Die Altersforschung zahlt sich nicht nur für die Patienten aus. Senioren benötigen eine flexible, individuelle Behandlung
Zugewandt: Arzt und Patientin sprechen gemeinsam über das Behandlungsziel
Studien mit Älteren brauchen einen Zuschnitt, der die Teilnehmer nicht nach Geburtsdatum sortiert. Vor allem aber müssen die Forscher lernen, dass die Senioren Begleiterkrankungen mitbringen.
Viermal hat Professor Steinhagen-Thiessen das Regelwerk einer Studie gelockert, die den Nutzen eines Herzmittels für Ältere testet. Erst dann kamen genügend Teilnehmer zusammen. So etwas macht die Studie aufwendig und teuer, räumt die Forscherin ein. „Dafür bekommen wir Daten, die realitätsnah sind.“
Daran haben auch Pharmafirmen zunehmend Interesse. „Die sind aufgewacht“, beobachtet Steinhagen-Thiessen. Geld schießt die Industrie vor allem für Studien mit Medikamenten zu, die schon länger auf dem Markt sind – wo es also nicht mehr um die Zulassung geht. Etwa jeder zehnte Teilnehmer ist heute im Rentenalter.
Auch wächst der Druck auf die Branche. Sieber kämpft bei der EU-Zulassungsstelle dafür, Studien mit Älteren zur Pflicht zu machen: „Ohne Daten von 75-Jährigen keine Zulassung mehr.“
Schon heute sichtet der Arzt die Studienlage, bevor er eine Arznei verschreibt. „Wenn ich zwei ähnliche Osteoporose-Mittel habe, von denen eines an Senioren getestet wurde, dann ist die Wahl klar.“ Altersforschung wird zum Wettbewerbsvorteil.
Zumal die Zukunft der Arzneitherapie im Alter kaum bedeuten dürfte, mehr Medikamente zu verordnen, sondern andere – und oft weniger. US-Forscher haben eine Beispielrechnung aufgestellt: 17 Tabletten am Tag bekommt eine mehrfach erkrankte 79-Jährige verschrieben, wenn sich der Arzt nach den wissenschaftlichen Leitlinien für die einzelnen Leiden richtet.
„Dass das nicht gesund sein kann, leuchtet ein“, meint Gerontopharmakologe Wehling. Die Nebenwirkungen addieren sich – oft so, dass sie als weitere Krankheit erscheinen und zu neuen Arzneiverordnungen führen. Wehling, der in Mannheim die bundesweit einzige Spezialambulanz für Arzneitherapie im Alter betreut, stellt daher bei jedem Patienten zuerst die Frage: „Was können wir weglassen?“
Einen Ausweg sieht der Pharmakologe in der Abkehr vom Schema F der Therapieleitlinien. „Wir brauchen Tendenzempfehlungen. Da ist der Arzt auch als Künstler gefragt.“ Um den Medizinern eine Richtschnur zu geben, ordnet man im Zentrum für Gerontopharmakologie Medikamente nach ihrer Alterstauglichkeit: von „A“ für unbedingt empfehlenswert – dazu zählt Wehling viele Herz-Kreislauf-Medikamente – bis „D“ für Arzneien, von denen bei betagten Patienten eher abzuraten ist. Das betrifft manches Beruhigungsmittel.
Altersmedizin verändert damit auch die Rolle des Doktors. „Er sollte nicht bloß verordnen, sondern mit dem Patienten gemeinsam überlegen, welche Behandlungsziele wichtig sind – und welche weniger wichtig“, sagt Sieber. „Der Geriater ist ein Reisebegleiter auf dem Weg des gesunden Alterns.“
Kai Klindt, www.senioren-ratgeber.de;
11.11.2008, aktualisiert am 15.09.2009
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