Weil Mumps und Masern, Scharlach und Ringelröteln vorwiegend im Kindesalter auftreten, heißen sie „Kinderkrankheiten“. Das klingt niedlich und wiegt die Menschen in falscher Sicherheit. Wer ahnt denn auch, dass er noch im Rentenalter davon erwischt werden könnte? Tatsache ist: Bei den klassischen Kinderkrankheiten handelt es sich um hoch ansteckende Infektionskrankheiten. Die meisten werden durch Tröpfcheninfektion weitergetragen. Das funktioniert besonders gut dort, wo eine Menge Menschen dicht beieinander sind, im Kindergarten oder in der Klasse, im Chor oder auf der gemütlichen Bustour. Wer diese Krankheiten bereits in jungen Jahren durchlitten hat, dessen Körper besitzt zumindest eine gewisse Grundimmunisierung. Und wer über einen entsprechenden Impfschutz verfügt, den er gegebenenfalls auch auffrischen lässt, kann sich recht sicher fühlen. Ansonsten kann es ungemütlich werden. Denn mittlerweile befallen manche Kinderkrankheiten immer mehr Erwachsene.
Beispiel Keuchhusten: Laut Robert-Koch-Institut erkranken jährlich an die 40.000 Erwachsene daran. Das Durchschnittsalter der Keuchhustenpatienten lag Mitte der 90er-Jahre noch bei 15 Jahren, 2008 war es bereits auf etwa 41 Jahre geklettert. „Aufgrund der hohen Durchimpfungsquote im Kleinkindalter verlagert sich die Krankheit immer mehr ins Erwachsenenalter, aber auch wegen des Nachlassens der Abwehrkräfte mit zunehmendem Alter“, erklärt Klaus Schäfer, Hamburger Landesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes.
Die Ziffer an Keuchhustenfällen bei Erwachsenen dürfte im Übrigen noch höher liegen, als die Statistik ausweist. Die von dem Bakterium Bordetella pertussis ausgelöste Erkrankung wird bei Erwachsenen teilweise nur schwer erkannt, da sie anders verläuft als in jungen Jahren. Bei Kindern äußert sich Keuchhusten üblicherweise durch schweren Husten, Atemnot, Keuchen. Dagegen treten beim Erwachsenen – abgesehen von einem hartnäckigen, trockenen Husten – oft keine weiteren Symptome auf. Der milde Verlauf sei jedoch kein Grund zur Entwarnung, wie Allgemeinmediziner Schäfer betont: „Es kann zu Komplikationen kommen, und die haben es in sich.“ Eine mögliche Folge ist zum Beispiel eine Lungenentzündung. Durch starke Hustenanfälle kann es aber beispiesweise auch zu einem Rippen- oder Leistenbruch kommen.
Zudem besteht natürlich die Gefahr, dass erkrankte Senioren andere ungeschützte Personen infizieren. „Wer längere Zeit an Hustenattacken leidet, insbesondere in der Nacht, sollte dringend einen Arzt aufsuchen, denn es könnte ein Keuchhusten dahinterstecken“, sagt Hausarzt Schäfer. In einer deutsch-amerikanischen Studie mit Patienten, die mehr als sieben Tage an hartnäckigem Husten gelitten hatten, stellte sich heraus, dass zehn Prozent Keuchhusten hatten.
Mindestens ebenso bedrohlich – für Kleinkinder wie für Senioren – sind Pneumokokken. Diese Bakterien mit dem wissenschaftlichen Namen Streptococcus pneumoniae können zum Beispiel eine Mittelohrentzündung, Nasennebenhöhlenentzündung, Lungenentzündung oder Hirnhautentzündung (Meningitis) hervorrufen. Eine lebensgefährliche Komplikation ist die Blutvergiftung (Sepsis). Dabei wird der Blutkreislauf von den Bakterien regelrecht überschwemmt. Diese Krankheit habe einen blitzartigen Verlauf, warnt Klaus Schäfer, der erst kürzlich wieder erlebte, wie ein älterer Patient, der vorher kerngesund war, binnen weniger Tage an einer Pneumokokken-Infektion verstarb. „Ich appelliere an meine älteren Patienten: Lasst euch impfen!“, so Schäfer. Die Ständige Impfkommission (STIKO) des Robert Koch-Instituts empfiehlt die Pneumokokken-Impfung seit 2006 für alle Kinder und seit 2009 für die Erwachsenen ab 60 Jahren. Sie sollten sich einmalig gegen Pneumokokken impfen lassen, so die STIKO. Bei bestimmten Grunderkrankungen können Wiederholungsimpfungen sinnvoll sein. Ihr Hausarzt berät Sie dazu.
Mumps, Masern, Windpocken sehen die Hausärzte bei ihren älteren Patienten zwar eher selten, aber Vorsicht ist dennoch geboten. Bei der Masernepidemie in Coburg vor einigen Jahren beispielsweise war der älteste gemeldete Patient 86 Jahre alt. Mumps beschränkt sich bei erwachsenen Patienten oft nicht auf eine Speicheldrüsenentzündung, sondern führt auch zu Hoden-, Eierstock- oder Bauchspeicheldrüsenentzündung. Tückisch sind auch die Windpocken: Nicht nur, weil sie schwere Komplikationen wie Gehirnhautentzündung oder eine Lungenentzündung hervorrufen können. Sondern auch, weil diese Krankheit, selbst wenn man sie bereits in jungen Jahren scheinbar auskuriert hatte, später manchmal wiederkehrt – diesmal als Gürtelrose (Herpes Zoster).
Etwa 20 Prozent der Menschen, die irgendwann eine Infektion mit Windpockenviren durchlitten haben, erkranken später mindestens einmal an einer Gürtelrose. Auslöser sind Windpockenviren (Varicella-Zoster-Viren), die entlang von Nervenfasern zu den Nervenzellen nahe der Wirbelsäule in den Spinalganglien wandern, sich dort einnisten und lange Zeit friedlich ausharren. Bei einem geschwächten Immunsystem – beispielsweise durch Alter, Krankheit oder auch Stress – können diese Viren aber reaktiviert werden. Sie treten nun im Verbreitungsgebiet der betroffenen Nerven als Gürtelrose meist mit Schmerzen und Hautausschlag in Erscheinung. In manchen Fällen kommt es zu Komplikationen. Dazu gehören unter anderem Seh- oder Hörstörungen und vor allem die sogenannte Post-Zoster-Neuralgie (PZN), die brennende Schmerzen auslöst – monate-, manchmal jahrelang. Hinzu kommt: „Der Patient mit Zoster kann das Virus wiederum auf sein kleines Enkelkind übertragen, das dann Windpocken bekommt“, erklärt der Hamburger Hausarzt Schäfer.
Die STIKO rät zur Impfung der Kinder gegen Windpocken. Für Erwachsene gibt es eine solche allgemeine Empfehlung zurzeit nicht. In besonderen Fällen kann eine Impfung aber dennoch angezeigt sein, sprechen Sie darüber am besten mit Ihrem Hausarzt.
Ingrid Kupczik / www.senioren-ratgeber.de;
15.03.2011, aktualisiert am 15.03.2011
Bildnachweis: Fotolia/Hartphotographie/2011
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