Wie Reizdarm und Ernährung zusammenhängen

Bestimmte Zucker können die Beschwerden eines Reizdarms verschlimmern. Ärztin Miriam Stengel erklärt im Interview, wie Patienten problematische Stoffe im Essen erkennen
von Heidi Loidl, 26.10.2015

Bauchschmerzen bei Reizdarm: Bestimmte Lebensmittel haben Einfluss

Corbis/Juice Images

Verstopfung, Bauchschmerzen oder Durchfall, und das meist kurz nach dem Essen, ist es da nicht naheliegend, die Ursache für den Reizdarm auf dem Speiseplan zu suchen?

Wir haben mehr als 2000 Patienten mit Reizdarmsymptomen untersucht und bei jedem Dritten eine Unverträglichkeit für Milchzucker und bei fast zwei Dritteln eine für Fruchtzucker festgestellt, bei jedem Vierten sogar beides.

Hat man damit die Auslöser des Reizdarms gefunden?

Das nicht, aber diese Zucker triggern, das heißt verschlimmern, die Symptome.

Privatdozentin Dr. Miriam Stengel ist Vorsitzende des Patientenforums MAGDA für Menschen mit Magen-Darm-Störungen

W&B/Privat

Wie ist das zu verstehen?

Die Zucker gelangen unverdaut in den Dickdarm. Dort ziehen sie Wasser an, was den Stuhl flüssiger macht. Darmbakterien vergären sie und bilden Darmgase, die als Winde abgehen. Das tun sie bei allen Menschen. Aber nur Menschen mit einem überempfindlichen Darm, also Reizdarm, empfinden diese als unangenehm und belastend.

Gibt es weitere "Problemstoffe" in unserer Kost?

Dazu hat man in den vergangenen Jahren viel geforscht. Auf die gleiche Weise wirken sogenannte Polyole, wie Sorbit oder Xylit, die Lebensmitteln als Ersatz für Zucker zugesetzt werden. Außerdem Mehrfachzucker, die aber nicht süß schmecken. Sie kommen zum Beispiel in Zwiebeln, Weizen und Brot, aber auch in Linsen vor.

Woran können Reizdarmpatienten sich denn dann orientieren, wenn nicht am Süßgeschmack?

Die als problematisch erkannten Stoffe fassen Fachleute unter der Abkürzung "FODMAPs" zusammen. Zu deren Gehalt in Lebensmitteln gibt es Tabellen.

Und diese Stoffe sollten Reizdarmpatienten auf Dauer meiden?

Nein. Welche Kost auf Dauer die richtige ist, gilt es individuell herauszufinden – am besten begleitet von einer Ernährungsberaterin. FODMAPs werden für sechs bis acht Wochen ganz vom Speiseplan gestrichen, dann schrittweise wieder eingeführt – bis zur individuell verträglichen Menge. Weil diese Grenze bei jedem woanders liegt, gibt es auch nicht DIE Reizdarmdiät.

Profitieren alle Reizdarm-Patienten von einer Ernährungsumstellung?

Das wird gerade intensiv untersucht. In einer großen australischen Studie
waren es drei Viertel der Patienten.

Reizdarm – das Krankheitsbild auf einen Blick

Reizdarm, das heißt ...
Chronische Darmbeschwerden wie Bauchweh oder Blähungen (länger als drei Monate), die den Patienten so stark belasten, dass er zum Arzt geht. Oft verändert sich der Stuhlgang, und es treten Durchfälle oder Verstopfung auf. Die Krankheit kann in Schüben verlaufen.

 

Die Diagnose ...

"Reizdarmsyndrom" – kurz RDS – kann nur ein Arzt stellen, und zwar erst, wenn alle anderen infrage kommenden Krankheiten ausgeschlossen sind. Die Spiegelung von Magen und Darm (Feststellung von Darmkrebs, Zöliakie, chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen), Blut- und Ultraschalluntersuchungen und bei Hinweis auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten auch Atemtests gehören dazu. Frauen sollten sich auch gynäkologisch untersuchen lassen.

 

Die Entstehung

Hier wirken mehrere Faktoren zusammen. Man weiß, dass das Nervengeflecht im Darm von Reizdarmpatienten übersensibel ist. Als Auslöser kommen auch Infektionen infrage. Zudem spielen wahrscheinlich seelische Belastungen eine Rolle. Experten diskutieren darüber hinaus über eine genetische Veranlagung.

Die Therapie ...

ist so individuell wie der Patient. Es gilt, verschiedene Ansätze auszuprobieren. Hilfreich können Stressbewältigung, eine angepasste Ernährung, mehr Bewegung oder ausreichend Schlaf sein. Medikamente richten sich jeweils nach den Symptomen (Blähungen, Durchfall, Verstopfung).

 

Die Aussichten

Reizdarm ist in der Regel eine chronische Erkrankung, RDS-Patienten sterben aber nicht früher als andere. Die meisten Betroffenen haben bessere und schlechtere Phasen.

 

Die Folgen

Langfristig sind am Darm keine ungünstigen Veränderungen festzustellen. Auch an Krebs erkranken RDS-Patienten nicht öfter als andere. Nicht selten treten Depressionen auf.

 

Neue Therapien

Bei manchen RDS-Patienten hat sich die Zusammensetzung der Darmbakterien verändert. Einige Kranke profitieren von bestimmten Probiotika, also Gaben von lebenden Bakterien.



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