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Wie sinnvoll sind Nahrungsergänzungs-Mittel?

Vitaminpräparate, Mineralstoffe & Co. – sinnvoll oder unnötig? Neue Studien haben Produkte zur Nahrungsergänzung in die Kritik gebracht. Was Sie jetzt wissen müssen


Nährstoffe aus Tabletten? Die Natur liefert meist genug

Nein, ein großer Freund der bunten Dragees und Brausetabletten mit Vitaminen und Mineralstoffen ist Elisabeth Jedamzik nicht. „Bei einigermaßen guter Ernährung“, sagt die Apothekerin aus Ingolstadt, „kann man sich Nahrungsergänzungsmittel sparen.“ Einigermaßen gute Ernährung, das heißt für Elisabeth Jedamzik: „Viel Obst und Gemüse, wenig Zucker, lieber pflanzliche als tierische Öle, wenig Alkohol und nicht so oft Fleisch.“ Dass die Apothekerin einem Kunden etwa zu einem Multivitaminpräparat rät, ist die Ausnahme. „Beispielsweise, wenn sich jemand nur von Fast Food ernährt.“

Trend zu Nahrungsergänzungsmitteln

Die Bundesbürger ficht das nicht an. Nach Schätzungen geben sie pro Jahr etwa eine Milliarde Euro für Nahrungs­ergänzungsmittel aus. Rund 27 Prozent der ab 60-Jährigen greifen wenigstens einmal pro Woche zu einem Präparat mit Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen, Fettsäuren wie Omega 3 oder bestimmten Eiweißstoffen. Das
Max-Rubner-Institut in Karlsruhe, eine bundeseigene Forschungseinrichtung für Ernährungsfragen, hat auf dem deutschen Markt ungefähr 2700 Produkte gezählt. Am beliebtesten sind Präparate mit den Vitaminen C und E sowie den Mineralstoffen Magnesium und Kalzium. Das Geschäft brummt, und das bereitet Experten wie dem Münchner Klinikapotheker Dr. Markus Zieglmeier Sorgen: „Der Markt ist viel zu groß, und er ist viel zu unkontrolliert.“


Denn laut Gesetz haben Nahrungs­ergänzungsmittel nur einen Zweck: ein Defizit an einzelnen Nährstoffen, beispielsweise Vitaminen, wettzumachen. Vor allem ältere Kunden aber gehen mit einer anderen Vorstellung an die Produkte heran, beobachtet die Frankfurter Apothekerin Erika Fink: „Es knirscht und knackt, die Sehkraft und das Gedächtnis lassen nach, und da erhoffen sich die Menschen von den Nahrungsergänzungsmitteln Abhilfe.“

Vitaminpräparate als Jungbrunnen: Die Hersteller tun einiges dafür, solche Erwartungen zu schüren. Zwar dürfen sie für ihre Produkte keine Heilkraft reklamieren, doch Aussagen wie „Die Kur für Ihre Blase“ oder „Gut fürs Herz“ sind in der Werbung durchaus gängig. Und nicht nur die äußere Form – etwa als Tablette – , auch „die Verpackung, der Name und der Beipackzettel rücken die Produkte in die Nähe von Arzneimitteln“, beklagt Professor Martin Schulz, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker. „Das ist hoch­problematisch.“

Erkenntnisse oft aus Laborversuchen

Arzneimittel, zum Beispiel pflanzliche Medikamente aus der Apotheke, durchlaufen ein strenges Zulassungsverfahren. Die Hersteller müssen meist viel Geld und Zeit aufwenden, um den gesundheitlichen Nutzen ihrer Präparate in Studien unter Beweis zu stellen. Für Nahrungsergänzungsmittel gelten solche Auflagen nicht – sie fallen unter das Lebensmittelrecht.

Die Idee, Vitamine aus der Retorte seien gut für die Gesundheit, geht zum Teil auf Laborversuche in der Petrischale zurück. Dort zeigt sich, dass manche Vitamine und Pflanzenstoffe Entzündungen bremsen – was die Annahme nahelegte, Nahrungsergänzungsmittel könnten etwa Gefäßleiden oder Krebs vorbeugen. Doch dieser Schluss greift zu kurz, belegen mehrere große Studien an Patienten aus den vergangenen Jahren. Während der vorbeugende Effekt von gesundem Essen – etwa Obst und Gemüse – inzwischen erwiesen ist, „haben sich alle Hoffnungen zerschlagen, Vitaminpräparate könnten vor Rheuma, Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen“, stellt Apotheker Martin Schulz fest.

Steigern Präparate das Krankheitsrisiko?

