Keine Scham vor Hilfsmitteln

Hörgeräte, Rollatoren und Treppenlifte können Alltag erleichtern – wenn man sie denn nutzt. Doch viele Senioren fürchten, dann als gebrechlich zu gelten
von Raphaela Birkelbach, 19.06.2017

Neues Hörgerät: Wieder leichter mit der Umwelt in Kontakt treten

Your Photo Today/Superbild

Afrika. Abenteuer. Action. Mehr als zwei Jahrzehnte hat Hannah S. in Ghana gearbeitet. Die Architektin aus Magdeburg scheint keine Frau, die sich schnell Bange machen lässt. "Aber meine Herzerkrankung hat mich beunruhigt", sagt die 84-Jährige. Umso dankbarer ist sie für den Hausnotruf, der an einer Kette um ihrem Hals baumelt. Falls ihr krankes Herz aus dem Takt gerät, kann sie sofort Hilfe ordern. "Erst habe ich gezögert, ob ich das wirklich brauche", räumt sie ein, "aber nun habe ich es akzeptiert."

So wie die Herzpatientin arrangieren sich etliche Kranke mit Hilfsmitteln: Schätzungsweise drei Millionen Menschen in Deutschland besitzen ein Hörgerät, zwei Millionen Rentner sind mit einem Rollator unterwegs, knapp eine Million besitzen ein Hausnotrufgerät. Solche Wegbegleiter helfen, den Alltag länger selbstständig zu bewältigen, und bessern die Lebensqualität, zeigen Studien. Daher unterstützen auch Pflege- und Krankenkassen ihre Anschaffung.

Angst, als gebrechlich zu gelten

Dennoch haben die nützlichen Helfer oft einen schlechten Ruf. Warum das so ist? Professor Susanne Wurm von der Friedrich-Alexander-Universität in Nürnberg-Erlangen ist dieser Frage nachgegangen und hat herausgefunden: Die eigene Einstellung zum Alter beeinflusst, ob Hilfsmittel wie Gehwagen, Treppenlift oder Hörgerät im Haushalt Einzug halten. "Wer sein Altern eher schicksalsergeben hinnimmt und bezweifelt, darauf Einfluss nehmen zu können, ist auch Hilfsmitteln gegenüber skeptisch", erläutert die Psychogerontologin. Vor allem mag man sich nicht als gebrechlich outen.

"Brauch ich nicht. So alt bin ich noch nicht." So dachte auch Dieter N. aus Bochum und verdrängte den Gedanken an ein Hörgerät. Dabei war es längst überfällig, gibt der 64-Jährige heute zu und erinnert sich mit Schrecken an den Feueralarm, auf den ihn seine Frau aufmerksam machen musste. Seit November 2016 trägt er eine Hörhilfe. "Tolles Gefühl, alles mitzubekommen", schwelgt der Musikfan nun in höchsten Tönen an seinem Keyboard.

Überzeugen statt aufzwingen

Gut, wenn die erste große Hürde genommen ist und die Vorteile des neuen Geräts überwiegen. Kommt jemand mit einem Hilfsmittel wieder besser im Alltag zurecht, "treten Vorbehalte häufig in den Hintergrund", weiß Dr. Bettina Williger aus Erfahrung. Das gelinge aber nur, betont die Hörgeräte-Expertin vom Fraunhofer-Institut in Nürnberg, "wenn Betreffende geduldig bei der Sache bleiben". Also nicht gleich mit dem Hörgerät ins Restaurant gehen. Lieber langsam an komplizierte Geräuschkulissen herantasten. Ein paar Wochen dauert es in der Regel, sich an die neue Technik zu gewöhnen.

Angehörige von Gehandicapten sind oft die Ersten, die das Thema Hilfsmittel ansprechen. Ihre Fürsorge ist verständlich, "aber man sollte niemandem etwas aufzwingen", rät Williger. Besser sei es, mit dem Betroffenen offen über seine Befürchtungen zu sprechen und ihn zu einem ersten Beratungstermin im Fachgeschäft zu begleiten. Taugt die kostspielige Variante langfristig eher? Welches Gerät ist handlicher? "Gerade am Anfang sollte einem jemand zur Seite stehen und Mut machen", wünscht sich Williger.

Nach Erfahrung anderer fragen

Glaubwürdige Argumente liefert vor allem derjenige, der selbst ein Hörgerät, einen Treppenlift oder einen Rollator nutzt. Alexander Seifert vom Zentrum für Gerontologie an der Universität Zürich ermuntert Senioren deshalb, andere gezielt anzusprechen – ob auf der Straße, im Supermarkt oder in der Selbsthilfegruppe für sehbehinderte Menschen. "Wer im Alltag selbst auf technische Unterstützung setzt, weiß um die Scheu davor und ist zugleich ein Vorbild für andere", betont der Schweizer Forscher. Weil er etwa jede Woche mit Hörgerät am Stammtisch sitzt, mit einer Handlupe in die Bücherei geht oder dank Treppenlift wieder das Nähzimmer im ersten Stock nutzen kann.

Tipps zu Hilfsmitteln im Alter

Einfach einmal ausprobieren

Lebensqualität pur, die sich mancher selbst verwehrt. "Ohne Hilfsmittel passen viele Menschen ihren Alltag dem Handicap an", sagt Altersforscher Seifert. Unbewusst, über etliche Jahre, in kleinen Schritten. "Ihren allmählichen Rückzug begründen sie dann mit dem Altwerden." Dabei ließe sich manchen Einschränkungen in der zweiten Lebenshälfte leicht Paroli bieten, ist der Züricher Gerontologe fest überzeugt.

Trotz guter Argumente und offenkundiger Vorteile entscheidet sich mancher Senior bewusst gegen einen Badewannenlift oder ein Bildschirmlesegerät. Etwa weil Geräte mal nicht funktionieren oder repariert werden müssen. "Dadurch kann sich ein älterer Mensch fremdbestimmt fühlen", wägt Alterswissenschaftlerin Susanne Wurm verständnisvoll ab. "Umso schöner, wenn es jemand aus der Familie schafft, den älteren Menschen zu ermutigen, ein Hilfsmittel wenigstens einmal auszuprobieren."

Egal, was die anderen denken

Lydia S. aus Rockenberg musste niemand gut zureden. "Seit vier Jahren gehe ich mit Rollator", erzählt die 89-jährige Witwe, "ohne käme ich nicht mehr aus dem Haus!" Obwohl sie nicht mehr gut zu Fuß ist, schaut sie mit ihrem vierrädrigen Gefährt einmal wöchentlich bei der Bank, beim Apotheker und beim Metzger vorbei. Einer ihrer liebsten Termine ist die Rollator-Gymnastik, "da kriege ich kräftige Waden!"

Ein paar Leute aus dem Ort, erinnert sich S., haben sie anfangs schief von der Seite angesehen, wenn sie mit dem Rollator unterwegs war. "Doch dummes Gebrabbel von anderen Leuten hat mich noch nie gestört."


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