Epilepsie im Alter: Oft nicht erkannt

Rund jeder dritte Epilepsie-Patient erkrankt erst jenseits der 60. Die Krankheit äußert sich dann häufig anders als bei jungen Menschen. Doch sie lässt sich gut behandeln

von Stephan Soutschek, aktualisiert am 24.04.2015

Epilepsie: Nach einem Anfall sind Betroffene manchmal eine Weile verwirrt

Corbis/Creative

Alles begann mit ungewöhnlich lauten Schmatzanfällen am Esstisch. Thomas Werner nahm sie gar nicht bewusst wahr, nur für seine Frau Hanna (beide Namen von der Redaktion geändert) waren sie nicht zu überhören. Erst trat das Schmatzen nur ganz selten auf, kam aus dem Nichts und verschwand nach kurzer Zeit wieder. Zudem spürte der 70-jährige Werner gelegentlich einen seltsamen Geschmack im Mund. Mit der Zeit wurden die Anfälle häufiger, dazu gesellten sich Orientierungsprobleme. Seiner Frau fiel auf, dass ihm teilweise ganze Zeitabschnitte in der Erinnerung zu fehlen schienen. Die Werners machten sich Sorgen. Sie kamen aber nicht auf die Idee, dass sich hinter den Veränderungen eine Epilepsie verbergen könnte.

Epilepise verläuft im Alter oft anders

Epilepsien zählen nach Demenz und Schlaganfällen zu den häufigsten Erkrankungen des zentralen Nervensystems im Alter. Gerade bei Menschen im fortgeschritteneren Lebensalter wird die Erkrankung aber oft nicht als solche erkannt. Das liegt daran, dass eine Epilepsie sich bei älteren Menschen oft anders äußert als bei jüngeren. Auch die Ursachen sind im Alter häufig anders. Mediziner sprechen deswegen von einer "Altersepilepsie".


"Epileptische Anfälle verlaufen bei älteren Menschen oft weniger dramatisch und dauern kürzer an", sagt Dr. Gabriel Möddel, Facharzt für Neurologie und Epileptologie am Universitätsklinikum Münster. Schwere Anfälle mit Bewusstlosigkeit, Verkrampfungen und Zuckungen am ganzen Körper treten im Alter schwächer oder gar nicht auf.

Symptome: Bewusstseinstrübungen und Verwirrtheit

Typisch im Alter sind leichte Anfälle. Das kann sich äußern in Zuckungen einzelner Muskeln, zum Beispiel im Gesicht, in Taubheitsgefühlen oder veränderten Sinneswahrnehmungen – Betroffene bemerken dann etwa einen seltsamen Geschmack auf der Zunge, einen merkwürdigen Geruch oder sie verspüren eine plötzliche Panik mit Herzrasen. Zudem sind Bewusstseinsstörungen bis hin zur Bewusstlosigkeit möglich. Die Schmatzanfälle, die Thomas Werner plagten, sind dagegen weniger typische, aber trotzdem mögliche Anzeichen für eine Epilepsie.

Ein epileptischer Anfall lässt Patienten oft in einem Zustand der Verwirrtheit zurück. Bei jüngeren Menschen verflüchtigt sich dieser meist schnell wieder. "Im Alter kann er dagegen bis zu 24 Stunden andauern", sagt Möddel.

Die uneindeutigen Beschwerden können zur Folge haben, dass eine Epilepsie im höheren Alter erst spät oder gar nicht erkannt wird. "Bewusstseinsstörung und Verwirrtheit werden oft als typische  Alterserscheinung fehlgedeutet", sagt Professor Hajo Hamer, Leiter des Epilepsiezentrums an Universitätsklinikum Erlangen.


Mögliche Anzeichen für eine Epilepsie:

  • Häufige akute Verwirrtheit
  • Kurze Bewusstseinsstörungen
  • Der Betroffene reagiert nicht auf Ansprache
  • Zuckungen von bestimmten Körperteilen, etwa mit unerklärlichen Zungenbissen
  • Kribbeln oder Taubheitsgefühle
  • Gestörte Sinneseindrücke
  • Schwindelanfälle
  • Ein großer Anfall mit Bewusstseinsverlust, Versteifung und Zucken am ganzen Körper

Bei diesen Beschwerden, hinter denen verschiedene akute Störungen des Gehirns, etwa auch ein Schlaganfall stecken können, sollten Betroffene den Hausarzt oder gleich den Notarzt (Rettungsdienst, Tel.: 112) alarmieren.


