Therapien: Heilen mit Wasser

Salzbäder, Trinkkuren, Kneippen: Schon immer setzten Ärzte das nasse Element als Medizin ein. Was die unterschiedlichen Wassertherapien wirklich bringen
von Raphaela Birkelbach, 02.08.2017

Thalassotherapie: Eine frische Meeresbrise befreit die Atemwege

W&B/Image Source

Mit Heidi S. in das Lebens­elixier einzutauchen fällt nicht schwer. Allein wenn die 72-Jährige aus Husum über die "herrliche Brise" spricht, rollen die R wie heranschwappende Wellen in ihren Worten. Und schwärmt das Nordlicht von Aquafitness, gibt sogar die fröhliche Stimme Auftrieb. "Wasser macht fit", sagt S.

Wasser in Zeiten moderner Medizin

Schon Ärzte der Antike verordneten den Urstoff des Lebens gegen Rheuma oder Fieber. Selbst heute, im Zeitalter von Hightech-Medizin und hochwirksamen Arzneien, fasziniert er Mediziner wie Patienten, Naturheilverfahren mit Wasser boomen. Therapeuten raten zu Salzbädern bei Hautleiden, Erschöpfte schwören auf Trinkkuren, und Orthopäden schicken Hüftpatienten in den Pool. Mehr als 350 Kurorte in Deutschland locken mit den Vorzügen des kostbaren Nasses.

Dr. Johannes Naumann, Interdisziplinäres Behandlungs- und Forschungszentrum Balneologie in Bad Krozingen

W&B/Bernhard Kahrmann

Was ist dran an solchen Heilsversprechen? Gibt es wissenschaftliche Belege? Dr. Johannes Naumann, Leiter des Interdisziplinären Behandlungs- und Forschungszentrums Balneologie in Bad Krozingen, arbeitet direkt an der Quelle des vermeintlichen Wunderelixiers. "Unser Ort ist bekannt für sein Thermalwasser", erzählt der Balneologe.

Stoffwechsel angekurbelt

Wer dort eintaucht, fühlt sich gleich besser, und Naumann weiß auch warum: "Wärme und Wasserdruck kurbeln Stoffwechsel und Kreislauf an", erklärt der Umweltmediziner. Ein gesunder Badespaß, der – abgesehen vom Urlaubsgefühl am Kurort – im Prinzip auch daheim oder in einem beheizten Pool möglich sei, sagt Naumann.

Thermalquellen punkten je nach Region zudem mit einem speziellen Mix an Mineralstoffen und Spurenelementen. Auch wenn mancher Hochglanzprospekt ein Bad darin als Allheilmittel anpreist: Die Inhaltsstoffe dringen nicht durch die Haut, macht Naumann deutlich. "Manche von ihnen wirken bei hoher Konzentration äußerlich." So profitieren etwa Kranke mit Hautleiden vom Baden in stark salzhaltigem Wasser, der Sole. Eine Besonderheit erlebt, wer im stark kohlensäurehaltigen Quellwasser planscht: Kohlendioxid passiert die Hautbarriere, regt die Durchblutung an und entspannt, zählt der Experte aus Bad Krozingen die Vorzüge auf.

Heilwasser ist kein Zaubertrank

Auch für frisch Gezapftes aus der Quelle gelten strenge Richtlinien. Ob Eisen oder Kalzium: "Es müssen vom jeweiligen Mineralstoff Mindestmengen enthalten sein, damit wir von Heilwasser sprechen", definiert Naumann. Als solches darf es nur ins Glas, wenn es als Arzneimittel zugelassen ist. Kein Zaubertrank, aber es könne Beschwerden wie Nierensteine oder Bauchweh lindern und schulmedizinische Therapien unterstützen, meint der Mediziner aus dem Schwarzwald.

Fünf Wassertherapien:

Balneotherapie

Das heißt übersetzt Bädertherapie: Bei den einzelnen Anwendungen spielen die gelösten Inhaltsstoffe des Wassers eine wichtige Rolle. So verordnen Therapeuten Trinkkuren mit Heilwässern, Schlammpackungen aus Meeralgen oder salzhaltige Bäder, die Sole.


Hydrotherapie

Hydro heißt übersetzt Wasser. Seine Eigenschaften wie Temperatur, Druck, Widerstand setzen Therapeuten gezielt ein, wie beim Kneippen oder bei der Aquafitness. Der Körper reagiert  auf verschiedene physikalische Reize.  


Kneippen

Eine Säule des Therapiekonzepts sind Wasseranwendungen: Regelmäßig angewandt, wirkt der Wechsel von warmem und kaltem Wasser positiv. Die Temperaturreize stärken die Abwehr, kurbeln den Kreislauf an und helfen bei schweren Beinen. 


Thalasso

Ob die frische Brise, Gischt, der Schlick, das Salz oder Wasser: Bei der Klimatherapie am Meer tun alle Zutaten gut – dem Körper und der Seele.


