Die Werbung hat funktioniert: Immer öfter greifen die Deutschen heute zu alkoholfreiem Gerstensaft. Promillefrei ist gesellschaftsfähig geworden. Jeder zweite Biertrinker zischt gerne mal eins „ohne“, ergab eine Umfrage von Infratest im Jahr 2007. Vor allem Autofahrer nutzen die Alternative, viele wollen einfach einen klaren Kopf behalten oder schätzen ein alkohlfreies Bier als erfrischenden Durstlöscher nach dem Sport. Die Nachfrage steigt stetig. Immerhin sind fast drei Prozent des in Deutschland konsumierten Biers alkoholfrei.
Der gute Absatz hat sicher auch damit zu tun, dass es heute besser schmeckt. Seit Ende der 70er-Jahre die ersten alkoholfreien Biere auf den Markt kamen, wurde das Herstellungsverfahren ständig verbessert. In den Anfängen unterbrachen die Brauer einfach die Vergärung von Zucker zu Alkohol. Dadurch bildeten sich auch weniger biertypische Aromen, die Biere schmeckten durch den Restzucker recht süß. Heute brauen viele Hersteller ein normales Bier, dem sie den Alkohol nachträglich durch eine aufwendige Filterung oder schonendes Erhitzen entziehen. Für ein optimales Ergebnis kombinieren inzwischen viele Brauereien verschiedene Verfahren, die Details sind aber streng geheim.
So wird Bier alkoholfrei
Weniger Alkohol entsteht, wenn Hefe, die den Zucker im Malz zu Alkohol und Kohlensäure spaltet, abgekühlt oder abzentrifugiert wird. Das verlangsamt oder stoppt die Gärung.
1/3
Normal vergorenes Bier wird im Vakuum erwärmt. Alkohol verdampft zuerst. Ebenfalls flüchtige Aromen können zum Teil später wieder zugefügt werden.
2/3
Bier wird unter Druck an einer Membran vorbeigeleitet. Auf der anderen Seite: Wasser. Zum Ausgleich des Konzentrationsunterschieds tritt der Alkohol aus.
3/3
Mit der modernen Technologie sind heute Null-Komma-null-Prozent-Biere möglich. Sie werden bei uns aber fast nur für den Export produziert. Die inzwischen mehr als 70 alkoholfreien Marken auf dem deutschen Markt, vom Weizen über Pils bis zu regionalen Sorten wie Kölsch oder Alt, enthalten meist noch 0,2 bis 0,3 Prozent Alkohol. Das ist vielen nicht klar. Doch das Gesetz gesteht einem „alkoholfreien“ Bier, Wein oder Sekt sogar bis zu 0,5 Prozent Restalkohol zu. So viel steckt auch in manchem Orangen- oder Tomatensaft. Man müsste zehn oder mehr Gläser trinken, um auf die Alkoholmenge eines alkoholhaltigen Biers zu kommen. Von dieser Konzentration ist keine Wirkung zu erwarten. Also freie Fahrt für Autofahrer. „Und wenn der Beipackzettel eines Medikaments vor Alkohol warnt: Ein alkoholfreies Bier ist trotz der Restprozente erlaubt“, sagt Apotheker Dr. Martin Allwang aus München.
Den Brauern geht es beim Restalkohol in erster Linie um den Geschmack. Viele scheuen den Vergleich mit dem Alkoholhaltigen heute nicht mehr. Tatsächlich vergab die Stiftung Warentest im Juni 2010 an 12 von 20 alkoholfreien Weizenbieren die Gesamtnote „gut“. „Aber eine allzu große Nähe zum Original sollte niemand erwarten“, resümierten die Tester.