Bei Thomas Werner wurde die Epilepsie schließlich entdeckt, als er eines Nachts einen schweren Anfall hatte. "Ich habe darauf sofort den Notarzt gerufen", sagt seine Frau. In den anschließenden Untersuchungen stellte sich heraus, dass Werner vor einiger Zeit einen Schlaganfall gehabt haben musste, dessen Vernarbungen im Gehirn schließlich die Epilepsie auslösten.

Durchblutungsstörungen im Gehirn können zu Epilepsie führen

"Hinter jeder dritten Epilepsie, die im Alter entsteht, steckt ein Schlaganfall", sagt Hamer. Oft handelt es sich dabei um einen leichten Schlaganfall, den die Betroffen gar nicht bemerken. Bei jungen Menschen sind Stoffwechselstörungen oder Fehlbildungen im Gehirn die wichtigsten Ursachen. Bei Älteren sind dagegen neben einem Schlaganfall noch ein Gehirntumor, eine Demenz oder ein Unfall typische Auslöser einer Epilepsie. "Früher galt die Regel: Ein Anfall ist kein Anfall", sagt Möddel. Einem einmaligen Ereignis gingen die Ärzte deshalb nicht unbedingt nach. "Heute sieht man das anders."

Die Diagnose einer Epilepsie und ihrer Ursachen gestaltet sich aber nicht immer einfach, so dass verschiedene Untersuchungsmethoden zum Einsatz kommen. Dabei geht es auch darum, andere Erkrankungen als Auslöser für die Beschwerden auszuschließen. Mit Hilfe von Aufzeichnungen der Gehirnströme (EEG) und bildgebenden Verfahren kann der Arzt das Gehirn auf für die Epilepsie typischen Veränderungen oder einen Schlaganfall überprüfen. Zudem kann eine Blutuntersuchung oder ein EKG sinnvoll sein.

Medikamente: Geringere Dosierung notwendig

Derzeit lässt sich eine Epilepsie nur in einigen wenigen, bestimmten Fällen mittels Operation bessern oder heilen. Die meisten Patienten dürfen aber darauf hoffen, die Erkrankung mit Hilfe von Medikamenten zumindest gut in den Griff kriegen. Dazu stehen verschiedene Präparate zur Auswahl. Allerdings gibt es hier einige altersbezogene Besonderheiten, die der behandelnde Arzt beachten muss.

Zum einen büßen Leber und Nieren in höheren Lebensaltern an Leistungsfähigkeit ein. Das hat zur Folge, dass Epilepsie-Medikamente im Alter oft schon in geringeren Mengen anschlagen – aber auch eher zu Nebenwirkungen führen. Diese können beispielsweise Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, Schwindel oder Koordinationsprobleme sein, die wiederum die Gefahr von Stürzen erhöhen. "Niedrig dosieren und langsam steigern", nennt Möddel als Faustregel für die Behandlung von älteren Epilepsie-Patienten mit Medikamenten.

Außerdem muss der Arzt bei der Auswahl eines geeigneten Medikaments berücksichtigen, dass ältere Patienten oft noch unter anderen Krankheiten leiden, die auch die Ursache der Epilepsie sein können. Zum Beispiel sollten Menschen mit Demenz gegen ihre Epilepsie in der Regel kein Mittel erhalten, das antriebshemmend wirkt. Zudem können mit den Medikamenten, die der Betroffene gegen seine sonstigen Erkrankungen einnimmt, gefährliche Wechselwirkungen auftreten. Bei Antiepileptika ist das unter anderem bei bestimmten Blutverdünnern, Mitteln gegen Bluthochdruck und Antibiotika der Fall.

Epilepsie lässt sich im Alter oft gut behandeln

Trotz dieser Einschränkungen gelingt es in der Regel, ein geeignetes Mittel für den Patienten zu finden. "Bei älteren Menschen sind die Erfolgsaussichten sogar noch höher als bei jüngeren", sagt Hamer. "Etwa zwei Drittel können wir so behandeln, dass keine Anfälle mehr auftreten."

Manchmal klappt das erst im zweiten Anlauf. Das erste Medikament, das Thomas Werner erhielt, schlug nicht richtig an. Einen weiteren schweren Anfall erlitt er zwar nicht mehr, gelegentlich traten aber noch die Schmatzattacken auf. Deshalb verschrieb der Arzt ein weiteres Mittel. "Jetzt scheint es besser laufen", sagt Werner.



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