Beipackzettel besser verstehen

Die Informationen zu Medikamenten sind of schwer verständlich. Mehrere Initiativen wollen das ändern. Was Patienten außerdem selbst tun können

von Raphaela Birkelbach, aktualisiert am 21.12.2016

Beipackzettel: Bei Fragen kann der Apotheker weiterhelfen

W&B/ Lilian Henglein & David Steets

Hätte Schokolade einen Beipackzettel, würden selbst Naschkatzen zurückzucken. "Vor allem wenn da etwas über die Nebenwirkungen stünde wie Übergewicht, hohe Blutfette oder allergische Reaktionen", vermutet Ursula Funke. Die Apothekerin aus Wiesbaden kann verstehen, dass Beipackzettel von Medikamenten verunsichern. "Dort sind alle denkbaren Risiken aufgelistet."

Beipackzettel: Zu lang, zu viele Fachbegriffe

Im persönlichen Gespräch gelingt es der Pharmazeutin meist, Risiken einzuordnen und Kunden viele Ängste zu nehmen. Was aber, wenn Patienten das Kleingedruckte erst zu Hause lesen? Laut einer repräsentativen Umfrage des Senioren Ratgeber verweigern 41 Prozent der ab 60-Jährigen die Einnahme, wenn sie im Beipackzettel von Nebenwirkungen lesen. Andere werfen den Zettel weg, weil er zu lang oder kaum lesbar ist oder zu viele Fachbegriffe enthält. Bedenklich findet Apothekerin Funke es auch, "wenn jemand nicht versteht, warum eine Arznei überhaupt hilft".


Darunter leidet die Therapietreue, kritisiert auch Dr. Barbara Keck von der "Arbeitsgemeinschaft Beipackzettel". Bereits seit 2006 fordert der Zusammenschluss von Arzneimittelherstellern, Patientengruppen und Seniorenvertretern, die medizinischen Gebrauchsanweisungen leserfreundlich zu gestalten. Strikte rechtliche Vorgaben erschweren jedoch das Vorhaben. Gesetzlich ist genau vorgeschrieben, was der Beipackzettel alles enthalten muss.

Zeichnungen statt Medizinerlatein

Rund 100 Beipackzettel hat die Arbeitsgemeinschaft bislang unter die Lupe genommen. Die überarbeiteten Versionen enthalten nun Zeichnungen, wie sich etwa Augentropfen einträufeln lassen. Oder eine gezeichnete Uhr verdeutlicht die Einnahmezeit. Medizinerlatein ist tabu, so Keck. "Ziel ist, laienverständlich zu erklären, wie eine Arznei anzuwenden ist und wogegen sie hilft."

Damit ist aber nicht jeder Makel behoben. Noch immer sind Packungsbeilagen viel zu lang und überfordern den Leser.  "Wir wünschen uns, dass künftig alles Wissenswerte für Patienten in verständlicher Kurzform auf einem Blatt in der Arzneischachtel liegt", fordert Keck.


Was Angaben im Beipackzettel bedeuten

1. Einnahmezeit


Vor dem Essen:
mindestens 30 Minuten vor einer Mahlzeit

Mit dem Essen: das Medikament mit der Speise einnehmen oder unmittelbar nach der Mahlzeit


2. Einnahme-Häufigkeit


Einmal täglich:
je nach Wirkstoff sinnvollen festen Zeitpunkt für die Einnahme festlegen

Zweimal täglich: morgens und abends, falls nicht anders verordnet

Dreimal täglich: morgens, mittags und abends einnehmen, etwa um 8, um 13 und
um 18 Uhr


3. Nebenwirkungen


Selten:
Kommt bei weniger als einem von 1000 Behandelten vor

Gelegentlich: Weniger als einer von 100 klagt über unerwünschte Begleiterscheinungen

Häufig: Weniger als einer von zehn reagiert so auf das Mittel


Einige Pharmaunternehmen bieten diesen Service bereits und stimmen die Lesbarkeit der Gebrauchsinformationen mit Patientenverbänden ab. Um Blutdruckpillen oder Schmerzpflaster verständlich zu erklären, setzen Hersteller zudem verstärkt aufs Internet.

Projekt "Digitaler Beipackzettel"

Mitte 2016 startete das Pilotprojekt "Digitaler Beipackzettel", an dem sich der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) und der Verband führender Pharma-Unternehmen (vfa) sowie Patienten und Apotheker beteiligen. "Die digitalen Packungsbeilagen lassen sich aktualisieren, gehen nicht verloren, und die Schrift lässt sich vergrößern", erklärt Julia Richter vom BPI die Vorzüge des Beipackzettels per Smartphone und PC.

Überdies lässt sich die Online-Version gut mit anderen Infos wie etwa mögliche Wechselwirkungen verknüpfen. "Seriöse Informationen per App werden immer mehr kommen", meint Apothekerin Funke aus Wiesbaden. Aber gerade Ältere scheuen noch das Internet. Das persönliche Gespräch in der Apotheke bleibt wichtigste Säule der Arzneitherapie. Ihre Fragen sollten Patienten weiterhin vor Ort klären.


Frau liest Beipackzettel

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Vier Tipps zu Beipackzetteln

1. Fragen Sie!

Lassen Sie sich vom Apotheker beraten, besonders wenn Sie ein Mittel zum ersten Mal verschrieben bekommen. Fragen Sie, wofür, wann und in welcher Dosis Sie die Arznei einnehmen müssen. Notieren Sie sich die Antworten auf diese W-Fragen in Kurzform auf der Arzneischachtel. Der Apotheker erklärt Ihnen auch mögliche Wechselwirkungen mit anderen Mitteln.

2. Lesen Sie aufmerksam!

Nehmen Sie sich Zeit, um die Packungsbeilage durchzugehen. Schreiben Sie auf, was Sie nicht verstehen, und besprechen Sie, was unklar geblieben ist, mit dem Arzt oder Apotheker.

3. Machen Sie es sich leichter!

Bitten Sie Ihren Apotheker, den Beipackzettel in größerer Schrift auszudrucken. Sie können das auch selbst tun, wenn Sie zu Hause ins Internet gehen. Unter www.patienteninfo-service.de finden sie für einige Präparate Gebrauchsinformationen im Großdruck. Sie können sie sich auch laut vorlesen lassen. 

4. Melden Sie sich!

Lassen Sie sich nicht verunsichern. Die Hersteller müssen im Beipackzettel sämtliche Risiken aufzählen, die Sie aller Wahrscheinlichkeit nicht betreffen. Aber wenn Sie unmittelbar auf die Einnahme eines neuen Medikaments mit Nebenwirkungen reagieren, die nicht im Beipackzettel stehen, sagen Sie das Ihrem Apotheker. Ihre Beschwerden meldet er der Arzneimittelkomission, die bei Verdacht das Medikament kontrolliert.



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