Wetterfühlig? So wappnen Sie sich

Hitze, Nässe und Wind beeinflussen Psyche und Gesundheit, da sind sich viele sicher. Das sind die Faktoren, auf die Sie wirklich achten müssen
von Kai Klindt, aktualisiert am 29.07.2015

Wie eine himmelhohe Mauer türmen sich die Wolken über dem Alpenkamm auf. Nicht mehr lange, und das mächtige weiße Gebilde wird über die Gipfel ins oberbayerische Vorland schwappen. Dort lösen sich die Wolken in warmer Luft auf – und in einem trockenen Wind: dem Föhn.

Dutzende Male pro Jahr bietet sich dieses Naturschauspiel in den Gegenden am Fuß der Alpen, und auch am Rand von Mittelgebirgen wie dem Erzgebirge kann der Fallwind auftreten. "Manchen versetzt Föhn in Champagnerlaune", sagt Angelika Grätz, Medizin-Meteorologin beim Deutschen Wetterdienst, "andere fühlen sich leicht gereizt, wieder andere berichten von Migräne."


Vor allem Wetterumschwünge belasten den Kreislauf

Zwischen Hoch und Tief: Wie es uns geht, scheint sehr vom Wetter abzuhängen. Jeder zweite Bundesbürger ist überzeugt, dass das Wetter die Gesundheit beeinflusst, jeder vierte schätzt sich als wetterfühlig ein, fanden die Meinungsforscher der Nürnberger GfK im Auftrag des Senioren Ratgeber heraus. In der Altersgruppe 70 plus leiden sogar knapp 38 Prozent unter der Unbill des Wetters. Zu den häufigsten Beschwerden zählen laut der Umfrage Schmerzen, Abgeschlagenheit und Kreislaufprobleme.

Was verschafft dem Wetter eine solche Macht über uns? "Tagein, tagaus muss sich unser Organismus der Witterung anpassen", sagt Angelika Grätz. "Das fängt mit ganz einfachen Dingen an: Bei Hitze schwitzen wir, bei Kälte frieren wir." Meist steckt der Körper solche Reaktionen gut weg. Doch Wetterfühlige haben bisweilen Probleme, sich auf wechselnde Bedingungen einzustellen, nennt Grätz eine mögliche Erklärung. Tatsächlich klagen die Betroffenen am meisten, wenn das Wetter umschlägt. Bei Föhn etwa, weil dann die Temperatur rasch steigt, aber ebenso bei einem heranrückenden Tief, das sich in der Regel durch eine Warmluftfront ankündigt, bevor es dunkle Regenwolken bringt. "Auch Kaltfronten können Probleme bereiten", berichtet Grätz.

Verursacht wirklich das Wetter die Beschwerden?

Die Forscherin erstellt mit ihren Kollegen Vorhersagen für Wetterempfindliche. Die Berichte geben Betroffenen Auskunft, ob sie in den kommenden Tagen beispielsweise vermehrt mit Konzentrationsproblemen, Unruhe oder Schlafstörungen rechnen müssen. Der Züricher Atmosphärenphysiker Dr. Hans Richner hält wenig von solchen Prognosen. "Die Datenlage ist viel zu widersprüchlich", beklagt der pensionierte Professor, der sich ein Forscherleben lang mit dem Thema befasst hat. So fand der Experte in einer fünfjährigen Studie mit 39.000 Herzpatienten "keinen klaren Zusammenhang zwischen Wetterlage und Infarktrisiko". Auch für Kopfweh bei Föhn vermisst Richner einen hieb- und stichfesten Beweis durch Studien.

Im vergangenen Frühjahr veröffentlichten Forscher aus den Niederlanden eine Untersuchung an Patienten mit Hüft­verschleiß. Zwar litten die Teilnehmer an Regentagen etwas mehr unter Schmerzen, der Unterschied fiel jedoch gering aus. Medizinisch, so das Fazit, sei der Einfluss feuchten Wetters auf die Gelenkkranken zu vernachlässigen.

Wetter ist auch Kopfsache

Ist Wetterfühligkeit am Ende also nur so ein Gefühl? Als Einbildung mag Physiker Richner das Thema nicht abtun. "Jeder reagiert eben anders – nur lässt sich das bisher meist nicht auf eine wissenschaftliche Formel bringen."

Tatsächlich spielt die Psyche mit hinein, meint Julia Scharnhorst, Gesundheitspsychologin aus Wedel bei Hamburg. "Wer überzeugt ist, dass ihm das Wetter Schmerzen macht, der wird Schmerzen bekommen." Außerdem liefern Sonne, Wind und Regen einen beliebten Gesprächsstoff – genauso wie es gesundheitliche Misslichkeiten tun. "Wir sind daher geneigt, beides in Verbindung zu bringen", erklärt Scharnhorst.

In Innenräumen spüren Wetterfühlige ihre Beschwerden häufig sogar stärker als draußen, zeigt die Medizin-Meteorologie. Auch hier liegt für Scharnhorst eine psychologische Erklärung nahe: "Durch das Fenster sehe ich nur das trübe Grau, draußen spüre ich vielleicht eher eine belebende Wirkung."

Kälte belastet das Herz

Bei einer Reihe chronischer Krankheiten steht der Einfluss des Wetters allerdings außer Frage. Kälte etwa kann bei Risikopatienten die Sauerstoffversorgung des Herzens gefährden. Lungenkranke reagieren mit Beschwerden, weil die eisige Luft die Bronchien verengt, weiß Professorin Angela Schuh, Medizinerin und Meteorologin­ am Münchner Universitäts­­klinikum Großhadern. Dunkelheit in langen Wintermonaten kann unter Umständen eine Depression verschlimmern. Umgekehrt können auch lichte Frühlingstage den Patienten aufs Gemüt schlagen: Wer sieht, wie andere bester Laune sind, quält sich umso mehr mit dem eigenen Stimmungstief.

Vorsicht vor Hitze

Älteren Menschen droht große Gefahr jedoch auch bei sommerlicher Hitze. Denn mit den Jahren versehen die Temperaturregler des Körpers ihren Dienst nicht mehr so verlässlich. Hinzu kommt, dass das Gewebe im Alter weniger Wasser speichert, gleichzeitig aber der Durst fehlt. Der Körper trocknet rasch aus, der Flüssigkeitsmangel schränkt die Versorgung des Gehirns und weiterer lebenswichtiger Organe ein. Der Blutdruck kann in den Keller gehen, später auch in die Höhe schnellen, weil Herz und Kreislauf unter Stress stehen. "Hitze, Erschöpfung, Kollaps", beschreibt Dr. Jürgen Bauer den tückischen Dominoeffekt. Der Altersmediziner vom Universitätsklinikum Oldenburg rät Senioren, pralle Sonne zu meiden und ans Trinken zu denken: "Stellen Sie sich überall in der Wohnung Mineralwasser oder Kräutertee hin, im Wohnzimmer, in der Küche, im Flur."

Abseits solcher Hundstage lassen sich Wind und Wetter prima für die Gesundheit nutzen. Ein Spaziergang an der frischen Luft, am besten mit einer kühlen Brise auf der Haut und nicht zu warm eingepackt, trainiert die Gefäße und bringt den Kälte-Wärme-Haushalt des Körpers auf Vordermann. "Auch Wetterfühligkeit", erklärt Angela Schuh, "lässt sich auf diese Weise mildern."



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