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So sitzen Sie gesund

Die meiste Zeit des Tages verbringen wir auf Stühlen, in Sesseln, auf Sofas. Doch wie gut tut Sitzen unserem Organismus wirklich?


Viel Zeit verbringen wir im Sitzen

Was hat sich Harry Bertoia in den 1950er-Jahren dabei wohl gedacht? Dass der Stuhl bestimmt eindrucksvolle Karomuster auf dem Hintern und dem Rücken hinterlässt, wenn man länger als drei Minuten darauf verbringt? Bequem ist das, jedenfalls ganz sicher nicht. Aber geht es denn immer nur um Komfort?

„Stühle“, behauptet Sabine Schulze, Direktorin des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg, „sind Zeitzeugen, sie sind unser Gedächtnis auf vier Beinen.“ Sie zeigen, welcher gesellschaftliche Geist über sie hinwegwehte, als sie entworfen wurden.



Sitzen und stricken: Immer mal zwischendurch aufstehen und sich strecken – das freut den Rücken

Brav und aufrecht zierten Stühle und Sessel im Biedermeier das bürgerliche Wohnzimmer. Unbequem, aber revolutionär kamen sie im Bauhausstil der 20er-Jahre daher. In den 60er-Jahren machte es Designern Spaß, mit neuen Materialien wie Polypropylen zu experimentieren.

Damals entstand etwa das Plastikungetüm „Ball“ von Eero Aarnio: eine Art Ei auf einer Drehkonstruktion, vorne geöffnet, mit orangefarben gepolstertem Innenleben. Die Kommandobrücke von Raumschiff Enterprise lässt grüssen!

Heute sind niedrige Lounge-Sessel en vogue, die den Sitzenden dermaßen in ihr Innenleben hineinsaugen, dass er sich fragt: Komme ich ohne hydraulische Unterstützung je wieder heraus?

Zu Stühlen und Sesseln kann man eine herzliche Beziehung entwickeln. Ganze Generationen sitzen auf ihnen, essen, lachen, weinen, streiten und vertragen sich wieder. Nichts ist gemütlicher, als sich in einen kuscheligen Ohrensessel zu drücken und mit einem Buch in der Hand für ein paar Stunden abzutauchen.

Eine ganze Ausstellung mit dem Namen „Ideen sitzen“ widmeten Direktorin Sabine Schulze und das Museum für Kunst und Gewerbe Anfang dieses Jahres den Sitzmöbeln der vergangenen 50 Jahre. Aus gutem Grund: Keinen Einrichtungsgegenstand benutzen wir intensiver als Stühle. Im Grunde lässt sich die Menschheit heute in zwei Gruppen unterteilen: in solche, die viel sitzen, und solche, die extrem viel sitzen.

Ein Volk von Dauerhockern

Gleich morgens geht es los. Kaum aufgestanden, hocken wir schon wieder. In der Küche beim Frühstücken, anschließend im Auto, im Zug, im Sessel oder auf dem Bürostuhl vor dem Computer. Und essen, lesen, stricken, hören Radio. Abends dann: Beine hoch und ab in den gemütlichen Fernsehsessel.

Laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin sitzt der durchschnittliche Deutsche 10 bis 15 Stunden am Tag. Das ist ja auch wesentlich weniger anstrengend, als alles im Gehen oder Stehen zu erledigen. Leider ist still sitzen aber mit das Ungesündeste, was wir unserem Organismus zumuten können – weil wir nicht dafür geschaffen sind.

Einer der Gründe: Die Wirbelsäule nimmt ihre natürliche Form, eine sanft geschwungene, Doppel-S-förmige Krümmung, nur ein, wenn wir stehen und gehen. Verlassen wir die ideale Haltung, verändert sich die Belastung auf unsere Wirbelsäule, der Druck auf die Bandscheiben nimmt zu, die Muskeln verspannen.

Sitzen - Stress für Muskeln und Organe

Und das ist noch nicht alles! Die schwedische Sportwissenschaftlerin Dr. Elin Ekblom-Bak hat in einer Studie mit Menschen aller Altersklassen herausgefunden: Nach spätestens vier Stunden ungerührtem Sitzen fängt der Körper an, Stress-Signale zu senden.

Ein Enzym etwa, das am Fettabbau beteiligt ist, arbeitet dann nicht mehr richtig. Auf lange Sicht heißt das für Dauersitzer: Das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt. Die Gefahr, dick zu werden oder Diabetes zu entwickeln, ebenso.

