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Functional Food: Hilfreich oder Mogelpackung?

Funktionelle Lebensmittel – gibt es Gesundheit neuerdings im Supemarkt zu kaufen? Was bringen angereicherte Produkte? Was sind Vor- und Nachteile? Eine Standortbestimmung


Bei funktionellen Lebensmitteln werden gesunde Stoffe wie Bausteine in ein Produkt eingebaut

Saft schützt die Zellen, Joghurt hilft der Verdauung auf die Sprünge, und Brot beugt Arterienverkalkung vor. So verspricht es zumindest das Etikett einiger Produkte. Essen soll heutzutage nicht einfach nur schmecken, sondern auch gesund sein. Besonders bequem: Man bedient sich einfach am Kühlregal. Um den Rest kümmern sich Lebensmittel-Designer und Hersteller. Sie ersinnen und konstruieren diese „funktionellen Lebensmittel“, die nicht nur satt machen, sondern zusätzlich der Gesundheit nützen. Rechtlich bindend ist diese Definition leider nicht.

Die Sonderausstattung gibt es allerdings nicht zum Nulltarif. Bis zum Doppelten oder mehr zahlt der Käufer für ein frisiertes Lebensmittel. Experten warnen vor überhöhten Erwartungen: „Verbraucher sollten genau hinschauen und die ausgelobten Wirkungen auch hinterfragen“, empfiehlt Angela Clausen von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.


Genau das tut seit vier Jahren auch die Europäische Kommission. So will es eine Verordnung aus dem Jahr 2006. Sie soll den Verbraucher vor Täuschung schützen und verlangt für die angepriesenen Wirkungen einen wissenschaftlichen Nachweis. Mehr als 4000 Aussagen hat die Behörde zu prüfen. Im Januar 2010 sollte eine Positivliste erlaubter Gesundheitsaussagen (englisch: Health Claims) erscheinen, Clausen vermutet, dass sie Ende 2011 vorliegen wird.

Margarine mit Mehrwert?

Margarine mit Pflanzensterinen wird weiter mit ihrer cholesterinsenkenden Wirkung werben dürfen, so viel ist schon klar. Nicht aber damit, dass das Herzinfarktrisiko sinkt, denn das ist nicht belegt. In jedem Fall ist der Brotaufstrich nur für Menschen mit erhöhtem Cholesterin bestimmt, so sagt es auch die Verpackung. Dort steht zudem, wie viel von der Margarine man täglich essen soll. „Zu wenig wäre wirkungslos, zu viel eventuell schädlich“, sagt Dr. Christiana Gerbracht vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke. Denn Sterine behindern nicht nur die Aufnahme von Cholesterin, sondern auch von fettlöslichen Vitaminen. Die langfristigen Nebenwirkungen sind nicht erforscht. Gerbracht fürchtet, dass die Empfehlung nicht ernst genug genommen wird: „An derlei enge Vorgaben beim Essen sind Menschen nicht gewöhnt, das kennen sie nur von Arzneimitteln.“

Probiotische Joghurts

Einige Meter weiter im Kühlregal Dutzende verschiedener Joghurts und Milchgetränke. Manche nennen sich „probiotisch“, weil sie lebende Bakterien enthalten, die der Verdauung besser standhalten als herkömmliche Joghurtbakterien und daher im Darm für einige Stunden bis Tage aktiv sind. Auch herkömmliche Sauermilchprodukte beeinflussen erwiesenermaßen die Darmflora günstig. Sind die probiotischen wirklich besser? So direkt wurde das noch in keiner Studie verglichen. Sicher ist, dass bestimmte Probiotika manchem Durchfall vorbeugen und ihn lindern können. „Dass sie die Abwehr stärken, ist nur teilweise belegt“, sagt Isabelle Keller von der Deutschen
Gesellschaft für Ernährung.


Greifen Sie zu funktionellen Lebensmitteln?

Gut zu wissen: Probiotische Bakterien helfen nicht jedem gleichermaßen. Um Effekte zu erzielen, muss man sie täglich und wenigstens mehrere Tage lang essen. Wie viel genau, ist noch unklar. Zudem setzt jeder Hersteller einen anderen probiotischen Keim ein, der nur auf eine bestimmte Wirkung getestet ist und im Zweifel auch nichts anderes kann. Daher macht es keinen Sinn, ständig zwischen Marken zu wechseln.

Auf Unmut stößt bei Gerbracht, dass die Produkte „oft stark gezuckert sind und daher das Prädikat ,gesund‘ gar nicht verdienen“. Doch das wird sich ändern: Die Health-Claims-Verordnung verlangt von jedem Lebensmittel mit Gesundheitsversprechen, dass es nicht zu viel Zucker, Salz, Fett und vor allem gesättigte Fette enthält. Die Grenzen dafür muss die Kommission aber erst noch festlegen.

Omega-3-Fettsäure: besser natürlich

Ein beliebter Baustein der Lebensmittel-Designer sind außerdem Omega-3-Fette – heute auch in Brot, Eiern, Margarine und Getränken zu finden. Diese Fettsäuren wirken sich günstig auf die Fette im Blut und den Blutfluss aus. „Angereicherte Kost liefert jedoch zu wenig wirksame Fette“, warnt Isabelle Keller. „Besser ist es, wöchentlich fettreichen Seefisch zu essen, etwa Lachs, Makrele oder Hering. Ebenfalls gute Omega-3-Quellen sind Rapsöl, Leinöl und Walnüsse.“ Das natürliche, unverfälschte Lebensmittel ist in seiner Wirkung einfach unerreicht. Das zeigt einmal mehr der Vergleich verschiedener Getränke. Hersteller setzen gern Provitamin A und die Vitamine C und E zu. Die Dreierkombination ACE soll das Herz schützen, die Abwehr stärken, vorzeitigem Altern und sogar Krebs vorbeugen.

Dass die Anreicherung wirklich nützt, ist bisher nicht belegt. Zudem konnten Bonner Forscher zeigen, dass Johannisbeernektar und roter Traubensaft von Natur aus gleich gute oder sogar bessere Werte aufweisen. Und man weiß heute, dass Aroma- und Farbstoffe der Pflanze die ACE-Wirkung noch steigern können. Daher den Saft lieber so trinken, wie die Frucht ihn liefert.

Nützliches Jodsalz

Wenn Hersteller ein Lebensmittel verändern, ist das jedoch nicht grundsätzlich schlecht. „Salz beispielsweise Jod und Fluorid zuzusetzen ist sinnvoll und nötig“, sagt Isabelle Keller. Nur so kommen die Deutschen auf die täglich empfohlene Menge des Schilddrüsenminerals Jod. Und Menschen mit einer schweren Milchzuckerunverträglichkeit sind froh, zwischen verschiedenen laktosefreien Milchprodukten wählen zu können.

In jedem Fall lohnt es sich, die Verpackung genau anzuschauen. Wägen Sie Preise und den versprochenen Nutzen ab. Und essen Sie auch sonst abwechslungsreich mit viel Gemüse und Obst.  Ohne einen ausgewogenen Speiseplan und die regelmäßige Portion Sport funktionieren die besten Gesundmacher nicht.




Bildnachweis: W&B/Simon Katzer
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Heidi Loidl / Senioren Ratgeber; 07.11.2011
Bildnachweis: W&B/Simon Katzer

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