Dr. Martin Kern findet den Vergleich auch unfair, „denn Alkohol ist nun mal ein Geschmacksträger“. Als Leiter des internationalen Sensoriklabors SAM hat er schon viele Tests begleitet und empfiehlt: „Man sollte im Alkoholfreien nicht das Bier suchen, sondern es als etwas Eigenes sehen. Haben Sie Mut zum Experimentieren! Wer mehrere Marken testet, wird sicher die passende finden.“
Sportler sollten ihre Erwartung aber nicht zu hoch schrauben. Der Test hat ergeben, dass die in der Werbung als Sportlergetränk ausgelobten Biere zwar tatsächlich isotonisch waren (außer einem). Das heißt, sie enthielten genauso viele gelöste Stoffe wie unser Blut, was eine schnelle Aufnahme der verlorenen Flüssigkeit und Mineralstoffe während eines leistungsorientierten Ausdauersports garantiert. Doch war bei allen zu wenig Natrium und zu viel Kalium enthalten, was die Leistungsfähigkeit mindern kann. Aber als erfrischender Durstlöscher nach dem Wandern taugen diese Biere allemal, zumal sie 40 Prozent weniger Kalorien enthalten als das Original – nicht mehr als Apfelschorle.
So bietet heute jedes Restaurant ein alkoholfreies Bier an. 0,5-prozentige Weine sucht man dagegen bisher vergebens auf der Karte. Es fehlt an wirklich guten Marken, denn mit dem Alkohol geht auch der Geschmack verloren. „Der Sprung von zehn auf 0,5 Prozent Alkohol bei Wein ist einfach zu groß. Und dem Rebensaft fehlt die Kohlensäure, die zum Teil Alkohol als Geschmacksträger ersetzen kann“, sagt Prof. Guido Ritter, Sensoriker an der Fachhochschule Münster. Keltereien stecken ihre Energie lieber in die Entwicklung alkoholfreier Schaumweine. Mit gutem Erfolg: Bereits drei von hundert verkauften Flaschen Sekt sind heute alkoholfrei. Verbraucher finden ihn als „schäumendes Getränk aus alkoholfreiem Wein“ im Regal. „Wenn es im Büro etwas zu feiern gibt, entscheidet man sich zunehmend für alkoholfrei“, sagt Geschäftsführer Hans Hieronimi vom Verband der Hersteller alkoholfreier Weine.
Wer nach einer Alkoholsucht trocken geworden ist, sollte Bier, Wein und Sekt auf Dauer meiden, auch die alkoholfreien Varianten – nicht nur wegen der zulässigen 0,5 Prozent Restalkohol. „Allein der Geschmack, Geruch oder einfach der Name können eine Versuchung darstellen“, sagt Gabriele Bartsch von der Deutschen Hauptstelle für Suchtgefahren. Die geringen Alkoholmengen in unvergorenen Säften, Kefir und Brot halten Experten dagegen für unproblematisch.
Selbst die Auffassung, dass ein festliches Essen einen guten Wein braucht, ist nicht in Stein gemeißelt. „Im Zuge des wachsenden Gesundheitsbewusstseins wird auch bei uns immer öfter nach Alternativen zur klassischen Weinbegleitung gefragt“, sagt Thomas Martin, Zwei-Sterne-Koch in Jacobs Restaurant im Hamburger Hotel Louis C. Jacob. Dort wird seit Kurzem beim Menü „Natürlich“ etwa zum Kürbis mit Macadamianuss und Curry ein Rhabarbernektar und zum gegrillten Steinbutt ein Quittennektar serviert. Auf sortenreine Fruchtsäfte setzen mittlerweile einige Hersteller, oft aus alten Apfel- und Birnensorten von regionalen Streuobstwiesen. Andere experimentieren mit einem Zusatz von Brombeer- oder Erdbeersaft und verfeinern mit Holunderblüten, Kräutern oder Gewürzen. Es bleibt spannend für Gesundheitsbewusste.
Heidi Loidl / Senioren Ratgeber;
21.05.2012
Bildnachweis: W&B/Dr. Ulrike Möhle, Jupiter Images/Fuse
Apotheken Umschau mit den Themen Krankheiten von A-Z>, Symptome, Medikamentencheck, Laborwerte, Heilpflanzen, Hausapotheke, Abnehmen, Gesundheitsvideos, Apothekensuche, Gehirn-Jogging und Sport
Diabetes Ratgeber mit Informationen zu Diabetes Typ 1 und Diabetes Typ 2: Symptome, Behandlung und Ernährung bei Zuckerkrankheit
Baby und Familie mit Themen rund um Schwangerschaft, Geburt, Vorsorge, Kinderkrankheiten, Homöopathie und Erziehung