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Schwerhörigkeit: Neue Technik für die Ohren

Cochlea-Implantate und moderne Technik bei Hörgeräten erlauben gezieltere Hilfe bei Schwerhörigkeit. Was die einzelnen Methoden leisten


Hörgeräte oder Implantate können bei Schwerhörigkeit helfen

Nervös hüpfen die blauen Linien auf dem Bildschirm auf und ab, fast so als könnten sie sich nicht entscheiden, welche Richtung sie einschlagen sollen. Es ist ein entscheidender Moment, vielleicht der spannendste am heutigen Vormittag. Liegt der hauchdünne Draht, den Professor Anke Lesinski-Schiedat in die Hörschnecke des Patienten geschoben hat, richtig? Kommen die Signale der kleinen Antenne beim Hörnerv an? Verhilft der Eingriff dem Menschen, der zur Seite gedreht auf dem OP-Tisch liegt, zu einem neuen Gehör?

Etwa zwei Stunden braucht die HNO-Ärztin von der Medizinischen Hochschule Hannover, um das Cochlea-Implantat einzusetzen, eine Art künstliches Innenohr. Das Operationsfenster ist kaum größer als eine Streichholzschachtel, das Gewebe so fein, dass Lesinski-Schiedat unter dem Mikroskop arbeitet.


Cochlea-Implantate helfen Schwerhörigen

Jährlich bekommen in Hannover rund 500 Patienten ein Cochlea-Implantat eingepflanzt. Das Team um Klinikdirektor Professor Thomas Lenarz, das sich seit den späten 1980er-Jahren auf Hörprothesen spezialisiert hat, würde gern mehr Schwerhörigen helfen: Allein in Deutschland, schätzt Lenarz, kämen etwa eine Million Menschen für ein Cochlea-Implantat in Betracht – besonders Senioren. 30.000 Bundesbürger haben bisher ein Implantat bekommen. Zu den prominenten „CI-Trägern“, wie sie in Hannover genannt werden, gehört der frühere bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein.

Jeder zweite über 70-Jährige leidet unter Hörproblemen, zeigt eine Studie der Universität Witten/Herdecke. Meist verschleißen die Haarzellen, die das Innenohr wie ein Flokati auskleiden und die akustischen Reize an das Gehirn weiterleiten. Warum die Zellen ihre Funktion einbüßen, ist unklar – Krach und Lärm dürften aber eine wichtige Rolle spielen. Auch rätseln die Forscher, wieso den Patienten vor allem hohe Töne wie Vogelgezwitscher verloren gehen, während sie das Brummen des Kühlschranks selbst bei starker Innenohr-Schwerhörigkeit oft noch wahrnehmen.

Hörgeräte bei leichter Schwerhörigkeit

„Bei leichter Schwerhörigkeit ist ein Hörgerät eine gute Lösung“, erklärt Lesinski-Schiedat. Moderne digitale Geräte gleichen den Hörverlust gezielt in den kritischen Tonlagen aus und passen sich der Situation flexibel an – sei es ein Small Talk auf einer Feier oder ein Fernsehabend. Trägt man die Minicomputer an beiden Ohren, können sie untereinander in Funkkontakt treten. Das bessert das räumliche Hören, etwa im Verkehr.

Rund 1,3 Milliarden Euro geben die Deutschen pro Jahr für Hörgeräte aus. Doch viele lassen die teuren Helferlein bald wieder in der Schublade liegen. Etwa jeder Zweite nutzt die Geräte nur sporadisch, belegt eine Umfrage des Senioren Ratgeber, fast jeder Dritte ist mit der Technik unzufrieden. Warum? „Viele haben falsche Erwartungen“, beobachtet Lesinski-Schiedat. „Man hört mit einem Hörgerät zwar besser, aber nicht so wie früher.“

Mancher entschließt sich erst nach Jahren des Zögerns zur Hörhilfe, was die Eingewöhnung erschwert. Ohnehin verlangt die Anpassung viel Geduld – gelegentlich Monate.

Cochlea-Implantat: Nicht ohne Risiken

Die Crux aber ist: Hörgeräte beheben die Ursache des schlechten Gehörs nicht. Sie helfen, solange die Haarzellen im Innenohr halbwegs ihren Dienst tun. Ist das nicht mehr der Fall, bringt auch ein mehrere Tausend Euro teures Modell wenig. „Dann“, sagt Lenarz, „ist es Zeit, an ein Cochlea-Implantat zu denken.“

Der komplizierte Eingriff birgt Gefahren, räumt Lenarz ein. Das Risiko, dass es zu einer Infektion kommt oder bei der Operation ein Nerv Schaden nimmt, liegt bei gut einem Prozent. Dafür katapultiert ein Cochlea-Implantat das Hörvermögen des Patienten mitunter von wenigen Prozent auf 70 bis 80 Prozent.

Hören neu trainieren

Das lohnt in jedem Alter. Entscheidend ist, dass der Patient das neue Gehör auch nutzen kann – wie der 91-jährige Tanzlehrer, einer von Lenarz‘ ältesten Patienten. Auch muss der Kandidat bereit sein für das, was nach der OP kommt: Über Wochen, manchmal Monate lernt er das Hören von Grund auf neu.

