Hilfe für pflegende Angehörige

Wer sich zu Hause um einen Pflegebedürftigen kümmert, ist häufig großen Belastungen ausgesetzt. Betroffene sollten nicht scheuen, sich rechtzeitig Unterstützung zu holen

von Dagmar Fritz, aktualisiert am 15.05.2015

Verdiente Kaffeepause: Einen Verwandten zu pflegen, ist oft harte Arbeit

iStock/Sylvia Jansen

In Deutschland sind in etwa 2,6 Millionen Menschen auf Pflege angewiesen. 1,8 Millionen von ihnen leben zu Hause, davon werden wiederum 1,2 Millionen von ihrem Partner oder von Familienmitgliedern betreut. Sie erbringen enorme Leistungen. Die Pflege kann eine große körperliche und seelische Belastung bedeuten. Unterstützung holen sich die meisten pflegenden Angehörigen erst dann, wenn sie selbst gesundheitliche Probleme bekommen. 

Pflegende Angehörige: Sieben-Tage-Woche bei 24-Stunden-Dienst

Wenn Krankheit im Alter den gemeinsamen Lebensabend überschattet, kann der Ruhestand unruhig werden: Pflegende Angehörige sind oft sieben Tage die Woche 24 Stunden lang im Dienst und versuchen, zu Hause den Bedürfnissen des kranken Menschen gerecht zu werden. Manche Krankheiten wie Demenz bringen zudem starke Persönlichkeitsveränderungen mit sich: Der sonst friedfertige Partner reagiert plötzlich aggressiv oder ist Tag und Nacht unruhig. Der vertraute Mensch ist einem fremd – der Ausnahmezustand wird zum Alltag.


"Häusliche Pflege führt Angehörige oft an ihre Belastungsgrenzen", sagt Anke Steinkohl von der Fachstelle für pflegende Angehörige beim Paritätischen Wohlfahrtsverband in München. Viele Angehörige versuchen so lange wie möglich den Partner zu Hause zu pflegen, achten dabei aber zu wenig auf sich selbst. Den Patienten beim Aufstehen helfen oder ihn im Pflegebett waschen: Körperliche Beschwerden wie Rückenschmerzen sind eine häufige Folge dieser schweren Pflegearbeit.

Überforderung und psychischer Druck

Auch psychische Belastungen durch die ständige Sorge um den Partner, die Last der Verantwortung, Schuldgefühle und schlechtes Gewissen treten oft auf. Das Gefühl der Überforderung macht sich durch Erschöpfung und Gereiztheit, aber auch durch Schlafstörungen und Verspannungen bemerkbar. Die Folge: Ein Drittel aller pflegenden Angehörigen wird selbst krank.

Pflegedienste können Angehörige entlasten

"Wenn Beschwerden wie Schmerzen und Schlaflosigkeit bei pflegenden Angehörigen auftreten, ist der Punkt schon lange erreicht, an dem sie sich Hilfe holen sollten", sagt Steinkohl. Sie empfiehlt, sich so früh wie möglich über Hilfsangebote zu informieren und Unterstützung von außen zuzulassen. Damit sie die Kosten für die Pflege nicht komplett selbst übernehmen müssen, können Angehörige bei den Pflegekassen Geld- und Sachleistungen beantragen. Unser Ratgeber beschreibt, wie Sie dabei am besten vorgehen.

Eine mögliche Form der Unterstützung ist zum Beispiel ein Mitarbeiter eines Pflegedienstes, der zu einem in die Wohnung kommt und dem Angehörigen beim Waschen des Pflegebedürftigen, aber auch bei weniger aufwändigen Tätigkeiten wie der Gabe von Medikamenten zur Hand geht. Pflege-Beratungsstellen vor Ort vermitteln zudem ehrenamtliche Helfer, die im Haushalt anpacken oder mit dem Pflegebedürftigen spazieren gehen.

Kurse und Austausch mit anderen

Damit Angehörige im Alltag besser mit der Pflegearbeit zurechtkommen, bieten die Pflegekassen – die den Krankenkassen angegliedert sind – spezielle Pflegekurse für Angehörige an. In ihnen lernen Teilnehmer Handgriffe, die für die Pflege wichtig sind. Sie helfen, Kraft zu sparen und Fehlbelastungen zu vermeiden.

Außerdem können sich Betroffene in Angehörigengruppen austauschen. In einigen Fällen kann eine Psychotherapie dabei helfen, mit der belastenden Pflegesituation besser klarzukommen und die nötige Abgrenzung zum Pflegenden zu erlernen.

Auszeiten von der Pflege nehmen

"Wichtig ist, dass pflegende Angehörige auch Zeit für sich haben, für ihre Freunde und Freizeitaktivitäten. Denn oft kommt mit der Arbeit für den anderen das eigene Leben zu kurz", sagt Steinkohl. Wer sich aufopferungsvoll um jemand anderen kümmert, sollte auch sich selbst hin und wieder Aufmerksamkeit schenken – und sich ohne schlechtes Gewissen eine Auszeit gönnen. Für einen Stadtbummel oder Tagesausflug gibt es die Möglichkeit, den Verwandten in einer Tagespflege betreuen zu lassen. Während eines Urlaubs besteht die Möglichkeit der Kurzzeitpflege in einem Heim. Manche Hotels haben sich sogar auf den Besuch von Pflegebedürftigen und den sie betreuenden Angehörigen spezialisiert.

Nicht immer muss die Unterstützung von außen kommen. "Viele pflegende Angehörige vergessen, das eigene Netzwerk zu aktivieren", sagt Steinkohl. Gemeint sind damit Verwandte, Nachbarn oder Freunde, die für ein paar Stunden dem pflegebedürftigen Menschen Gesellschaft leisten, damit der Angehörige etwas Zeit für sich hat.


Wo pflegende Angehörige Unterstützung finden

Wer sich um einen Angehörigen kümmert, sollte sich ausführlich informieren, wo er Unterstützung bekommen kann. Nützliche Internetadressen finden Sie hier (bitte hier anklicken).

 

Je nach Bundesland sind die Anlaufstellen für pflegende Angehörige unterschiedlich organisiert: In manchen Bundesländern gibt es Pflegestützpunkte oder Senioren- und Pflegeberatungsstellen, andere Bundesländer bieten Fachstellen für pflegende Angehörige an. Betroffene erkundigen sich am besten bei der Pflegekasse nach geeigneten Beratungsstellen. Die Kassen können auch qualifizierte Pflegeberater vermitteln.

 

Grundsätzlich hat jeder Krankenversicherte Anspruch auf eine individuelle Behandlung seines Falles und auf eine eingehende Beratung durch die Pflegekasse. Über die rechtlichen Rahmenbedingungen der Pflegeversicherung können sich Angehörige auch am Bürgertelefon des Bundesministeriums für Gesundheit informieren. Das Bürgertelefon hat die Rufnummer 030/340 60 66 02 und ist montags bis donnerstags von 8 Uhr bis 18 Uhr und freitags von 8 bis 12 Uhr besetzt.



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