trifft aber nicht meine Augen.“ So kann der ehemalige Anwalt mit seinem Spracherkennungsprogramm Briefe diktieren und sein Vorlesegerät bedienen.
Berührungsängste beim Umgang mit Technik kennt der Netzhautpatient nicht – was nicht selbstverständlich ist. „Gerade Ältere tun sich anfangs mit elektronischen und computergesteuerten Hilfsmitteln schwer“, erzählt Robert Fetzer aus Moosburg an der Isar. Der Vorsitzende eines Netzwerks von Optikern berät Sehbehinderte beim Umgang mit Sehhilfen. „Viele wissen nicht, dass es solche Angebote gibt“, bedauert Fetzer. Bis zu drei Stunden nimmt er sich Zeit, um Kunden zu zeigen, wie sich ihr noch vorhandener Sehrest optimal nutzen lässt. Eine gute Gelegenheit, Lupe, Bildschirmlesegerät und Vorlesehilfen zu testen. Kommt jemand damit daheim nicht zurecht, macht Fetzer auch Hausbesuche.
Nicht selten muss er dort Überzeugungsarbeit leisten. „Manche können sich nach 50 Jahren Zeitungslektüre am Tisch nicht vorstellen, das Gedruckte unter das Bildschirmlesegerät zu legen“, weiß der Spezialist für Sehhilfen. Aber er bleibt hartnäckig. Wenigstens ausprobieren, bittet er seine Kunden. „Spätestens wenn die Buchstaben im Kreuzworträtsel wieder zu erkennen sind, geht ein Strahlen über das Gesicht“, beobachtet Fetzer immer wieder.
Wer früh die Hilfe von Spezialisten in Anspruch nimmt, tut sich später leichter beim Umgang mit den Sehhilfen. Marlis K. hat sich rechtzeitig kundig gemacht. „Ich komme jetzt mit meiner Lupe gut zurecht“, sagt die 83-Jährige. Ein Gefäßverschluss im rechten Auge hat im vergangenen Sommer ihr Leben verdunkelt, ihre Sehkraft beträgt noch 35 Prozent. Die beleuchtete Lupe ist für sie mehr als ein Hoffnungsschimmer. „Lesen heißt doch auch am Leben teilnehmen“, sagt K.
Stark Sehbehinderte stoßen allerdings mit einer Lupe schnell an ihre Grenzen. Je mehr sie vergrößert, umso kleiner der Bildausschnitt. Damit lässt sich Kleingedrucktes entziffern, doch einen Roman zu lesen ist langwierig und umständlich. „Aber es gibt ja Hörbücher“, entgegnet Karl H. Schon seit seiner Kindheit ist der heute 69-Jährige aus Diemelsee extrem kurzsichtig. Als jungem Erwachsenen machten dem Landwirt zusätzlich Netzhautblutungen zu schaffen. „Ganz allmählich habe ich immer weniger gesehen“, erzählt H. Heute gilt er mit seinen zwei Prozent Sehkraft offiziell als blind. Dennoch freut er sich an seinem Alltag, wie er sagt, und Bücher dürfen da nicht fehlen. „Ich lasse mir über die Blindenbücherei Koch- und Sachbücher schicken“, sagt der Rentner. Mit seinem speziellen Abspielgerät navigiert er die CD so, als läge ein Buch vor ihm, in dem er blättert. „Ich habe keinen Grund zum Jammern.“
Zu Katharina Metzler von der Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte kommen Menschen, die froh sind, wenn sie klagen dürfen. Die Sozialpädagogin betreut im Rahmen eines Modellprojekts speziell Senioren mit Sehbehinderung. „Gerade ihnen hört niemand zu“, bedauert Metzler. Schlecht sehen? Eine Alterserscheinung. „Das ist die Einstellung vieler. Bei Älteren werden oft nur die Grenzen gesehen und nicht die Möglichkeiten“, weiß Metzler. Umso wichtiger ist es, gerade ihnen neue Perspektiven zu bieten. Metzler macht Ratsuchende auf Angebote von Spezialisten aufmerksam, berät in sozialrechtlichen Fragen, gibt Tipps und Hinweise auf Hilfsangebote in Wohnortnähe. Alles kostenlos. Ihre Erfahrung: Kleine Veränderungen bewirken Großes.
Viele Sehbehinderte wünschen sich zum Beispiel, wieder einmal vor die Tür zu gehen. „Dann vermittle ich Kontakte zu Ehrenamtlichen, die mit ihnen spazieren gehen“, sagt Metzler. Auch macht sie auf das „Orientierungs- und Mobilitätstraining“ aufmerksam. „Viele wissen nicht um das Angebot oder scheuen sich, mit dem Langstock vor die Tür zu gehen.“
Margit H. konnte sich anfangs auch schlecht vorstellen, mit einem Blindenstock durch die Straßen zu laufen. Heute nutzt die 81-Jährige ihn oft, der grüne Star und ihre Netzhauterkrankung lassen ihr keine andere Wahl. „Er bringt mir ja nur Vorteile“, betont H. Die fast blinde Frau behauptet von sich, eine positive Lebenseinstellung zu haben. Jetzt, wo es um sie herum dunkel geworden ist, hilft ihr diese Sicht auf die Dinge besonders. Es ist nicht ein Lichtblick, es sind unzählig viele.
Raphaela Birkelbach / Senioren Ratgeber;
20.06.2011, aktualisiert am 21.06.2011
Bildnachweis: Thinkstock/Hemera
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