Dabei helfen in Hannover Menschen wie Alexandros Giourgas. „Anfangs klingen Stimmen häufig wie aus einem Micky-Maus-Film“, erzählt der Pädagoge. Auch könnten die Patienten zunächst Sprache nur mit Mühe verstehen, „weil mitunter viele Laute zusammenfallen“. Von Tag zu Tag verfeinern die Hörschüler ihr neues inneres Ohr. Giourgas spielt dazu auf Xylofon, Triangel oder Glockenspiel: Unterscheiden sich die Töne? Hört man nur den Schlag oder auch, wie er nachklingt? Der Therapeut liest Wortfolgen vor wie Maus, Laus, Haus – wie gut lassen sich die Begriffe auseinanderhalten? Auf einem „Hörspaziergang“ erkunden die Patienten ihre akustische Umwelt: das Rascheln der Zeitung, das Klimpern von Münzen, das Dingdong der Türklingel. „Das Erste, was ihnen auffällt, ist meist der Trittschall von hochhackigen Schuhen“, amüsiert sich Giourgas.

Bei etwa drei Millionen Bundesbürgern hängt das schlechte Gehör mit Problemen im Mittelohr zusammen. Drei zarte Knöchelchen nehmen hier den Schall vom Trommelfell auf und transportieren ihn zum Innenohr – 20-fach verstärkt, denn die Mechanik wirkt wie ein Hebel. Krankheiten wie chronische Mittelohrentzündungen können die Gehörknochen verkleben.

Wahl zwischen Hörgeräten und Hörprothesen

Weil es sich überwiegend um eine Frage der Lautstärke handelt, sind für viele Betroffene Hörgeräte eine Hilfe. Neben dem klassischen Weg über das Ohr gibt es die Möglichkeit, die Schädelknochen in Schwingungen zu versetzen – und so den Schall auf Umwegen nach innen zu leiten. „Immer häufiger kommen aber auch Hörprothesen in Betracht“, weiß Professor Hannes Maier vom Hörzentrum Hannover. Der Physiker mit einem Faible „für alles, was wackelt“, erprobt Mittelohrimplantate: Filigrane Drahtgestelle, an der Spitze ein kaum zwei Millimeter langer Kolben, dessen Bewegungen die Arbeit der Gehörknöchelchen ersetzen. „Anders als beim Cochlea-Implantat kann der Patient von Anfang an natürlich hören“, sagt Maier. Weil die Methode erst seit etwa 15 Jahren zur Verfügung steht, gibt es noch wenig Langzeiterfahrungen.

Häufig gilt es, sich an die beste Lösung für den Patienten heranzutasten, meint Anke Lesinski-Schiedat. Dabei lassen sich die Hörhilfen wie aus einem Baukasten kombinieren: „Mancher fährt gut mit einem Cochlea-Implantat für die hohen Töne – und einem Hörgerät, das die tiefen Töne verstärkt.“


Neue Technik für die Ohren: Was Patienten sagen

  • Intelligenter Verstärker: Hörgerät

    Hörgerät: Intelligenter Verstärker

    Irmtraud R. (70): „‚Vorsicht, Frau R. hört mit‘, haben die Kollegen früher gescherzt, als ich noch als Buchhalterin in einem Großraumbüro arbeitete. Ich war bekannt für meine guten Ohren. Dann erlitt ich mehrfach einen Hörsturz, und alles wurde anders. Rechts habe ich nur noch ein Hörvermögen von fünf Prozent, links 40 Prozent. Mit Hörgeräten komme ich gut klar, wenn auch nicht so wie früher. Ich bin richtig stolz auf meine beiden Geräte, habe mir sogar einen Schallschlauch mit Schmucksteinen ausgesucht.“

    Tipp: Bei Verordnung durch den Ohrenarzt (etwa HNO) zahlt die Kasse bei einem Hörgerät rund 460 Euro, bei zwei Geräten 830 Euro. Der Akustiker ist verpflichtet, Ihnen mindestens ein Hörgerät zum Festbetrag anzubieten.

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  • Zweites Gehör: Cochlea-Implantat

    Cochlea-Implantat: Zweites Gehör

    Wolf Dieter G. (77): „‚Arbeiten Sie für den Geheimdienst?‘, hat man mich mal gefragt. Die beiden Sendespulen am Kopf sind natürlich auffällig. Ich nehme sie gar nicht wahr, für mich ist das Anlegen der Spulen und des Sprachprozessors am Ohr so selbstverständllich wie Zähne putzen. Gern erläutere ich, dass ich seit elf Jahren Cochlea-Implantate habe, weil ich taub bin. Mit den neuen Sprachprozessoren glaube ich, sogar besser zu hören als andere in meinem Alter.“

    Tipp: Die Versorgung mit Cochlea-Implantat ist Kassenleistung. Zusatzgeräte – etwa um einen Gesprächspartner in unruhiger Umgebung besser zu verstehen – sind meist Privatsache.

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  • Klangbrücke: Mittelohr-Implantat

    Mittelohr-Implantat: Klangbrücke

    Rita Z. (58): „Nach mehreren Mittelohrentzündungen war ich auf der rechten Seite fast taub. In Besprechungen saß ich nur mit der Hand am Ohr, ich musste immer auf der Hut sein: Was hat der andere gesagt? Ich habe es mit einem Hörgerät probiert, aber da schien alles nur zu scheppern. Das Mittelohrimplantat ist ein Segen, ich lebe viel entspannter. Aber ich höre nun auch die Schnellstraße­ vor dem Haus.“

    Tipp: Bei medizinischer Notwendigkeit zahlt die Kasse. Alternative zum Implantat sind Hörbrille und Knochenleitungsgerät.

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Bildnachweis: W&B/Szczesny/bearb. Jörg Neisel, Fotolia/Photophonie

Kai Klindt / Senioren Ratgeber; aktualisiert am 19.12.2013, erstellt am 02.07.2013
Bildnachweis: W&B/Szczesny/bearb. Jörg Neisel, Fotolia/Photophonie

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