Was Sie bei Blasenschwäche tun können

Millionen Deutsche leiden – meist still – unter unfreiwilligem Harnverlust. Tipps für unterwegs und wann es sinnvoll ist, sich operieren zu lassen

von Raphaela Birkelbach, aktualisiert am 05.01.2016

Blasenschwäche: Ein Tabu-Leiden

iStock/champja

Nein, nicht gleich losturnen. Erst Kopfkino gucken. "Stellen Sie sich vor, Sie nehmen einen Kirschkern mit der Scheide oder dem After auf und ziehen ihn leicht in den Körper ein. Dann entspannen Sie wieder und legen den Kern ab." Physiotherapeutin Anna Dworzak aus München löst mitunter Verwunderung aus, wenn sie diese Übung vorschlägt. "Doch sie hilft, den Beckenboden richtig anzuspannen."


Anne Dworzak, Physiotherapeutin aus München

W&B/Stephan Höck

Das gezielte Training strafft das Muskelgeflecht im Bauch und hält die Blase dicht. Geschätzt sechs bis acht Millionen Menschen in Deutschland leiden darunter, ihren Harnfluss nicht mehr bewusst steuern zu können. Neben einem geschwächten Beckenboden können auch Krankheiten Auslöser für die Blasenschwäche sein. Deshalb unterscheiden Mediziner verschiedene Formen der Inkontinenz. "Im fortgeschrittenen Alter finden sich häufiger Mischformen", erklärt Professorin Christl Reisenauer von der Universität Tübingen.

Meist vergehen Jahre, bevor sich Patienten ihrem Arzt voller Scham anvertrauen. Eine vertane Zeit, bedauert die Tübinger Uro-Gynäkologin. "Je früher die Behandlung einsetzt, umso leichter lässt sich Blasenschwäche in den Griff bekommen." Ihr Rat: Beim nächsten Arzttermin das Thema offen ansprechen.

Warum die Blase drängelt

 


Unter Druck: Bei Belastungsinkontinenz sind die Schließmuskeln der Blase zu schwach. Sie fangen erhöhten Druck im Bauchraum, etwa beim Niesen, nicht auf. Die Blase entleert sich vorzeitig.

W&B / Dr. Ulrike Moehle


Ziemlich nervös: Die Blase ist überaktiv. Ursache der Dranginkontinenz können Harnwegsentzündungen, eine Prostatavergrößerung oder ein neurologisches Leiden wie Parkinson oder MS sein.

W&B / Dr. Ulrike Moehle

Frau Reisenauer, wann raten Sie Frauen mit Inkontinenz zu einer Operation?

Wenn bei einer Belastungsinkontinenz die konservativen Therapien wie Gewichtsabnahme, Beckenbodengymnastik, Pessartherapie oder Medikamente versagen. Manche Patienten lehnen eine konservative Therapie auch strikt ab.

Was passiert beim Eingriff?

Die Harnröhre wird fester im Bauchraum verankert. So hält die Blase Druck, der beim Sport oder Lachen im Bauchraum entsteht, wieder stand.

Wie machen Sie das genau?

Gängiges Verfahren ist die TVT-Operation (für Tension-free Vaginal-Tape). Über einen Schnitt in der Scheide führt der Arzt ein Kunststoffband um die Harnröhre, das diese bei Belastung stabilisiert.


Prof. Christl Reisenauer, Uro-Gynäkologin an der Universitäts-Frauenklinik in Tübingen

W&B/privat

Für wen eignet sich das?

Bei leichter und schwerer Form der Belastungsinkontinenz erzielen wir damit gute Erfolge. Der Eingriff belastet kaum, die Erfolgschancen liegen bei 80 bis 90 Prozent.

Gibt es noch andere Verfahren?

Harnröhre und Blasenhals lassen sich auch durch Nähte im Bauchraum anheben – über einen Bauchschnitt oder eine Bauchspiegelung. Die Erfolgschancen gleichen denen der TVT-Methode, der Eingriff ist aber etwas belastender.

Und doch raten Sie dazu?

Ja, zum Beispiel dann, wenn aus anderen Gründen ohnehin ein Baucheingriff ansteht. Etwa bei starken Schleimhautwucherungen oder einer Senkung der Gebärmutter.

Welche Komplikationen drohen bei einer Operation?

Um Komplikationen zu vermeiden, rate ich, sich in einem Beckenboden-Zentrum von erfahrenen Operateuren behandeln zu lassen. Bestimmte Risiken sind immer vorhanden, etwa die Verletzung von Nachbarorganen oder Infektionen. Und es kann passieren, dass sich die Inkontinenz danach nicht bessert.

Und was dann?

Es gibt noch die Möglichkeit, die Harnröhre mit Gelpolstern abzudichten. Das heilt nicht die Blasenschwäche, verbessert aber die Beschwerden. In sehr schwierigen Fällen ist ein künstlicher Blasenschließmuskel ratsam.


Hilfsmittel bei Blasenschwäche

  • Alles unter Kontrolle 1
    W&B / Dr. Ulrike Moehle

    Vorlagen lassen sich mit Klebestreifen in der Wäsche befestigen.

    1/5

  • Alles unter Kontrolle 2
    W&B / Dr. Ulrike Moehle

    Netzhosen fixieren die Vorlage, ersetzen nicht die Unterwäsche.

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  • Alles unter Kontrolle 3
    W&B / Dr. Ulrike Moehle

    Windel-Slips mit Klebestreifen halten die Vorlage wie ein Gürtel.

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  • Alles unter Kontrolle 4
    W&B / Dr. Ulrike Moehle

    Windeln werden als aufsaugende Einmal-Unterwäsche getragen.

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  • Alles unter Kontrolle 5
    W&B / Dr. Ulrike Moehle

    Verschiedene Schichten verteilen und leiten den Urin rasch ins Innere zum Saugkern. Er besteht aus Zellstoff und einem speziellen Flüssigkeitsbinder, der auch Geruch stoppt.

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Tipps für unterwegs

  • Nicht ins Gebüsch

Wildpinkeln ahnden Kommunen mit zum Teil saftigen Verwarn- und Bußgeldern. Bessere Alternative zum Gebüsch: Apps wie WC-Finder zeigen, wo die nächste öffentlich zugängliche Toilette ist.

 

  • Plastiktüte mitnehmen

Wohin mit gebrauchten Vorlagen? Auf öffentlichen Toiletten, vor allem auf Männerklos, fehlen oft Spezialbehälter für Windeln und Einmalhosen. Für alle Fälle Plastiktüte einstecken.

 

  • "Nette Toilette" checken

Händler und Gastronomen, die bei "Nette Toilette" mitmachen, lassen Menschen kostenlos aufs Klo. Auf roten Smiley-Aufkleber am Eingang achten oder App aufs Handy laden!

 

  • Freundlich fragen

Hotels und Cafés sind nicht verpflichtet, andere Leute als Gäste auf die Toilette zu lassen. Oft hilft es, freundlich zu fragen, seine Not zu schildern und anzubieten, etwas zu bezahlen.

 

  • Reisen mit intaktem Klo

Dass Fernbusse eine Toilette an Bord haben, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Zumal, wenn Reisende länger unterwegs sind. Beim Ticketkauf nachfragen, ob das Klo funktionstüchtig ist!

 

Fachliche Beratung: Deutsche Kontinenz Gesellschaft e.V.



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