Grundierungen und Make-up werden aufgetragen, mit Rouge Akzente gesetzt. Krankenhausatmosphäre weicht der Betriebsamkeit eines Kosmetikstudios. Das Geheimnis dahinter? Jutta Horsch behandelt die Kursteilnehmerinnen nicht wie Kranke. Sondern wie Frauen, die gut aussehen und Freude am Leben haben wollen.
Schön sein tut gut
Vor dreizehn Jahren leitete ich den ersten Kurs“, erinnert sich die 67-jährige mit dem blonden Pferdeschwanz. „Mach mal“, hätte man zu ihr, die seit Jahren für Kosmetikkonzerne im Außendienst unterwegs war, gesagt. Vielleicht, weil man ahnte, dass sie den richtigen Ton treffen würde. Weil Jutta Horsch nicht mitleidig oder übertrieben einfühlsam tut. „Die Angst der Frauen muss man schließlich nicht noch durch Betroffenheit schüren“, findet sie.
Aber hat jemand mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung überhaupt die Muße, sich mit so oberflächlichen Dingen wie gutem Aussehen zu beschäftigen? „Hören Sie mal!“, sagt Jutta Horsch. Gerade Krebspatientinnen würden diesen Teufelskreis nur zu gut kennen: „Die Nachbarin sagt: Heute gefallen Sie mir aber gar nicht. Und dann gefällt man sich selbst noch weniger.“ Auch wenn es einem in Wirklichkeit gar nicht gut geht: „Ein Kompliment kann der Anfang sein“, meint Horsch. „Man fühlt sich tatsächlich besser. Ein Wechselspiel zwischen innen und außen kommt in Gang.“ Und das sei doch alles andere als oberflächlich.
Mut zur Täuschung
Jutta Horsch ist eine Frau der klaren Worte. Aber sie kennt auch den richtigen Zeitpunkt. „Lassen Sie uns darüber reden, was Sie tun, wenn sich Wimpern und Augenbrauen ganz verabschieden“ – diesen Satz bringt sie frühestens nach einer Dreiviertelstunde. Immer herrscht dann erst mal Schweigen. Die meisten Frauen haben ihre Wimpern noch, man spürt aber, dass die Frage Thema ist.
Jutta Horsch nimmt einen Lidstift, malt eine geschwungene Linie auf ihren Handrücken, lässt von ihr kleine Striche nach oben abgehen. „Im Zweifelsfall kommt so eine Täuschung optisch besser als ein verrutschtes Wimpernimitat.“ Aber sieht man denn nicht, dass das nur aufgemalt ist? Jutta Horsch kommt der Fragestellerin ungewöhnlich nahe, fast stoßen die Nasenspitzen aneinander. „Aus dieser Distanz würde es schon auffallen“, erklärt sie. „Aber wer tut so was schon?“
Wieder Lachen. Wie so oft in den Kursen von Jutta Horsch. „Sie schrubben nicht Ihren Küchenboden“, mahnt sie eine Teilnehmerin, die beim Abschminken eher schroff vorgeht. „Ob mich mein Mann später überhaupt noch erkennt?“, fragt eine andere. „Testen Sie doch mal, wer auf dem Heimweg sonst noch alles nach Ihnen schaut“, meint Jutta Horsch. Das gefällt den Frauen. Und dass es ihnen gefällt, gefällt Jutta Horsch: „Wenn die Frauen lachen, macht mich das froh.“