Jedes Jahr erhalten hierzulande rund 58.000 Frauen die Diagnose Brustkrebs. Besonders häufig werden Seniorinnen mit dieser schockierenden Nachricht konfrontiert. Denn: "Je älter eine Frau, desto größer die Gefahr, an Brustkrebs zu erkranken", weiß Professor Elmar Stickeler, Leitender Oberarzt der Universitäts-Frauenklinik Freiburg und Leiter des Brustzentrums. Was den Frauen hilft, erläutert er im Interview.
Herr Stickeler, gibt es besondere Aspekte bei der Therapie älterer Brustkrebspatientinnen?
Allgemein kann man das nicht sagen. Wie eine Patientin therapiert wird, hängt zu einem großen Teil von ihrem sonstigen Gesundheitszustand ab: Ist die Patientin rüstig und in guter körperlicher Verfassung, behandeln wir sie nach dem gleichen Standard, mit dem wir auch jüngere Brustkrebspatientinnen behandeln.
Wie sieht eine solche Standard-Therapie aus?
Meist entfernen wir den Tumor operativ. Danach bekommt die Patientin – je nach Art des Tumors – eine Hormontherapie und/oder eine Bestrahlung und/oder eine Chemotherapie. Bei der Chemotherapie liegt jedoch die Krux.
Aber die Behandlung mit Chemotherapie hat sich doch verbessert…
Stimmt, aber in klinischen Studien dazu waren und sind kaum Patientinnen, die älter als 70 Jahre alt sind, vertreten. Das hat zur Folge, dass viele ältere Brustkrebspatientinnen nicht mit Chemotherapie behandelt werden. Dabei macht sie auch bei über 70-Jährigen Sinn. Natürlich wäre es besser, wenn die Patientinnen im Rahmen von Studien die Chemotherapie erhalten.
Und haben nicht gerade viele ältere Menschen Scheu vor dieser Therapie?
Ja, auf jeden Fall. Obwohl die Chemotherapie oft ambulant stattfindet und man dazu nicht wochenlang im Krankenhaus sein muss. Dennoch ist wichtig, dass der behandelnde Arzt nichts beschönigt und offen ausspricht, dass eine Chemotherapie anstrengend ist. So können sich die Patientinnen darauf einstellen.
Wann raten Sie von der Chemotherapie ab?
Ist die Patientin aufgrund von schwerwiegenden Begleiterkrankungen gesundheitlich stark beeinträchtigt, raten wir aufgrund der nicht unerheblichen Nebenwirkungen in der Regel von einer Chemotherapie ab. Die Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Behandlung hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab: Was hat die Patientin für Reserven? Was verträgt sie? Und nicht zuletzt: Wie ist sie sozial versorgt?
Wie sieht die Therapie bei Patientinnen, die nicht mehr so fit sind, sonst aus?
Bei Personen, die bereits unter anderen Erkrankungen leiden – etwa einem schweren Diabetes oder Herzkrankheiten, muss individuell entschieden werden, welche Therapien angewendet werden. So verzichten wir manchmal auf die Entfernung des Tumors und arbeiten stattdessen nur mit einer Hormontherapie. Oder wir entscheiden uns gegen die Entfernung der Lymphknoten und Bestrahlen die Patientin stattdessen in kürzeren Abständen.
Vanessa von Blumenstein-Langer / www.senioren-ratgeber.de;
29.12.2010, aktualisiert am 10.01.2012
Bildnachweis: Thinkstock/iStockphoto
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