Demenzpatienten per GPS-Sensoren orten

GPS-Ortungssysteme helfen pflegenden Angehörigen, einen Demenzkranken leichter zu finden. Was die modernen Geräte in der häuslichen Pflege bringen
von Raphaela Birkelbach, aktualisiert am 07.04.2017

Demenzpatienten haben oft ihren eigenen Kopf – und sind dann per Sensor leichter aufzufinden

plainpicture GmbH & Co KG/Uwe Umstätter, W&B/Dr. Ulrike Möhle

Blaubeerzeit. Für Gerda Kromer (Name von der Redaktion geändert) bedeutete sie lange glückseliges Treiben in der Natur – bis irgendwann die Ernte für die Seniorin zur bangen Suche wurde: Wo steckt Fritz? "Ihr demenzkranker Mann hat sich oft verlaufen", erzählt Herlind Megges rückblickend, die die Ehefrau in der Gedächtnissprechstunde an der Berliner Charité beraten hat. Heute geht der alte Herr mit einem Sender am Hand­gelenk auf die Pirsch.

GPS-Sensoren für Demenzkranke immer beliebter

Dank dem kleinen Gerät spürt ihn seine Gattin nun schnell auf, wenn er nicht mehr zu ihr zurückfindet. So wie sie setzen immer mehr Angehörige auf die Suchtechnik, beobachtet Demenz-Expertin Megges, die über den Nutzen von GPS-Ortungshilfen forscht. "Pro Jahr kommen rund 10.000 neue Geräte dazu", schätzt sie.

Ein Fazit von Megges’ Studien: Die Hightech beruhigt besorgte Angehörige enorm. Kommt der an Demenz erkrankte Vater oder Partner nicht heim, lässt sich seine Position per Handy oder am PC rasch ermitteln, vorausgesetzt, der Spaziergänger hält sich im Freien auf. Je nach Programmierung alarmiert der Sender die Familie, wenn ihr Schützling ein bestimmtes Areal verlässt. "Oder der Angehörige fragt den Standort gezielt ab", erklärt Megges. Wieder andere Systeme lassen die Ortung über eine Notrufzentrale laufen, die die Suche koordiniert und auch selbst den Alarm auslösen kann.

Sender funkt auf das Handy

Damit der Datentransfer funktioniert, muss das GPS-Gerät mit der SIM-Karte eines Mobilfunkanbieters ausgestattet sein. Zudem braucht man ein Handy oder einen PC mit Internetzugang. Doch welches Ortungsgerät passt? "Die Produktpalette ist unübersichtlich groß, und es gibt verschiedenste Möglichkeiten, jemanden zu orten", erklärt Alternsforscherin Dr. Birgit Kramer von der Hochschule Ludwigsburg.

Was die Suche erschwert: Viele Modelle sind nur im Netz zu erwerben – von 100 Euro an aufwärts, mancher Anbieter preist die Technik im vierstelligen Bereich an. "Das teure Gerät muss aber nicht das beste sein", betont Kramer. Ihr Tipp: Einen Hersteller suchen, der den Sender verleiht. Erst im Alltag lässt sich ausprobieren, wie gut die Ortung klappt. Reicht die Akkulaufzeit? Wie bedienerfreundlich ist das System?

Enkel um Hilfe bitten

Wichtig ist vor allem: Akzeptiert der Spaziergänger das ungewohnte Anhängsel? Erfahrungen zeigen: Sehen Sender wie eine Armbanduhr aus oder sind sie mit dem Uhrwerk gekoppelt, stören sie oft weniger. Weil sie so nicht stigmatisieren, meint Technikexpertin Birgit Kramer. "Außerdem sind viele Menschen an eine Uhr gewöhnt."

Grafik: So lässt sich der Sender anbringen

(Hinweis: Die Grafik läuft selbstständig ab. Wenn Sie sich einen bestimmten Bereich in Ruhe ansehen möchten, fahren Sie mit der Maus über einen der roten Punkte oder tippen Sie bei einem Touchscreen mit dem Finger darauf)

Alter

Plainpicture/ W&B Dr. Ulrike Möhle

Doch auch Angehörige scheuen die Technik. "Gerade die ältere Generation tut sich damit schwer", erlebt Dr. Beate Radzey vom Demenz Support Stuttgart. Weil der Nachwuchs damit weniger Berührungsängste hat, empfiehlt die Versorgungsforscherin, ihn zurate zu ziehen.

Selbsthilfegruppen und Gedächtnis-Sprechstunden

Ebenso beraten Mitarbeiter der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft in Selbsthilfegruppen oder über ihre Hotline, auch kommunale Technikberatungsstellen für Senioren und Gedächtnis-Sprechstunden sind Anlaufstellen. Herlind Megges aus Berlin hat Ehepar Kromer geholfen. "Zum Dank", erinnert sich die Forscherin, "haben sie mir Blaubeeren ins Büro gebracht."


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