In der Frühgeschichte der Menschheit waren solche Leiden unbekannt. Die Horde lief, schlief oder hockte allenfalls gelegentlich am Boden. Sitzmöbel sind eine relativ neue Errungenschaft, vermutlich ruhten sich die alten Ägypter als Erste auf speziellen Möbeln für ihre vier Buchstaben aus.

Bis ins elfte Jahrhundert behalf sich das normale Volk in Westeuropa oft mit einfachen Holzsitzen oder mit Baumstämmen, die nicht gerade zum Dauerhocken einluden. Erst allmählich kamen in der Neuzeit bequemere Stühle auf. Auf der südlichen Erdhalbkugel und bei Nomadenvölkern ist das Sitzen auf Möbeln bis heute übrigens noch nicht verbreitet.

Wir haben uns also stetig vom Homo erectus, vom aufrechten Menschen, zum Homo sedens, dem sitzenden Menschen, entwickelt. Und das macht Dr. Florian Heidinger vom Ergonomie-Institut in München gar nicht glücklich.

Für Organisationen wie den TÜV oder den DIN-Ausschuss prüft der promovierte Ergonom mit einer arbeitsmedizinischen Zusatzausbildung, ob Sitzgelegenheiten ergonomisch vernünftig sind. Ist der Stuhl zu groß oder zu klein, die Sitzfläche zu kurz oder zu lang und sind die Armlehnen zu hoch oder zu niedrig, bedeutet das zusätzlichen Stress für den Organismus.

Ein guter Stuhl oder Sessel muss für Heidinger deshalb ein paar Mindestanforderungen erfüllen: „Das Becken sollte Kontakt zur Lehne haben, die Beine müssen im rechten Winkel zum Boden stehen. Der Stuhl soll die Oberschenkel stützen.“

Fürs Büro gibt es Vorschriften und Richtlinien, in denen Anforderungen, Abmessungen und Einstellmöglichkeiten von Stühlen als Grundlage für schonendes Sitzen festgelegt sind. Aber im privaten Bereich? Da wird gelounged und gelümmelt, auf kleinen Stühlen gefrühstückt und in zu weichen Fernsehsesseln Tatort geguckt. Was also tun?

Jetzt nur noch auf ergonomischen Bürostühlen durchs Leben zu rollen ist jedenfalls nicht nötig – und auch nicht gut. „Menschen sollten aber mehr Bewegung in ihr Sitzen bringen“, sagt Ergonom Heidinger. Das heißt etwa: nicht nur im Ohrensessel kuscheln, sondern ab und zu auch aufrecht auf dem Küchenstuhl thronen, bewusst mal vorne auf die Stuhlkante rutschen, mal den Popo nach hinten abgleiten lassen.



Sitzen und essen: Sich genussvoll Zeit lassen – aber trotzdem auf Wechsel der Sitzposition achten

Wer mag, kann nach Rücksprache mit dem Arzt oder mit dem Physiotherapeuten einen Hüpfball in seinen Sitzalltag einbauen oder mit Luftkissen die Wirbelsäule entlasten. „Je mehr Abwechslung, umso besser für den Körper“, sagt Heidinger.

Schnell aufstehen!

Das Allerwichtigste aber, auch bei den allerbesten Stühlen: möglichst viel aufstehen, gehen und stehen. Das entstresst den Körper, zeigte eine Studie der australischen Forscherin Dr. Genevieve Healy. Ihr Team stattete fast 5000 Erwachsene mit Aktivitätsmessern an der Hüfte aus.

Und siehe da: Menschen, die immer wieder vom Stuhl aufstanden, hatten bessere Blutfett- und Blutzuckerwerte als Dauerhocker. Also: Ganz schnell raus aus dem Sessel!



Sitzen und Musik hören: Stellungswechsel! Statt stumm zu hocken, lässt sich zu manchen Klängen auch tanzen.

Sport mit Stuhl – so entlasten Sie Ihren Rücken:

  • Lassen Sie häufiger das Becken nach vorn und zurück kippen.
  • Verlagern Sie Ihr Gewicht mal auf die rechte, mal auf die linke Gesäßhälfte.
  • Versuchen Sie, im Sitzen die Hüfte kreisen zu lassen.
  • Schieben Sie Ihren Brustkorb sanft vor und zurück.



Bildnachweis: Mauritius Images/AGE, , Thinkstock/PhotoDisc, A1PIX/Peter Jobst, plainpicture/Narratives, W&B/Fotolia, W&B/Michael Hughes/RYF

Anne-Bärbel Köhle / Senioren Ratgeber; 19.01.2012
Bildnachweis: Mauritius Images/AGE, , Thinkstock/PhotoDisc, A1PIX/Peter Jobst, plainpicture/Narratives, W&B/Fotolia, W&B/Michael Hughes/RYF

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