Wer mit über 60 anfängt, Spanisch, Chinesisch oder Englisch zu lernen, profitiert mehrfach. Etwa so wie Helmut Nöring: Er erfüllt sich mit dem Sprachenstudium einen Lebenstraum. „Gleichzeitig strukturiert der Uni-Alltag meinen Tag“, betont der Vorruheständler. Auch der Geist bleibt rege.
Hirnforscher wiesen nach, dass ältere Menschen geistig fit bleiben, wenn sie eine fremde Sprache lernen. Diese schreiben, lesen, sprechen und hören – das aktiviert verschiedene Hirnregionen und vernetzt die grauen Zellen im Kopf besser. Besonders, wenn der Faktor Spaß stimmt. Ältere Studenten sind hier sogar im Vorteil: „Sie lernen die Sprache ja freiwillig“, betont Professor Albert Raasch aus Molfsee.
Der Sprachwissenschaftler, der über „Fremdsprachenlernen im Alter“ forscht, weiß: Über 60-Jährige fangen aus unterschiedlichen Motiven an, Vokabeln zu lernen. Frauen holen häufig ein Bildungsangebot nach, das ihnen zuvor aus familiären Gründen verwehrt war. Andere Senioren haben im Lauf ihres Berufslebens die halbe Welt bereist, konnten sich aber aus Zeitgründen nicht mit der Sprache und Kultur eines Landes befassen. „Da haben sie nun im Ruhestand die Zeit dafür“, sagt Raasch.
„Die fremde Kultur kann sogar Anreiz zum Lernen sein.“ Wieder andere wollen neue Länder kennenlernen und Kontakte knöpfen. So wie Karin Füllekrug. „Ich bin ein geselliger Mensch“, sagt die 66-Jährige aus Salzgitter. Mitte dieses Jahres hat sie eine Sprachreise nach Nerja in Südspanien gemacht. Mit neun anderen Teilnehmern aus aller Herren Länder hat die ehemalige Verwaltungsangestellte tagsüber dort die Schulbank gedrückt, „auch abends haben wir nur Spanisch gesprochen. Zur Not mit Händen und Füssen.“
Sprachkurse für Ältere
Nicht jeder Senior verhält sich so unbefangen, weiß Professor Annette Berndt aus Bochum. „Viele haben schlechte Erfahrungen gemacht“, sagt die Sprachlehrforscherin mit dem Wissensschwerpunkt „Fremdsprachenlernen im höheren Erwachsenenalter“. Berndt unterrichtet selbst Senioren und weiß um deren traditionelle Vorstellungen von „Pauken“: „Viele glauben, dass Sprachunterricht in erster Linie Vokabeln und Grammatik büffeln heißt.“
Zusätzlich hemmt ältere Semester die Angst, mit dem Lerntempo Jüngerer nicht mithalten zu können. Das kann Berndt nachvollziehen: „Das Gehirn verarbeitet im Alter Informationen langsamer, und das Gedächtnis lässt nach.“ Die Laute fremder Sprachen lassen sich nicht mehr so gut unterscheiden – und damit schlechter artikulieren. Das macht deutlich: Ein gut angepasstes Hörgerät erleichtert das Lernen ungemein.
Wer sich Druck ersparen will, sollte einen speziellen Sprachkurs für Ältere besuchen. „Dort muss nicht Lernziel X bis zum Zeitpunkt Y erreicht sein“, betont die Bochumer Sprachexpertin. „Die Dozenten berücksichtigen, wie Ältere lernen.“ Sie bieten Lernstoff in langsamem Tempo und mit klarem Inhalt an, häufige Wiederholung inklusive. Sie strukturieren den Unterricht, die Bücher sind in großer, deutlicher Schrift gedruckt, Tonmedien in ausreichender Lautstärke aufbereitet.
Im Französisch-, Spanisch- oder Italienisch-Unterricht für über 60-Jährige stehen auch andere Inhalte auf dem Stundenplan. Es gibt weder Prüfungen noch gilt es zu lernen, im fremden Land radebrechend nach Hotel, Bank oder Strand zu fragen. „Ältere haben einen großen Erfahrungsschatz und eine große Bereitschaft, darüber zu erzählen“, weiß Raasch. Dozenten knüpfen an dieses Wissen an und vermitteln Techniken, wie Senioren es anderen in einer fremden Sprache mitteilen können. „Ältere brauchen Lehrkräfte, die zuhören können und selbst lernbereit sind“, betont der Sprachforscher.
Lernpartner suchen
Wer sich für einen „Sprachkurs 50 plus“ entscheidet, sollte vorher kritisch prüfen: Was ist das Seniorenspezifische daran? Wie haben sich die Dozenten dafür qualifiziert? Können Teilnehmer bereits über Erfahrungen berichten? „Leider erschöpft sich manches Angebot für Ältere darin, Lernunterlagen in Großdruck anzubieten“, kritisiert Raasch. Er rät Interessierten, nachzuhaken, ob der Kurs allgemeine Hilfestellungen bietet, denn „auch Lernen muss man lernen“.
Und: Vor dem Anmelden sollte sich jeder fragen, welches Sprachniveau er erreichen will, und sich beim Anbieter erkundigen, ob der Kurs das tatsächlich bietet. Ratlos steht mancher vor dem Dschungel der Möglichkeiten: Die VHS veranstaltet Kurse. Es gibt zahlreiche Anbieter für Sprachreisen 50 plus. Seit Kurzem sind im Buchhandel die ersten „Sprachkurse für Best Ager“ erhältlich. Oder man lernt mithilfe einer Software die fremde Sprache.
Elfi Eigelshoven aus Aachen drückt am liebsten die virtuelle Schulbank: „Ich lerne interaktiv Französisch.“ Jeden Tag sitzt sie vor dem PC und löst französische Kreuzworträtsel, schreibt Diktate, übt Sprechen und liest am Monitor Texte. „Ich lerne spielerisch und kann die Übungen so oft wiederholen, wie ich will.“ Die 59-Jährige ist gerne unabhängig. Andere Senioren mögen eher den direkten Austausch im Kurs. „Entscheidend ist, warum man eine Sprache lernen will“, macht Raasch deutlich.
„Wer sich mit anderen unterhalten will, kann das gut auf einer Sprachreise üben.“ Wen geschriebene Sprache interessiert, der lernt das eher in einem Sprachkurs daheim. Ob Sprachreise, Internet oder VHS-Kurs: „Der Austausch mit einem Lernpartner, der die Muttersprache spricht, ist immer zu empfehlen“, erklärt Berndt. Wer sich zum Beispiel in Deutschland als eine Art „Au-pair-Oma“ engagiert und einem spanischen Kind bei den Hausaufgaben hilft, lernt gleich den Umgang mit Sprache im Alltag kennen.
Eine andere Möglichkeit: Kontakt zu einem Sprachstudenten knüpfen, der einen Kurs „Deutsch für Ausländer“ besucht. Helmut Nöring hat auch schon darüber nachgedacht. „Warum eigentlich nicht? Da haben doch beide Seiten etwas davon“, findet er.