Kein Schild weist an der Universitätsklinik Erlangen den Weg zur ersten klinischen Forschungsstation für Bluthochdruck in Deutschland. Professor Roland Schmieder lotst den Besucher vorbei an Essenswagen und verwaisten Krankenbetten. Am Ende eines langen Gangs vier Räume voller Aktenordner, Computer und Untersuchungsgeräte.
Schmieder, seit mehr als 25 Jahren Blutdruckforscher, führt einen Apparat vor, den man eher beim Augenarzt vermuten würde. Den Kopf in einer Kinnstütze, schaut eine Testperson in eine Kamera, die die Netzhaut des Auges ablichtet. Der Monitor zeigt ein dichtes, feuerrotes Geflecht von kleinen und großen Adern.
Herr Professor Schmieder, warum schauen Sie in die Augen, wenn es um den Blutdruck geht?
Das Auge ist ein Spiegel unseres Gefäßsystems. Wir können schon früh sehen, was hoher Blutdruck in den Arterien anrichtet. Hochdruck macht die Wand der Adern dicker, und die Gefäße kräuseln sich oft. So unkompliziert können wir das an keinem anderen Organ beobachten. Wir untersuchen damit etwa, ob sich die Schäden an den Gefäßen durch eine gute Therapie rückgängig machen lassen.
Von den über 65-Jährigen hat jeder Zweite Bluthochdruck. Wieso trifft es so viele Ältere?
Es ist tatsächlich so, dass der Blutdruck in unserer westlichen Welt mit jedem Altersjahrzehnt steigt. Wenn ein 40-Jähriger beispielsweise einen Druck von 130/80 hat, dann hat er mit 50 oft schon einen oberen Wert von 140, mit 60 von 150 und mit 70 von 160. Das ist aber kein Naturgesetz. Manche Südseebewohner haben noch mit 90 einen Blutdruck von 120/80.
Was haben die, was wir nicht haben?
Zwei Faktoren machen den Unterschied: die Veranlagung und der Lebensstil, der sich bei uns in den vergangenen 100 Jahren vollkommen verändert hat. Wenig Bewegung, Übergewicht, viel Salz im Essen, mehr Alkohol und mehr Stress – das summiert sich im Laufe des Lebens und treibt den Blutdruck nach oben. Jeder zweite Patient bringt zu viel auf die Waage, da haben Sie schon mal eine Ursache.
Verrät der rote Kopf den Bluthochdruck?
Nein. Es gibt überhaupt keine eindeutigen Anzeichen für Bluthochdruck. Ein roter Kopf zum Beispiel kann auch bedeuten, dass die Gefäße weit gestellt sind und der Blutdruck niedrig ist.
Welcher Blutdruckwert ist wichtiger – der obere oder der untere?
Hätten Sie mich vor zehn Jahren gefragt, hätte ich gesagt: der untere. Inzwischen weiß man aus Studien, dass der obere Wert bei älteren Menschen meist der entscheidende ist, weil er mehr Aussagen über das Schlaganfall- und Herzinfarktrisiko erlaubt. Ab etwa 60 nimmt nämlich der untere Wert wieder ab, während der obere weiter steigt. Das liegt daran, dass die Gefäße im Alter weniger elastisch werden. Würde man da nur auf den diastolischen Wert schauen, käme man auf die falsche Fährte.
Wieso ist zu viel Salz Gift für die Gefäße?
Salz bindet Wasser im Körper und erhöht so den Blutdruck. Das ist zwar von Mensch zu Mensch unterschiedlich, aber generell steigt die Salzempfindlichkeit mit dem Alter. Hinzu kommt: Salz verstärkt die Wirkung von Hormonen, die die Gefäße verengen, und schwächt offenbar den Effekt blutdrucksenkender Medikamente. Im Schnitt nehmen wir pro Tag zehn bis zwölf Gramm Salz zu uns. Gesund wäre die Hälfte davon.
Was ist, wenn Tabletten nicht reichen?
Wir erproben neue Verfahren. Was mich am meisten fasziniert, ist eine Methode, mit der wir Nerven, die zu den Nieren führen, veröden. So regeln wir die Nervenaktivität der Nieren herunter, die auf den Blutdruck großen Einfluss hat.
Kai Klindt / Senioren Ratgeber;
08.10.2010
Bildnachweis: W&B/Simon Katzer
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