Hilfe fürs Herz:
Unter Strom

Ein Elektroschock kann im Notfall die letzte Rettung sein. Herzpatientin Bärbel M. hat das schon mehrmals erlebt

Notarzt in der Brust: Der Defibrillator bringt das Herz im Ernstfall wieder zum Schlagen

Ob Balou, Merlin oder Käthe – einen Namen bekommen sie immer. "Ich verschenke meine selbst genähten Teddys nur an ganz besondere Menschen“, verrät Bärbel M., „jeder ist ein Teil von mir. In jedem von ihnen lebe ich weiter.“ Sie lächelt, und ihre Augen begleiten die Worte ins Nirgendwo. Als sie zu ihr zurückkehren, legt sich großer Ernst über das Gesicht der 50-Jährigen. "Ich war schon oft tot.“

 

Doch die Hausfrau aus D. lebt. Das zählt. Nicht die Sekunden, in denen ihr Herz ausrastete, wie verrückt schlug und sie nicht wusste: Verlor sie gerade den Verstand, ihr Leben – oder würde der "Notarzt“ in ihrer Brust sie davor bewahren? "Die Angst vor dem ersten Stromschlag war das Schlimmste“, erinnert sich Bärbel M. Wie sehr würde er ihr zu Herzen gehen?

"Diese bangen Fragen stellen sich viele“, sagt Dr. Johannes Sperzel, Kardiologe in der Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim. 50.000 herzkranke Deutsche leben damit, dass ihnen ein Elektroschockgerät (Defibrillator) in der Brust im Ernstfall das Leben rettet. Denn der ICD, wie das Gerät unter Experten heißt, ist auf das Kammerflimmern programmiert – jenen Störfall im Herzen, bei dem das Pumporgan so hektisch schlägt und "flimmert“, dass es kein Blut mehr in den Körper transportieren kann und schon nach wenigen Minuten ganz stillsteht. Außerdem kann der Stromspender eine gefährliche Beschleunigung des Herzschlags ausbremsen.

So arbeitet der implantierte Defibrillator: Bitte zum Vergrößern auf die Lupe klicken!
Das lebensbedrohliche Kammerflimmern kann nur ein starker Stromschlag stoppen (siehe Grafik). In der Mehrzahl der Fälle gelingt das auch. Als Miniaturausgabe unter die Haut gepflanzt, "ist der Defibrillator nach wie vor der sicherste Schutz vor einem plötzlichen Herztod“, betont Dr. Johannes Sperzel. 100.000 Menschen fallen jährlich dieser schweren Rhythmusstörung des Herzens zum Opfer. Oft ohne ein einziges Warnzeichen, dass dem Organ tödliche Gefahr drohte.

Bei Bärbel M. war das anders. Schon vor 15 Jahren haben Ärzte dem Herzen der Patientin zwei künstliche Klappen eingesetzt. "Im Sommer 1997 habe ich dann den Defibrillator bekommen“, erzählt die Kranke.

 

Sie hatte Glück im Unglück, findet Sperzel. "30 bis 40 Prozent der Patienten, denen plötzlicher Herztod droht, werden nicht versorgt“, schätzt der Kardiologe. Zu den Kandidaten für das Implantat gehören nicht nur Kranke, die ein Kammerflimmern überlebt haben oder bei denen das EKG lebensbedrohliche Rhythmusstörungen aufweist. "Auch Patienten mit schwerer Herzschwäche kommen als Risikopatienten infrage“, betont Sperzel. Pro Jahr betreut der Kardiologe rund 500 Menschen, die sich auf den Alltag mit einem Defibrillator einstellen müssen.

 

Auch für Bärbel M. änderte sich das Leben 1998 schlagartig: Ein Jahr nach der Implantation wurde der Aufpasser in ihrer Brust fünfmal in Folge aktiv. Ein Gefühl, als ob Funken sprühen. "Bei jedem Schlag bin ich einen Schritt vor und wieder zurückgegangen“, weiß die ICD-Patientin nur noch. Ein Jahr später wiederholte sich dieses Hin und Her zwischen Leben und Tod, wieder meldete sich der ICD in ihrer Brust. 15-mal stand ihr Leben auf der Kippe. Bei den ersten Schocks hat die 50-Jährige noch mitgezählt, "doch irgendwann habe ich damit aufgehört. Ich weiß nur noch, dass dann auf einmal Doktor Sperzel da war.“

 

Die zweifache Mutter ist froh, dass ihr der Kardiologe aus Bad Nauheim damals beigestanden hat. Heute sitzt in seinem Büro ein kleines Stofftier. "Stimmt.“ Die Herzkranke lächelt, und wieder landen ihre Worte im Nirgendwo. "Ja, ich habe Dr. Sperzel einen Teddy geschenkt.“ Ein kleiner selbst genähter Bär, Sperzel sein Name – auch er ist ein Teil von Bärbel M. Jener, der dankbar ist und die Angst ausbremst, die die Geschockte in einsamen Stunden befällt. "Ein ICD ist ein Freund, kein Feind“, sagt sie sich dann. Das hilft ihr.