Inkontinenz: Raus aus der Tabuzone

Niemand spricht gerne über eine schwache Blase oder gar Probleme, den Stuhl zu halten – auch nicht beim Arzt. Doch eine Inkontinenz lässt sich heute in vielen Fällen gut behandeln

von Stephan Soutschek, 26.02.2016

Der Arzt kennt bei einer Inkontinenz oft effektive Behandlungsmöglichkeiten

Jupiter Images GmbH/Goodshot

Inkontinenz ist ein Volksleiden, über das aber kaum jemand spricht. Rund fünf bis acht Millionen Bundesbürger leiden darunter, schätzt der Selbsthilfeverband Inkontinenz e.V. auf seiner Webseite. Wie viele Menschen es tatsächlich sind, lässt sich schwer sagen, da viele Betroffene aus Scham schweigen.

Ärzte sprechen von einer Inkontinenz, wenn ein Mensch nicht mehr kontrollieren kann, wann er seinen Blasen- oder Darminhalt entleert und unwillkürlich Urin oder Stuhl abgibt.


Dieses Problem greift tief in den Alltag von Betroffenen ein: Sie fürchten, unterwegs in eine unangenehme Situation zu geraten, sich vor ihren Mitmenschen bloßzustellen. Das führt dazu, dass sie nur noch zu den nötigsten Unternehmungen das Haus verlassen und ihr Sozialleben einschränken.

Dabei lässt sich eine Harn- oder Stuhlinkontinenz in vielen Fällen gut behandeln. Am besten sprechen Betroffene ein offenes Wort mit dem Arzt. Vor dem Mediziner muss niemand falsche Scham besitzen.

Je nach Ursache unterscheiden Ärzte verschiedene Formen der Harninkontinenz. Die häufigsten drei sind:

  • Belastungsinkontinenz: Hier sind die Schließmuskeln der Blase zu schwach. Vor allem bei erhöhtem Druck wie Niesen oder beim Kistenschleppen kann es zu spontanen Entleerungen kommen.
  • Dranginkontinenz: Sie kann die Folge einer Harnwegsentzündung, einer vergrößerten Prostata oder eines Nervenleidens sein. Bei ihr ist die Blase überaktiv und gibt vorzeitig das Signal zur Entleerung.
  • Mischinkontinenz: Eine Mischung aus Belastungs- und Dranginkontinenz.

Bei der Stuhlinkontinenz gibt es drei verschiedene Schweregrade – je nachdem, ob Betroffene Winde (Grad 1), flüssigen Stuhl (Grad 2) oder festen Stuhl (Grad 3) nicht mehr zurückhalten können.

Bei der Diagnosefindung kann ein Trink- und Toilettentagebuch helfen, das Betroffene eine Zeit lang im Alltag führen.


Bei Inkontinenz bestehen verschiedene Behandlungsmöglichkeiten. Welche sinnvoll sind, hängt von den Ursachen für die Entleerungsstörung ab. Eine gute erste Anlaufstelle ist der Hausarzt. Dieser kann Sie gegebenenfalls an ein Kontinenz- oder Beckenbodenzentrum weiterleiten.

  • Beckenbodentraining: Die Muskulatur am Beckenboden gezielt zu trainieren, kann vor allem bei einer Belastungs-, manchmal auch bei einer Dranginkontinenz die Beschwerden bessern.
  • Blasentraining: Eine überaktive Blase kann wieder lernen, den Harndrang besser zu kontrollieren und nicht dem ersten Impuls nachzugeben. 
  • Abnehmen: Übergewicht ist ein Faktor, der zu einer Inkontinenz beitragen kann. Wer überzählige Kilos abbaut, kann seine Beschwerden damit zum Teil bessern.
  • Ernährung: Bei Stuhlinkontinenz kann eine vermehrte Zufuhr von Ballaststoffen das Stuhlvolumen erhöhen und so oft das Leiden bessern. Blähende Speisen wie Kaffee dagegegen besser meiden.
  • Medikamente: Verschiedene Medikamente können bei einer schwachen Blase helfen, indem sie zum Beispiel die Aktivität der Muskulatur in der Blase dämpfen. Welches Mittel angeraten ist, hängt wiederum von der Art der Inkontinenz ab. Auch bei Problemen mit dem Stuhl gibt es geeignete Medikamente. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt darüber.
  • Operationen: Erweisen sich die übrigen Behandlungsmöglichkeiten nicht als ausreichend, kann ein chirurgischer Eingriff helfen. Dabei können die Ärzte zum Beispiel einen künstlichen Schließmuskel legen oder einen Blasenschrittmacher einsetzen.

Daneben sollten noch Ursachen des Problems behandelt werden – wenn etwa eine Darmentzündung hinter einer Stuhlinkontinenz steckt. Neben diesen Behandlungsmethoden gibt es zahlreiche Hilfsmittel wie Einlagen oder Inkontinenz-Unterwäsche, die Menschen mit dem Leiden den Alltag erleichtern. Rat dazu gibt es zum Beispiel in der Apotheke. Außerdem praktisch: Die Initiative "Die nette Toilette" bietet auf ihrer Homepage eine bundesweite Liste zahlreicher öffentlicher WCs an, damit Betroffene unterwegs leichter ein stilles Örtchen finden.



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