Apfelsammler aus Leidenschaft: Der gelernte Maschinenschlosser Anton Klaus (63) in seinem Allgäuer Garten
Anton Klaus hat seinen Garten den Reichen und Schönen geöffnet. Dort geben sich Freiherr von Berlepsch und Kaiser Wilhelm, Minister von Hammerstein und der Schöne von Boskoop ein Stelldichein und noch viele, viele andere. Der gelernte Maschinenschlosser aus Oberneufnach im Allgäu sammelt alte Apfelsorten.
Der 63-Jährige ist mit Äpfeln aus dem eigenen Garten groß geworden. Schon als Fünfjähriger wusste er, wo die besonders aromatischen Früchte hingen und welche höchstens für Most taugten. Als er mit 30 ein Haus baute und einen Apfelbaum pflanzte, war das die Geburtsstunde seines „Pomologischen Versuchsgartens“. Damals nahm Anton Klaus sich vor, ein Obstexperte – Fachbegriff „Pomologe“ – zu werden. 500 Apfelsorten wollte er kennen bis zu seiner Rente. Das hat er geschafft. Allerdings, findet er, „kann man einen Apfel nicht kennen, wenn man ihn nicht selbst hat reifen sehen und geerntet hat“. Deshalb stehen in seinem Garten heute 175 Bäume, auf denen 450 Apfel- und 125 Birnensorten wachsen. Manchmal bleiben Spaziergänger stehen und staunen: Da prangen an einem einzigen Baum tiefrote Früchte und gelbe, runde und eher längliche, faustgroße und niedlich kleine. Anton Klaus’ „Wunderbaum“ zählt rekordverdächtige 113 verschiedene Sorten Äpfel.
„Früher schmeckten die Äpfel besser“
„Manchen Sorten bin ich schon seit Jahren hinterher“, sagt der 63-Jährige. „Da muss ich einfach einen Platz finden, wenn ich endlich ein Reis kriege.“ Bäume mithilfe eines jungen, aber schon verholzten Zweigs, eines Reises, zu vermehren, indem man diesen auf ein junges Bäumchen aufbringt, ist das Prinzip des Obstbaus. „Veredelung“ nennen die Obstbauern das. Gleichzeitig kann das die Rettung sein. „In unseren Bauerngärten stehen viele 80-Jährige, die selten gewordene Früchte tragen. In diesem Alter, spätestens aber mit 100, ist auch bei einem Baum Schluss. Will man die Sorte erhalten, muss man ihr eine frische, junge Unterlage geben“, sagt Anton Klaus. „Schon einige Male kam meine Hilfe in letzter Minute, mancher Baum hat den nächsten Sturm nicht mehr überdauert.“
Eine mühevolle, aber lohnende Aufgabe. „Früher haben die Äpfel doch viel besser geschmeckt!“ Das hört Anton Klaus oft, wenn er Besucher durch sein kleines Paradies führt oder die Leute ihm die Urgesteine aus ihren Gärten zur Bestimmung mitbringen. „Die Alten waren nicht so überzüchtet“, sagt Anton Klaus. „Und dann die Vielfalt: Von August bis oft in den Mai oder Juni hinein hatte jede Zeit ihre eigenen Sorten, und jede davon schmeckte anders.“
Das ganze Jahr nur Elstar?
Heute muss alles rationell sein, der Apfel eine bestimmte Größe haben und der Baum gut tragen. „Der Sündenfall begann mit dem Golden Delicious“, erinnert sich der Obstbauer und Buchautor Eckart Brandt aus dem Alten Land bei Hamburg, „die Züchter waren begeistert von den hohen Erträgen. Dass dieser Apfel aber empfindlich ist und mehrere Schönheitskuren mittels Spritzung braucht, wurde hingenommen.“ Man zahlte Prämien für das Fällen alter hochstämmiger Bäume, die zu viel Platz wegnahmen, aufwendig abzuernten waren und ein Wirrwarr an Sorten lieferten. „Die Konzentration auf wenige Sorten, wie man sie heute im Supermarkt findet, haben wir dem Handel zu verdanken“, sagt Brandt. „Der hätte am liebsten, dass die Leute das ganze Jahr Elstar essen – das wäre logistisch am einfachsten.“
Das Gute im Apfel
Abwehrstärkend
In vielen alten Sorten steckt beachtlich viel Vitamin C – gut für das Immunsystem. Drei bis vier Früchte, und das Tagessoll an dem Abwehrvitamin ist erfüllt. Die Schale kann und soll man mitessen: Darin und direkt darunter sitzen besonders viele gesunde Inhaltsstoffe.
