Jedes Mal, wenn der Pflegedienst zu Christine A. nach Hause kam, prägte sie sich die Handgriffe der Mitarbeiter ganz genau ein. Seit 16 Jahren versorgt sie ihren Ehemann Günter – er hatte einen Schlaganfall, vor Kurzem diagnostizierten die Ärzte bei ihm Krebs. Er kann nicht mehr gehen, nicht mehr stehen, mittlerweile auch keinen Becher mehr halten.
„Wie dreht man jemanden im Bett, der 80 Kilo wiegt – ich lernte durch Zuschauen“, sagt die 66-Jährige aus Gera. Und dennoch: Als sie vor die Gruppe tritt, um Krankenschwester Franziska im Pflegebett zu Übungszwecken auf die Seite zu drehen, ist sie sich nicht sicher: Mache ich alles richtig?
Sogleich wird sie von Kerstin Kuttner, der Kursreferentin, korrigiert. „Nie den Patienten an Knie oder Ellbogen nehmen – immer an Schultern und Hüfte.“ Christine A. nickt, stellt die Beine von Franziska an, schiebt eine Hand unter die Hüfte, die andere unter die Schulter, und mit Schwung befördert sie Franziska auf die Seite.
Mit ein wenig zu viel Schwung, Franziska rollt auf den Bauch. Die Zuschauerinnen prusten los – auch Christine A. kann sich ein Grinsen nicht verkneifen und weiß, dass gleich wieder ein Tipp von Kerstin Kuttner folgt.
„Ihr Mann ist schwerer als Franziska, aber das Prinzip ist immer dasselbe: Einen Kranken immer langsam wenden, alles Ruckartige tut ihm weh, und man riskiert sogar, dass er aus dem Bett kullert“, erklärt diese und übt mit der Teilnehmerin ein weiteres Mal den Ablauf. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich nach all den Jahren noch so viel lernen kann“, sagt Christine A..
Im Raum des Pflegedienstes Pauline in Gera steht heute der Kurs für pflegende Angehörige auf dem Programm. An insgesamt neun Abenden vermitteln hier Kerstin Kuttner, eine erfahrene Krankenschwester, und die Pflegedienstleiterin Iris Kühnel im Auftrag der AOK Plus Angehörigen wie Christine A., wie sie sich den Alltag mit Mutter, Vater oder Partner erleichtern und gleichzeitig die Qualität ihrer Pflege verbessern können.
Ganz locker, aber stets praxisbezogen: Wie beugt man Stürzen vor? Wie wäscht man Bettlägerige? Was kann ich machen, wenn der Kranke auf den Boden fällt? Welche Techniken entlasten meinen Rücken? Daneben beantworten die Pflegeexpertinnen Fragen wie: Welches Hilfsmittel steht mir zu? Wie beantrage ich eine Pflegestufe? Gibt es gesetzliche Möglichkeiten, mich zu entlasten?
Die zwölf Teilnehmerinnen sitzen um einen liebevoll gedeckten Tisch, auf dem Kaffee- und Teekannen sowie Apfel- und Streuselkuchen stehen. Manche haben ihre Fragen auf Zettel notiert – andere halten Stift und Notizbuch bereit, um während der Stunde mitzuschreiben. Ingeborg Kirchner und Evelyn Simon sind gerne die Ersten.
„Ich mag es, vor der Stunde noch ein wenig in Ruhe zu plaudern – so spüre ich, dass es noch andere Menschen mit ähnlichen Sorgen gibt“, sagt Kirchner, die ihren herzkranken Mann zu Hause pflegt. Auch sie, die bereits seit zwölf Jahren Erfahrung in der Pflege hat, profitiert von dem Kurs. „Früher, als ich meinen Mann aus dem Bett hieven wollte, hab ich ihn eben irgendwie genommen – er rief dann immer ‚Inge, lass das, das tut mir weh!‘ Ich wusste es doch nicht besser.“
Als Kerstin Kuttner etliche Hilfsmittel – unter anderem ein Rutschbrett und eine aufblasbare Haarwaschwanne – in die Runde reicht, blicken die Frauen gespannt darauf. Christine A. nimmt die weiße Wanne in die Hand und betastet sie neugierig. „Viele dieser Hilfsmittel kenne ich überhaupt nicht“, staunt sie. „Es ist unglaublich hilfreich, zu sehen, was es alles gibt!“
Dazulernen, sicherer werden, sich austauschen, Sorgen loswerden, Kontakte knüpfen – für manch einen bedeutet der Kurs auch eine Standortbestimmung in eigener Sache. Wie viel Pflege traue ich mir (noch) zu? Was passiert, wenn sich der Gesundheitszustand meines Angehörigen verschlechtert? Kann ich das alleine schaffen?
Gedanken wie diese hat Maria H. täglich: „Seitdem meine Mutti auf der Treppe gestürzt ist, braucht sie jemanden, der für sie einkauft, das Essen kocht und ihr beim Anziehen hilft. Bis lang klappt das ganz gut – ich habe mir Hilfe von einem Pflegedienst geholt. Aber was passiert, wenn Mutti rund um die Uhr Hilfe braucht? Kann ich mir die Pflege dann noch leisten? Durch die Gespräche der Teilnehmerinnen hier habe ich nun eine Vorstellung davon, was es heißt, wenn man wirklich ständig parat stehen muss.“
Mehr als zwei Drittel aller pflegebedürftigen Älteren werden zu Hause von ihren Angehörigen versorgt. Das sind rund 1,6 Millionen. Das ist positiv für die Kranken, weil die meisten von ihnen in den eigenen vier Wänden bleiben möchten. Die Angehörigen allerdings sind mit der Situation oft körperlich und seelisch überfordert. Das ständige Heben und Stützen, die fehlende Freizeit, der chronische Schlafmangel.
Um Angehörige zu unterstützen, bieten Krankenkassen, karitative Einrichtungen und Seniorenbüros Kurse an, in denen man Handgriffe gezeigt bekommt, aber auch Antworten auf ganz individuelle Fragen erhält. Bezahlt werden die Trainingskurse von den Pflegekassen. Die Kurse dauern meist 10 bis 15 Doppelstunden und finden entweder abends oder kompakt am Wochenende statt – und vermehrt im Frühjahr oder Herbst. Fragen Sie bei Ihrer Krankenkasse oder der Gemeinde nach. Adressen finden Sie auch in den Gelben Seiten.
Petra Haas, Senioren Ratgeber;
21.03.2012
Bildnachweis: W&B/Jürgen Lösel
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