Geduld, Fürsorge, Geschicklichkeit und nicht zuletzt starke Nerven: Wer sich zu Hause um pflegebedürftige Angehörige kümmert, dem wird viel abverlangt. Mehr als eine Million Bundesbürger haben die schwierige Aufgabe übernommen. Wie ist sie zu schaffen? In der Tagespflegestätte der Nachbarschaftshilfe Ismaning sprach www.senioren-ratgeber.de mit drei Betroffenen.
Friedrich Zörrgiebel pflegt seit zehn Jahren seine Frau. Von einem Tag auf den anderen wurde sie schwer pflegebedürftig, war halbseitig gelähmt und konnte nicht mehr sprechen.
Herr Zörgiebel, wie haben Sie die erste Zeit damals erlebt?
Man ist erst mal überrascht. Man hat ein Leben zu betreuen, von heute auf morgen. In meiner Generation hat man sich ja als Mann am Haushalt nicht so beteiligt. Ich wusste nicht, wie man wäscht, wie man bügelt, wie man putzt. Nur den Staubsauger hatte mir meine Frau ab und zu mal in die Hand gedrückt. In der Küche kannte ich mich etwas aus, weil ich schon als Kind meiner Mutter beim Kartoffelnschälen geholfen hatte.
Wie sieht die Situation heute für Sie aus?
Ich habe eine Putzfrau engagiert, ansonsten mache ich alles selbst. Dreimal in der Woche geht meine Frau von morgens bis nachmittags hier in die Tagespflege. Das läuft wunderbar, das ist verdammt viel wert. Am Anfang wollte sie partout nicht hierhin, sie hat geweint und war froh, wenn ich sie wieder abgeholt habe. Aber das hat sich zum Glück schnell gewandelt. Heute ist die Tagespflege für sie eine Heimat.
Was macht Ihnen in der häuslichen Pflege am meisten zu schaffen?
Die eheliche Kommunikation ist schlecht, und sie wird immer schlechter. Meine Frau kann ja nicht mit mir sprechen. Das tut mir am meisten weh. Früher haben wir noch gemeinsam ferngesehen, unterhaltsame Filme, zum Beispiel Rosamunde Pilcher. Das geht heute alles nicht mehr. Um 19.30 Uhr geht sie ins Bett, und das war's.
Haben Sie manchmal das Gefühl, an Ihre Grenzen zu stoßen?
Man selbst merkt das lange nicht. Man wurschtelt immer weiter. Irgendwann merkt du, du führst überhaupt kein Leben mehr. Ich bin in einem Gesprächskreis für pflegende Angehörige, und die Leiterin hat mir immer wieder gesagt: "Machen Sie Urlaub". Und auch die Krankenkasse hat mich angerufen, ich solle doch daran denken, dass ich die Pflege weiterhin schaffe und mir eine Auszeit gönnen. Das mache ich jetzt auch. Meine Frau ist gerade für vier Wochen zur Kurzzeitpflege in einem Pflegeheim.
Wie nutzen Sie die Zeit?
Ich war jetzt eben für vier Tage in Berlin.
Haben Sie schon einmal überlegt, ob Ihre Frau nicht besser in ein Pflegeheim zieht?
Ja, natürlich denkt man daran. Ich kenne Männer, die sagen: "Ich könnte meine Frau niemals pflegen. Wenn ihr etwas passiert, dann müsste sie ins Heim." Ich habe bereits zwei Pflegeheime im Rahmen einer Kurzzeitpflege meiner Frau kennengelernt. Es ist durchaus vorstellbar, dass sie ein Leben im Pflegeheim braucht, später vielleicht auch ich einmal. Aber solange ich das Gefühl habe, dass meine Frau noch nicht "reif" dazu ist, will ich die Pflege zu Hause weiter übernehmen. Ob ich das selbst allerdings nach nunmehr bereits zehn Jahren weiter tun kann, steht für mich als 80-Jähriger in den Sternen.
Woher nehmen Sie Ihre Kraft?
Ich gehe gern in die Berge, und ich mache viel Musik. Ich spiele Saxophon in zwei Bands.
Wer kümmert sich um Ihre Frau, wenn Sie mit Ihrer Band proben oder einen Auftritt haben?
Das ist ein Problem. Ich hatte zunächst eine Betreuerin von der Nachbarschaftshilfe, die stundenweise kam. Es hat sich aber bald gezeigt, dass meine Frau keine anderen Leute im Haus haben will. Also, entweder ist es so, dass ich nicht zur Probe gehen kann. Oder ich lasse sie allein, natürlich mit einer gewissen Angst: Wird alles gut gehen? Man sitzt dann in der Band und bibbert.
Eine neue Studie zeigt, dass Pflege für Angehörige zwar oft belastend ist, aber auch eine sehr schöne Erfahrung sein kann. Wie ist das bei Ihnen, gibt es Momente, die Sie glücklich machen?
Ja, es gibt solche Momente. Meine Frau wird immer lieber, manchmal streichelt sie mich. Sie räumt wahnsinnig gerne Geschirr aus. Wenn ich sage: "Die Spülmaschine ist fertig", dann strahlt sie. Und das freut mich dann auch.
Kai Klindt / www.senioren-ratgeber.de;
18.01.2012
Bildnachweis: W&B/Markus Dlouhy
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