Mehr Selbstständigkeit für Pflegebedürftige

Aktivierende Pflege nennt sich ein spezielles Konzept, bei dem der Pflegebedürftige kleine alltägliche Dinge selbst macht. Das kostet zwar Zeit, lohnt sich aber für alle Beteiligten

von Raphaela Birkelbach, aktualisiert am 22.01.2016

Aktivierende Pflege: Reichen Sie Patienten die Hand zur Selbsthilfe

Thinkstock/istock

Nach 61 Ehejahren hat Friedrich T. das Doppelbett zersägt, um seiner Maria nah zu sein. Ein Holzbett reicht ihm. "Meine Frau braucht nun ein Pflegebett", sagt der 84-jährige Tischler aus München. Zärtlich streichelt er ihren Arm. "Ich wünsche mir, dass sie bald wenigstens im Rollstuhl sitzen kann."

Ob es die 85-jährige Schlaganfallkranke schaffen wird? Kann sie irgendwann wieder ihre Bluse zuknöpfen, eine Suppe löffeln oder eine widerspenstige Strähne aus dem Gesicht streichen? Für rund 2,5 Millionen pflegebedürftige Menschen in Deutschland ist jeder einzelne Handgriff ein Kraftakt. Täglich erleben sie, wie mutlos Gebrechlichkeit machen kann. Umso wichtiger ist es, sie anzuspornen, findet Marlies Beckmann, Professorin für klinische Pflege und Pflegewissenschaft an der Fachhochschule Frankfurt. "Wir müssen vorhandene Fähigkeiten erhalten und fördern."  


Hilfe zur Selbsthilfe

Aktivierende Pflege nennen Fachleute das spezielle Konzept, das auf mehr Selbstvertrauen zielt. Etwa bei der Körperpflege: "Wenn ich nur den Ellenbogen stütze oder die Hand führe, kann der Kranke selbst mit dem Waschlappen durch sein Gesicht fahren", erläutert Medizin-Pädagogin Beckmann. Solche vertrauten Handgriffe, die anfangs ungelenk wirken mögen, sitzen rasch wieder – und fördern die Geschicklichkeit, weil das Gehirn neue Impulse erhält. 

Aktivierende Pflege kann auch bedeuten, einem Gelenkkranken vor dem Aufstehen seine Schmerzmittel zu geben, damit er ohne viel Hilfe aus dem Bett kommt. Oder Möbel so zu platzieren, dass ein kurzatmiger Patient beim Gang durch die Wohnung ausruhen kann und sie Tritt-unsicheren eine Stütze bieten. Wessen Kraft in den Händen nachlässt, der kommt mit einem verdickten Griff von Gabel und Haarbürste oft besser klar. Beim Rasierer und bei der Zahnbürste "tut man sich mit einer elektrischen Ausführung leichter", schlägt Johanna Knüppel vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) vor.

Pflegebedürftigen nicht alle Aufgaben abnehmen

Bei einem Demenzkranken sollte lieber alles beim Alten bleiben: "Hält er eine herkömmliche Zahnbürste in der Hand, erinnert er sich eher an Abläufe von früher", sagt Knüppel. Das gilt auch für Jacke und Hose: Werden sie in der richtigen Reihenfolge auf den Stuhl gelegt, fällt es einem unsicheren Menschen leichter, sich anzukleiden.

Danebenzustehen ist oft besser, als anzupacken. Doch Angehörige nehmen Kranken gern alle Aufgaben ab. Ungefragt wischen sie ihnen den Mund ab, kämmen ihnen die Haare oder richten die Mahlzeiten. Weil es schneller geht, argumentieren sie – und liegen damit auf den ersten Blick nicht falsch. "Aktivierende Pflege benötigt mehr Zeit", bestätigt die Expertin vom DBfK. "Doch wer glaubt, schneller fertig zu sein, wenn er selbst zum Waschlappen greift, irrt. Dadurch verlernt der Kranke vieles, wird hilfloser, und die Pflege dauert dann am Ende länger."

Patienten einbeziehen

Maria T. hilft inzwischen mit, wenn ihr Mann sie bettet. "Anfangs konnte sie ihren Kopf nicht heben, der ist immer nach hinten gefallen", erinnert sich Friedrich T. Seit dem Schlaganfall im Februar dieses Jahres liegt die Seniorin pflegebedürftig in ihrem neuen Bett, die Muskeln ihrer linken Körperhälfte gehorchen ihr nicht mehr. "So eine Pfundsfrau, das gibt’s doch nicht", sagt Friedrich T. mit Tränen in die Augen. Wie gerne hat Maria mit ihm das Leben bestaunt: den Apfelbaum vorm Fenster oder die Fotos von der Familie, die an der Wand im Schlafzimmer hängen. "Maria, guck doch!", zeigt er sie auch jetzt immer wieder. Schön, dass seine Frau so neugierig geblieben ist. Heute hebt sie den Kopf, wenn er das Kissen sanft darunterschiebt.