Aquafitness

Die Gymnastik im Pool hat viele positive Effekte: Durch den Auftrieb werden die Gelenke geschont, durch den erhöhten Widerstand des Wassers werden aber alle Muskelgruppen trainiert. Und: Das Schweben im Wasser entspannt.


Meeresluft: Freiheit für die Atemwege

Die gute Nachricht für Wasser­frösche, die es Richtung Norden zieht: "An der Nord- und Ostsee herrscht ein heilsames Reizklima", erläutert Professorin Angela Schuh von der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Die Spezialistin für medizinische Klimatologie erforscht, was Wind und Wellen bei längerem Aufenthalt auf Sylt oder Usedom mit einem anstellen, und weiß: "Strandspaziergänge härten ab." Die reine Seeluft befreit zudem die Atemwege bei Bronchialleiden. Und die Gischt tut kranker Haut gut: Die Sonnenstrahlen und das Salz-Wasser-Gemisch lindern ihre Beschwerden. Patienten mit Schuppenflechte oder Neurodermitis nutzen diese gesunde Kombi ebenso am Toten Meer. "Es hat einen hohen Salzgehalt", erläutert Schuh. Auch für Sonne satt garantiert die Natur dort.

Wer an der deutschen Küste die Heilkräfte des Meeres intensiv nutzen mag, kann die Thalassotherapie ausprobieren. Während der meist mehrwöchigen Kuren legen die Behandler Patienten Algenpackungen auf, lassen sie in Meerwasser baden oder bereiten salzhaltige Inhalationen zu. Die wohltuende wie anstrengende Prozedur sollte stets an der Küste stattfinden, sagt Schuh. "Alles andere ist nur Wellness – aber keine Therapie."

Thalassotherapie: Spritztour für die Abwehr

Mit Thalassotherapie aus dem Tiegel wirbt selbst mancher Kosmetikanbieter und preist Extrakte aus Algen, Schlick oder Plankton als Jungbrunnen an. "Es spricht nichts dagegen, ein gutes Hautgefühl aus dem Urlaub nach Hause zu nehmen", findet Apothekerin Ursula Kindl aus Vaterstetten. Aussagekräftige Studien zur therapeutischen Wirksamkeit der Meerkosmetik seien aber rar, betont die Dermatopharmazeutin. So ist etwa belegt, dass spezielle Enzyme Hautrötungen bei Sonnenbrand lindern oder Cremes mit Schlickextrakten Juckreiz mildern. Eine weitere nützliche Zutat aus dem Meer: "Hersteller verwenden Bestandteile von Braunalgen in Wundauflagen, weil sie gut Sekret aufsaugen."

Dr. Heinz Leuchtgen, Präsident des Kneipp-Ärztebunds

W&B/Thomas Dashuber

Wer ein Faible für das Naturheilverfahren von Sebastian Kneipp hat: Dr. Heinz Leuchtgens, Allgemeinmediziner aus Bad Wörishofen, gibt grünes Licht. Ob Gesichtsguss, Barfußlaufen oder ansteigendes Fußbad, "nach den Therapien zeigt sich im Blut ein Anstieg von Zellen, die für die Abwehrkräfte wichtig sind", betont der Präsident des Kneipp-Ärztebundes.

Dabei ist dem Spezialisten aus dem bekannten Badeort wichtig: "Kneippen ist mehr als nur durchs Tretbecken laufen. Es geht um den Wechsel kalter und warmer Wasserreize." Mindestens eine Woche sollte die ganzheitliche Kur dauern, in der Kneipp-Fachleute parallel ausgewogene Ernährung, Bewegung, Kräutertherapie und Entspannung aufs Programm setzen. "Der Badearzt bespricht anschließend mit einem persönlich, welche Anwendungen daheim möglich sind", sagt Leuchtgens.

Die Leichtigkeit des Seins im Wasser

Andrea Röwekamp lädt ein ins Schwimmbad. Für rege Teilnahme ist stets gesorgt, "auf die Gymnastik im Wasser freuen sich immer alle", erzählt die Diplom-Sportlehrerin aus Rheda-Wiedenbrück. Zu dem Thema hat sie ein Fachbuch veröffentlicht und weiß, welche Vorteile Rheumakranke, übergewichtige Menschen oder Arthrosepatienten an Aquafitness schätzen: "Der Auftrieb im Wasser sorgt dafür, dass sie nur einen Bruchteil ihres Körpergewichts tragen müssen." Die Leichtigkeit des Seins erlaubt auch weniger beweglichen Menschen ein Kraft- und Ausdauertraining, so Röwekamp, "aber ohne Schmerzen, und niemand überfordert sich."

Ob Walken oder Tanzen, "im Prinzip geht alles, was an Land möglich ist, auch im Wasser", meint die Sportlehrerin aus Westfalen. Kurse bieten Schwimmvereine, Volkshochschulen oder Rehasportzentren an. Heidi S. kann wählen: "Im Sommer fahre ich jeden Tag ans Meer. Auf den Wellen schweben ist auch Aquafitness für mich."


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