Reizblase: Was wirklich hilft

Viele Ältere haben Probleme mit einer überaktiven Blase. Der Leidensdruck ist oft groß. Verschiedene Maßnahmen können dazu beitragen, den Drang wieder besser zu kontrollieren
von Petra Haas, 14.11.2016

Wenn ständig die Toilette lockt: Eine Reizblase kann den Alltag stark einschränken

W&B/Fotolia

"Hände flach unter den Po legen, fest die Peniswurzel anspannen. Spüren Sie, wie sich die Sitzbeinhöcker aufeinander zubewegen?", möchte die Physiotherapeutin Ulrike Olbrich von den Senioren wissen. Sechs Männer um die 70 üben sich auf einem Hocker sitzend in Beckenbodengymnastik. Der Wechsel aus An- und Entspannung soll den Patienten der Asklepios-Klinik Barmbek in Hamburg helfen, ihre Blase trotz Prostataproblemen unter Kontrolle zu halten.

Überaktive Blase: 20- bis 30-mal am Tag

Reizblase, überaktive Blase, Dranginkontinenz: Für das Beschwerdebild gibt es viele Namen. Mit dem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, daran zu erkranken. Laut Robert Koch-Institut macht die Blase jedem Dritten über 70 Jahre zu schaffen – etwa die Hälfte davon hat es mit einem überaktiven Organ zu tun.

Für Betroffene ist es fast schon normal, binnen 24 Stunden 20- bis 30-mal zur Toilette zu rennen. Und meldet sich der Harndrang, ist er kaum auszuhalten, so plötzlich und heftig kommt er über sie. In einer Schlange an der Kasse stehen und noch zwei weitere Kunden abwarten? Adrenalin pur! Im Bus sitzen und wissen, dass man von der nächsten Haltestelle noch minutenlang nach Hause gehen muss? Der Horror.

"Etwa jeder Dritte verliert ein paar Tropfen Urin, während es die Übrigen gefühlt in letzter Sekunde zur Toilette schaffen", berichtet Professorin Daniela Schultz-Lampel, Direktorin des Kontinenzzentrums Südwest in Villingen-Schwenningen.

Rückzug als Reaktion auf eine Reizblase

Die Symptome können sich über Jahre entwickeln oder ganz plötzlich auftreten. In jedem Fall kann eine Drangsymptomatik dramatische Auswirkungen auf das gewohnte Leben haben. "Je nach Schweregrad trauen sich manche nicht mehr vor die Haustür", sagt Professor Sascha Pahernik, Chefarzt der Urologie am Klinikum Nürnberg. "Andere wiederum verlieren an Unternehmungen mehr und mehr den Spaß, weil sie ständig Ausschau nach einer Toilette halten müssen."

Gut gemeinte Ratschläge Nichtbetroffener, etwa kurz vor der Theatervorstellung noch mal aufs Klo zu gehen, helfen wenig. "Dieser Drang ist nicht Folge einer gut gefüllten Blase, im Gegenteil: Die Urinmenge ist gering, füllt oft nur ein Schnapsglas oder eine kleine Tasse", weiß Pahernik aus Erfahrung.

Warum die Blase Fehlalarm schlägt

Doch was läuft schief? Bei einer Reizblase melden in der Regel die Rezeptoren in der Blasenwand eine Dehnung, lange bevor das Organ auch nur annähernd gefüllt ist. Jahrelange zu häufige oder zu seltene Toilettengänge können solche Fehlmeldungen hervorrufen. Ursache sind oft auch altersbedingte Veränderungen. Daneben kann bei Frauen ein Hormonmangel oder eine Senkung der Gebärmutter, bei Männern eine gutartige Wucherung der Prostata mitverantwortlich sein. Eine gründliche Abklärung durch den Haus- und den jeweiligen Facharzt sei unerlässlich, betont Pahernik. Sehr selten machen Mediziner Blasensteine, Nervenschäden in der Wirbelsäule, neurologische Erkrankungen oder einen Tumor als Ursache aus.

Die meisten Ärzte geben ihren Patienten ein Protokoll zum Ausfüllen mit nach Hause. Darin notieren diese jeden Toilettengang rund um die Uhr. "So lässt sich eine Therapie kontrollieren und gegebenenfalls anpassen", meint die Fachärztin für Urologie Schultz-Lampel. Von Arzneien, die die Blase beruhigen, bis hin zum Implantieren eines Stimulators, der das Organ neu taktet: "Es gibt viele Therapiemöglichkeiten", tröstet Urologe Pahernik und rät Betroffenen, sich beim Arzt oder bei einer Selbsthilfegruppe zu informieren. Relativ neu ist das Injizieren von Botulinum-Toxin. Das Nervengift wirkt in kleinsten Dosen beruhigend auf die Blasenwand. "Bei älteren Frauen haben wir damit gute Erfahrungen gemacht."

Geduld mitbringen bei der Behandlung

Geduld sollten Patienten allerdings mitbringen. So könne es Wochen dauern, bis etwa eine passende Arznei gegen die Beschwerden gefunden sei, sagt der Experte. Daneben können Betroffene durch kleine Änderungen im Alltag selbst viel dazu beitragen, für mehr Ruhe in der Blase zu sorgen.