Sich einfühlen. An Vorlieben anknüpfen. Üben .... Genau die richtige Einstellung, um Kranke zu ermuntern, weiß Pflegedienstleiterin Heike Reuter aus Bielefeld. Doch was, wenn sich der parkinsonkranke Partner an der Tasse Kaffee verbrüht? Ist die schmerzgeplagte Mutter überfordert, wenn sie aufstehen soll? "Fragen Sie, falls möglich, den Betreffenden selbst", rät Reuter allen, die aus lauter Sorge lieber nichts anstoßen. Die Krankenschwester leitet einen ambulanten Pflegedienst, und sie erkundigt sich anfangs bei jedem neuen Patienten: Wie hilfsbedürftig sieht er sich selbst? Was würde er gerne künftig tun? "Diese Selbstdarstellung dokumentieren wir."

Körperliche Nähe zulassen

Fachleute haben gut im Blick, ob Wunsch und Realität zusammenpassen. "Keiner erwartet von Angehörigen, dass sie gleich alles richtig machen", betont Marlies Beckmann aus Frankfurt. Unterstützung erhalten Interessierte in speziellen Kursen. Eine andere gute Schule: Pflegekräften, die ins Haus kommen, über die Schulter schauen. "Angehörige sollten darauf achten, dass der ambulante Dienst tatsächlich aktivierend pflegt", rät Beckmann. Fragt der Mitarbeiter, was der Kranke selbst noch kann, und lässt er ihm Zeit, darauf zu antworten? Wichtig ist auch, wie er den Angehörigen berührt. "Er sollte nah bei ihm sein", betont die Frankfurter Pflegewissenschaftlerin.

"Körperlichkeit ist ganz wichtig." Auch viele Angehörige lassen körperliche Nähe nicht zu, erlebt die hessische Professorin. "Aber sie ist das Wichtigste, um mit dem anderen in Bewegung  zu kommen."

Friedrich T. ist stets hautnah dabei. "Und hoch. Und runter." Konzentriert bewegt er das rechte Bein seiner Frau – so wie es auch der ambulante Pflegedienst macht, der täglich zu ihnen kommt. Heute schaut Irmgard Oberhuber nach dem Rechten. "Dieses Durchbewegen der Gelenke lässt sich gut in Pflege einbinden", erklärt die Krankenpflegerin. Gerade hat sie Maria T. gewaschen. "So, nun setze ich Sie auf die Bettkante", erklärt sie der 85-Jährigen. Mit gezielten Handgriffen befördert sie die Seniorin in die Senkrechte, dann setzt sie sich neben sie und legt ihr liebevoll den Arm um die Schultern. "Jetzt Kopf hoch", sagt sie. Gesagt, getan. Maria T. schaut nach vorn in den Spiegel.

Der Patient gibt das Tempo vor   

Klare, eindeutige Ansagen helfen oft aus der scheinbaren Sackgasse Krankheit. Ob Haarekämmen oder Waschen des Rückens: "Beschreiben Sie laut, was sie gerade machen", empfiehlt  Krankenpflegerin Oberhuber. Das Tempo gibt der Patient vor. Fordern, nicht überfordern, ist die Devise. "Es hängt immer von der Tagesform ab, ob ich aktivierend pflegen kann", erklärt die Pflegerin. Schon bei leichten abwehrenden Bewegungen ihrer Patientin weiß sie: Heute geht nichts.

Vielleicht klappt morgen mehr. Jeder Patient reagiert anders auf Ansprache, wägt Heike Reuter aus Bielefeld ab. Macht ein Patient dicht, lässt sie ihn auch mal allein werkeln und zum Beispiel in aller Ruhe allein sein Hemd zuknöpfen. "Wenn jemand ständig neben mir stehen und sagen würde,  was ich zu tun habe, wäre ich auch genervt", fühlt die Krankenschwester mit. Stößt sie mit aktivierender Pflege an ihre Grenzen, bindet sie mitunter Außenstehende ein. Vielleicht schaffen es ja Enkel Max oder Pudel Otto mit ihrer Fröhlichkeit, eine aufmunternde Atmosphäre zu verbreiten.

Wünsche des Patienten akzeptieren

Springt der Funke nicht über, sollten Pflegende innehalten. "Weigert sich jemand strikt mitzumachen, muss  ich das tolerieren. Ich darf mein Wohlgefühl nicht auf andere herunterbrechen", fordert Heike Reuter.

Friedrich T. gibt so schnell nicht auf. Für seine Ehefrau Maria hat er von ihrem Lieblingsitaliener Gulasch und Mascarpone zubereiten und pürieren lassen. "Das isst sie doch so gerne."



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