Wie festgefroren steht der Mann vor der offenen U-Bahn-Tür. Er müsste eigentlich aussteigen. Doch als hielte ihn etwas Unsichtbares zurück, verharrt er für eine halbe Minute auf der Stelle. 80 Prozent aller Patienten mit Parkinson oder ähnlichen Beschwerden kennen dieses Phänomen: Bewegungen, die gerade noch selbstverständlich waren, klappen plötzlich nicht mehr. Die Beine verweigern jeden Schritt. Es ist, als frören die Füße ein. Neurologen sprechen deshalb von „Freezing of Gait“.
Die motorischen Aussetzer können von einer Sekunde bis zu einer halben Minute andauern. Sie machen es dem betroffenen Menschen schwer, ein selbstständiges Leben zu führen, weil die Gefahr sehr groß ist, zu stürzen und sich bei den anfallartigen Attacken zu verletzen. Umso intensiver arbeiten Neurologen und spezielle Parkinson-Physiotherapeuten daran, dass es gelingt, die Blockaden möglichst rasch aufzulösen.
Gute Erfolge erzielen sie dabei mit Geräten und Hilfsmitteln, die unterwegs akustische oder sichtbare Reize aussenden. Zu diesen „Cues“, wie Fachleute sagen,gehören präparierte Stöcke, hörbare Taktgeber wie Metronome oder ein Laserpointer, der dem Patienten einen Lichtpunkt vor die Füße werfen kann. Sogar mit purer Vorstellungskraft gelingt es zumindest Fortgeschrittenen, die Gehstörung erst gar nicht entstehen zu lassen: Das gedankliche rhythmische Zählen funktioniert wie ein inneres Metronom.
Die kleinen Tritthelfer und Taktgeber erweisen sich im Alltag als große Hilfe, „vorausgesetzt, die Patienten trainieren täglich damit“, betont Physiotherapeutin Frauke Schroeteler. Zusammen mit ihrer Kollegin Kerstin Ziegler und dem Neurologen Professor Andres Ceballos-Baumann untersucht sie derzeit am Neurologischen Krankenhaus in München-Schwabing, wie gut, unter welchen Bedingungen und in welchem Stadium der Erkrankung die verschiedenen Signale wirken.
Die Gehblockaden tauchen meist erst nach rund 15 Krankheitsjahren auf. Beim Losgehen, vor engen Passagen oder sogar bei Stress oder Angst macht der Körper plötzlich nicht mehr mit: Die Beine fangen an zu trippeln, schlurfen oder blockieren ganz. Bei Gesunden regelt das Gehirn die automatischen Bewegungsabläufe und stimmt sie aufeinander ab. „Bei Parkinsonpatienten sind diese Hirnsignale geschwächt und gehen falsche Wege“, erklärt Professor Ceballos-Baumann. „Das Timing stimmt einfach nicht mehr. Cues gleichen diese Defizite aus.“
Rollator mit Querkordel
Eine bunte Kordel wirkt als optischer Schrittmacher, weil der Patient sich vornehmen kann, seinen Fuß stets unterhalb der Kordel aufzusetzen. Zwar läuft man mit einem Rollator langsamer, dafür ist man sicherer unterwegs.
Laserpointer
Vor allem nach längerem Sitzen oder Stehen wieder zu gehen oder auch eine Schiebetür zu durchqueren – das erleichtert das einmalige optische Signal eines Laserpointers. Auf Knopfdruck des Patienten erscheint ein Lichtpunkt vor dessen Fuß. Vorteil: Der Laserpointer lässt sich unauffällig einsetzen und wieder wegstecken.
Anti-Freezing-Stock
Dank eines Zughebels am Griff des Anti-Freezing-Stocks kann eine Querleiste in Knöchelhöhe herausschwingen. Der Patient übersteigt diesen gut sichtbaren Zeiger, was in der Regel ausreicht, den ersten Schritt zu tun. Lässt er den Zugmechanismus los, klappt die Leiste wieder in ihre Ausgangsposition zurück.
Metronom
Digitale Metronome mit Kopfhörer oder Ohrstöpseln passen in fast jede Hosen- oder Jackentasche und lassen sich auf einen Takt einstellen, der zur individuellen Schrittlänge passt. Die Metronome gibt es mit verschiedenen Tonhöhen und Lautstärken.
Klatschen
Als rhythmische Signalreize haben sich der 2/4- und der 4/4-Takt bewährt: Als Musik oder nur geklatscht hilft der Takt, das Gehen flüssig zu halten.
Vibrierender Takt
Ein Taktgeber zum Spüren ist noch in der Erprobungsphase: Der Vibrationsreiz am Handgelenk könnte ebenfalls helfen, das Freezing-Phänomen zu überwinden. Entsprechende Armbänder sind aber noch nicht im Handel erhältlich.
Mentales Zählen
Der Patient zählt im Kopf in einem bestimmten Rhythmus oder stellt sich Wörter vor, die einen Takt bilden. Das steigert die Schrittlänge und die Gehgeschwindigkeit.
Elke Schurr / Senioren Ratgeber;
07.06.2010
Bildnachweis: W&B/Ulrike Möhle, iStock/nicolas
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