Mehr noch: Die Hinweise häufen sich, dass die langfristige Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln Gefahren birgt. Ende 2011 veröffentlichten Forscher aus den USA die Ergebnisse einer Studie an rund 35.000 Männern. Wer auf Dauer ein Vitamin-E-Präparat schluckte, so das Fazit, hatte ein höheres Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken. Eine andere Untersuchung aus dem vergangenen Herbst kam gar zu dem Schluss, Multivitaminpräparate würden möglicherweise die Lebenserwartung senken. Schaden Nahrungsergänzungsmittel am Ende mehr, als sie nützen? Ganz so möchte es Experte Zieglmeier nicht sehen: „Es geht um den gezielten Einsatz.“

Gesundheitliche Gefahren drohen offenbar vor allem bei einer Überdosis einzelner Nährstoffe. So beziehen sich die meisten Vitamin-Studien auf die USA, wo Nahrungsergänzungsmittel seit jeher boomen – und oft höher dosiert sind als in Deutschland. Ein Problem ist auch, dass Vitamin- und Mineralstoffpräparate meistens von Menschen eingenommen werden, die sich ohnehin gut ernähren und auf ihre Gesundheit achten. Bei ihnen sind Nahrungsergänzungsmittel schnell zu viel des Guten, fanden Wissenschaftler des Max-Rubner-Instituts heraus: 16 Prozent derjenigen, die ein Magnesium-Präparat einnehmen, überschreiten die Tageshöchstmenge an diesem Mineralstoff in bedenklicher Weise.

Sinnvoll: Bei Nährstoffmangel

Andere dagegen haben ein hohes Risiko für einen Mangel an Nährstoffen. Das gilt etwa für Patienten mit Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Durchfall, vor allem aber für betagte Senioren.

Beispiel Vitamin B12. Säureblocker für den Magen und das Diabetes-Mittel Metformin, zwei Senioren häufig verordnete Medikamente, hemmen die Aufnahme von Vitamin B12, das unter anderem für einen sicheren Gang und ein gutes Gedächtnis notwendig ist. Jeder dritte Patient, der in der Altersmedizin des Münchner Krankenhauses Neuperlach behandelt wird, hat einen deutlichen Vitamin-B12-Mangel, berichtet Klinik­apotheker Zieglmeier.

Beispiel Vitamin D: Das Vitamin, wichtig für die Knochengesundheit, bastelt sich der Körper mit Bordmitteln, sofern er genug Sonnenlicht abbekommt. Im Alter funktioniert dieser Mechanismus aber nicht mehr so gut, sodass die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rät, bei ab 65-Jährigen die Einnahme eines Vitamin-D-Präparats zu erwägen.
Offen ist zurzeit der Nutzen von Präparaten mit Omega-3-Fettsäuren.

Einnahme mit dem Apotheker absprechen

Klarheit soll jetzt eine europaweite Studie mit rund 2100 ab 70-Jährigen bringen, an der die Ernährungsforscherin Dorothee Volkert beteiligt ist. „Wir untersuchen beispielsweise, ob sich die Einnahme auf das Sturzrisiko, den Blutdruck oder die Infektanfälligkeit auswirkt“, erklärt die Professorin von der Universität Erlangen-Nürnberg. In der Studie wollen die Wissenschaftler auch die Wirkung von Vitamin-D-Produkten näher unter die Lupe nehmen.

Schon heute gilt: „Wer eine Nahrungsergänzung einnehmen will, sollte mit dem Arzt oder Apotheker klären, ob er ein Nährstoffdefizit hat“, sagt Erika Fink. Im Einzelfall kann der Arzt das mit einer Blutprobe prüfen. Sollte etwa ein Eisenmangel drohen, gibt es zwei Wege der Vorbeugung, meint Apothekerin Fink: „Ein Eisenpräparat oder Blutwurst. Ich ziehe das Letztere vor.“


Natürliche Nährstoff-Quellen

Vitamine und Mineralstoffe, auf die Senioren besonders achten sollten, und ihre wichtigsten Lieferanten:

 

Vitamin B2

Steckt in Vollkornprodukten, Brokkoli,­ Grünkohl, Milch und Milchprodukten.

 

Vitamin B6

Liefern Paprika, grüne Bohnen, Kartoffeln, Vollkornprodukte, Geflügel.

 

Vitamin B12

Ist enthalten in Eiern, Milch- und Milchprodukten, Hering, Rindfleisch. Vitamin B12 wirkt nur im Verbund mit Folsäure.

 

Folsäure (Folat)

Steckt vor allem in frischen Blatt­salaten und Blattgemüse.

 

Vitamin D

Bildet der Körper mithilfe des Sonnenlichts selbst, darüber hinaus ist es in Milch, Margarine und fettem Seefisch enthalten, etwa Makrele.

 

Kalzium

Liefern in erster Linie Milch und Milchprodukte wie Hartkäse, daneben auch Brokkoli, Grünkohl und kalziumreiche Mineralwässer (mindestens 150 mg Kalzium pro Liter).

 

Magnesium

Steckt in Hülsenfrüchten, Nüssen, Getreide und Vollkornprodukten.

 

Omega-3-Fettsäuren

Sind vor allem in fettem Seefisch wie Lachs, Sardelle, Makrele und Hering enthalten.




Bildnachweis: W&B/Reiner Schmitz/RYF

Kai Klindt / Senioren Ratgeber; 16.07.2012, aktualisiert am 17.08.2012
Bildnachweis: W&B/Reiner Schmitz/RYF

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