Mit dem heutigen Beckenbodentraining ist Physiotherapeutin Ulrike Olbrich zufrieden. Abschließend verrät sie den sechs Männern im Raum noch einen Trick, falls die Blase mal wieder unangenehm drängt: "Spannen Sie für einige Sekunden fest den Schließmuskel in Richtung Bauch an. Das entspannt die Blase."

Fehlsignale in der Blasenwand

Rezeptoren in der Blasenwand melden dem Gehirn, wenn eine bestimmte Füllmenge erreicht ist. Harndrang stellt sich ein. Bei einer Reizblase erfolgt dieses Signal viel zu früh.

W&B/Martina Ibelherr

So nehmen Sie Druck von der Blase

1. Beckenboden stärken

Harnröhre, Scheide und After bei ihr, Peniswurzel und After bei ihm: Wer diese Zonen gut an- und entspannen kann, ist vor Blasenschwäche besser
 gefeit. Ein Training unter Anleitung speziell für Männer oder Frauen bieten Volkshochschulen oder Sportvereine an. Gute Kursleiter nennen Aufschubstrategien gegen plötzlichen Harndrang. Bei Be
schwerden gibt es das Training auf Rezept. Den Arzt fragen.

2. Verträglich essen

Ob Bohneneintopf oder Hähnchen-Curry. Alle Gerichte meiden, 
die blähen, sehr stark oder scharf gewürzt sind. Sie 
können den Harndrang verschlimmern. Eine frische Kost mit viel Obst und Gemüse ist gesund und beugt überflüssigen Pfunden vor. Bei Verstopfung weiß der Apotheker Rat. Denn auch ein chronisch voller Darm setzt der Blase zu.

3. Warm halten

Eine akute 
Blasenentzündung ist den Symptomen der Reizblase ähnlich – manchmal geht sie mit ihr einher. Vorbeugend hilft es, regelmäßig zu trinken, sich warm zu halten und auf eine bewusste Toilettenhygiene zu setzen. Das bedeutet: im Intimbereich ein mildes Waschgel verwenden, stets von vorn nach hinten wischen und gleich nach dem Sex aufs Klo gehen. Verfrorene sollten zu Hause eine Wärmflasche nutzen, für unterwegs sind Wärmepads aus der Apotheke praktisch.

4. Nach der Uhr gehen

Nicht länger Sklave der eigenen Blase sein. Ein Toilettentraining hilft, die Selbstsicherheit zu stärken und das Füllvolumen der Blase zu steigern. Dazu ermittelt der Arzt anhand eines Patientenprotokolls den Zeitabstand zwischen zwei typischen Toilettengängen. Der Patient entleert die Blase zunächst in diesem Intervall, möglichst bevor sich ein starker Drang bemerkbar macht. In einem weiteren Schritt versucht er, die Abstände allmählich um 15 bis 30 Minuten pro Woche zu erhöhen, bis ein etwa drei Stunden langes Intervall erreicht ist.

5. Zur Ruhe kommen

Kummer, nervöse Unruhe: Emotional Belastete profitieren von einem begleitenden Entspannungsverfahren, etwa der Muskelrelaxation nach Jacobson oder sanften Yogaformen wie der Hatha-Variante. Ein Grund für die Reizblase kann ein gestörtes Zusammenspiel von Anspannen und Lockerlassen sein.

6. 

Richtig trinken

Das häufig propagierte Viel-Trinken kann eine Dranginkontinenz verstärken, ergab eine Studie britischer Forscher. Für die meisten reicht pro Tag eine Flüssigkeitsmenge von 1,5 Litern, in Form von Wasser oder ungesüßten Kräutertees. Meiden sollte man alle Getränke mit Koffein, Kohlensäure sowie Zuckeraustauschstoffen – diese können die Blase reizen.

7. Clever planen

Beim Kino- oder Theaterbesuch die Reservierungsoption nutzen und einen Sitzplatz nah am Ausgang wählen. Vor der Reisebuchung fragen, ob der Minibus über eine funktionierende Toilette verfügt. Oder auf Städtebesichtungstour das Projekt "Die nette Toilette" nutzen – teilnehmende Händler in Innenstädten lassen Menschen kostenlos das Klo benutzen. Unterwegs mit dem Auto? Bei Staus gelassener bleibt derjenige, der eine Vorlage und Ersatzunterwäsche griffbereit mitführt. 

8. Pflanzliches testen

Fertigpräparate aus der Apotheke mit Kürbis und Goldrutenkraut helfen Frauen, Brennnesselwurzel und Sägepalme Männern, eine Reizblase sanft zu lindern.


Lesen Sie auch:

Beckenbodentraining

Fünf Übungen für den Beckenboden »

Vielen Menschen, die an Blasenschwäche leiden, hilft Beckenbodentraining. Fünf Gymnastik-Übungen für zu Hause »

ReadSpeaker

So lassen Sie sich unsere Artikel vorlesen  »

Seniorin am Laptop

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Fahrrad oder Pedelec?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages