Jede Jacke, Hose oder Bluse, die Elisabeth Bieniek-Patzsch aus Kleve auf das Papier bannt, erzählt zwei Geschichten. Eine von Leid und Krankheit – und eine von Hoffnung und Würde. „Wenn sich ein gelähmter Mensch einen Pullover ohne große Hilfe wieder allein anziehen kann, bedeutet das sehr viel für ihn“, sagt die Modeschöpferin.
Deswegen ist sie ständig auf der Suche nach maßgeschneiderten Ideen für pflegebedürftige Menschen. Hosen für inkontinente Patienten gibt es ebenso wenig als Massenware aus dem Kaufhaus wie speziell geschnittene Jacken für Rollstuhlfahrer. „Ich bespreche mit jedem Kunden individuell, was er sich vorstellt“, erzählt Bieniek-Patzsch. Häufig bitten Angehörige oder Pflegeprofis aus Heimen sie um fachmännischen Rat. In die Wünsche der Hilfesuchenden kann sich die 53-Jährige gut einfühlen. „Ich bin Krankenschwester und weiß, was es heißt, einen Schlaganfallpatienten an- und auszukleiden “, erklärt sie.
Für den Kranken wie für die Pflegenden ist das Anziehen oft eine Tortur. Deshalb greifen die Beteiligten gern zur Jogginghose. Sie passt zwar immer, kleidet aber meist wie ein Sack. Das zum Nachthemd umfunktionierte OP-Hemd ist hinten offen und praktisch – aber es stellt den Kranken bloß. Rollstuhlfahrer müssen sich häufig mit Kleidung abplagen, die vorne und hinten nicht passt. „Die Hose drückt beim Sitzen auf den Magen, und das Hemd rutscht im Rückenbereich aus der Hose“, klagt Petra Schürmann. Die Textildesignerin aus Oldenburg und ihr Team entwerfen Outfits für Menschen, die auf den Rollstuhl angewiesen sind. „Wir wollen Mode anbieten, die praktisch und modisch aussieht und sich nicht von herkömmlicher Konfektion unterscheidet“, sagt Schürmann.
Deswegen lässt sich oft erst auf den zweiten Blick erkennen, was der Clou daran ist: Mal sorgt ein Abnäher an der richtigen Stelle für Weite, mal garantieren zusätzliche Falten im Schritt für passenden Sitz, oder Reißverschlüsse entlang der Ärmelnaht erleichtern das Anziehen. „Jede Behinderung ist anders“, betont Schürmann. Entsprechend variationsreich zeigt sich die Mode, die Kranken oft buchstäblich auf den Leib geschneidert wird. Hersteller bieten Modelle aber auch per Katalog oder im Internet an. Außerdem besteht die Möglichkeit, sich auf Reha- und Pflegemessen beraten zu lassen. Pflegeprofis kennen die Termine, die auch im Internet zu finden sind.
Viel Auswahl haben Kunden nicht. Bundesweit haben sich bislang nur wenige Textilhersteller auf die Wünsche gebrechlicher Menschen eingestellt. Vielleicht weil sich das Thema Krankheit auf dem Laufsteg schlecht vermarkten lässt. Oder Modedesigner sich scheuen, mit gelähmten oder inkontinenten Models auf Tuchfühlung zu gehen. „Das erfordert eine Menge Fingerspitzengefühl“, weiß Petra Schürmann aus Erfahrung. Kleidung mit dem gewissen Extra, vor allem Maßanfertigungen, kostet mehr als herkömmliche Ware von der Stange. Abhängig von Anbieter und Aufwand müssen Interessierte in der Regel ab 100 Euro aufwärts (plus Materialkosten) zahlen.
„Krankenkassen geben keinen Zuschuss“, beklagt Svenja Berges aus Marienheide. Die Unternehmerin bietet Capes, Schlupfsäcke und Sitzschalen für Rollstuhlfahrer an. Ihre Beobachtung: „Für junge Menschen wird viel getan. Doch oft fehlt das Bewusstsein, dass auch ältere Pflegebedürftige ein Recht auf Mode haben, die bequem ist, aber ihre Würde wahrt.“
Elisabeth Bieniek-Patzsch erlebt das täglich, und freut sich, wenn es anders läuft. „Ich habe für einen schwerbehinderten 50-Jährigen eine Jacke entworfen“, erinnert sie sich. „Als er sie zum ersten Mal anhatte, lächelte er seit langer Zeit wieder einmal.“ Manchmal ist der Stoff, aus dem Träume sind, aus Baumwolle und rot.
Raphaela Birkelbach / Senioren Ratgeber;
25.05.2012
Bildnachweis: Thinkstock/iStockphoto
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