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Verdauungsfördernd
Unabhängig von der Sorte ist Pektin in Äpfeln reichlich enthalten. Der Ballaststoff hält nicht nur die Verdauung in Schwung, sondern kann auch den Cholesterinspiegel im Blut günstig beeinflussen.
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Gut verdauliche Sorten
"Für die Verträglichkeit kann auch die Verdauung eine Rolle spielen", sagt Marina Oppermann vom Deutschen Allergie- und Asthmabund. "Alte Sorten werden erfahrungsgemäß besser vertragen."
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Eine Arche Noah für alte Sorten
Brandt selbst ist einen anderen Weg gegangen. „Als Imker kam für mich nur das biologische Wirtschaften infrage. Und dieses verlangte nach den robusten alten Sorten, die optimal an den Boden und das Klima der Region angepasst sind.“ Brandt geht es nicht in erster Linie um Rentabilität, sein oberstes Ziel ist es, die fast vergessenen Sorten zu erhalten. „Und das können wir nur, wenn wir sie unters Volk bringen.“ Seit 1985 bewirtschaftet er seinen „Boomgarden“ (hochdeutsch: Baumgarten) – noch so eine Arche Noah für alte Apfelsorten. Das Gelände ist wie eine riesige Streuobstwiese angelegt. Bei dieser traditionellen Form des Obstanbaus stehen – im Gegensatz zur Plantage – hochstämmige Bäume verschiedener Sorten, alle unterschiedlich alt, auf einer Wiese, die gleichzeitig zum Heuen oder als Viehweide genutzt wird. Pestizide oder Dünger sind hier tabu.
Schätze vor der Haustür
Das freut auch Umweltschützer. „Streuobstwiesen, wie sie traditionell Dörfer wie ein Gürtel umgeben, bieten zahlreichen Vogelarten, Fledermäusen und Säugern, Spinnen und Insekten einen Lebensraum“, sagt Willi Hennebrüder vom BUND Lemgo. Für Apfelhüter Brandt sind sie ein vernachlässigter Fundus: „Die Schätze wachsen vor der Haustür, und kein Mensch kümmert sich darum. Stattdessen zahlen wir viel Geld, um Früchte von der anderen Erdhälfte herzuschippern.“ Von der Umweltbelastung durch den Transport ganz zu schweigen. Gesünder sind die Äpfel aus dem naturnahen Anbau obendrein. Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass viele der großen Pomologen des 18. und 19. Jahrhunderts mit 80 Jahren und mehr ein für damalige Verhältnisse fast biblisches Alter erreichten. „Die haben halt alle viele Äpfel gegessen“, kommentiert Anton Klaus. Das tut er selbst auch, mindestens fünf, manchmal sogar zehn am Tag.
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Erst dran riechen, dann hineinbeißen
Dieses Jahr gibt es in seinem Garten 100 neue Sorten zu kosten. „Schon lange bevor eine Sorte reif ist, schaue ich mir den Apfel immer wieder an und frage mich, ob es der wird, als den ich das Reis bekommen habe. Das ist nicht immer so. Aber wenn ja, freut mich das besonders.“
Und wie isst ein Pomologe nun einen Apfel? Anton Klaus riecht ausgiebig an der Frucht, streicht mit den Fingern darüber, begutachtet nochmals die Farbe, schneidet den Apfel in der Mitte durch, um das Kernhaus genau anzuschauen, und beißt schließlich ein Stück ab. „Aber nicht jeder Apfel wird bei mir seziert“, sagt der Hüter der Paradiesfrüchte entschuldigend, „die meisten Sorten sind mir ja schon vertraut.“
Einige frühe Äpfel pflückt sich Anton Klaus am liebsten ganz frisch vom Baum, die meisten aber müssen erst gelagert werden, bis sie „genussreif“ sind. „Wenn ich in den Keller gehe, kommen mir schon die Geschmäcker in den Sinn, zwischen denen ich gleich wählen kann. Mal ist mir mehr nach Zimt, mal nach einer Muskatnote, mal nach Nussgeschmack – das und noch viel mehr bieten Äpfel!"
Wo bekomme ich die alten Sorten?
Fragen Sie auf dem nächsten Wochen- oder Bauernmarkt nach Berlepsch, Gravensteiner oder Goldparmäne. Wer eine der fast vergessenen Sorten in den Hausgarten pflanzen will, sollte sich vom Profi beraten lassen: Pomologen-Verein e.V., Dehlenkamp 11, 32756 Detmold, Tel. 0 52 31/ 9 80 75 02, www.pomologen-verein.de
Eine Liste von Baumschulen, die alte Obstsorten anbieten, finden Sie unter www.bund-lemgo.de
Heidi Loidl / Senioren Ratgeber;
05.12.2011
Bildnachweis: W&B/Markus Dlouhy
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