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Mit Demenz in der Klinik:
„Angehörige sind die Brücke“

Die Betroffenen brauchen im Krankenhaus extra Unterstützung. Dr. Susanne Angerhausen erklärt, warum

Senior mit Enkelin

Angehörige kennen den Demenzkranken am besten. Sie können dem Pflegepersonal helfen, wenn sie wichtige Informationen weitergeben

Frau Dr. Angerhausen, Sie beklagen, dass demenzkranke Patienten im Krankenhaus nicht richtig betreut werden. Woran liegt das?

 

Häufig ist nicht bekannt, dass ein Patient unter Alzheimer leidet. Aber viele Ärzte und Pflegekräfte wissen auch zu wenig, worauf sie in der Behandlung und Versorgung demenzkranker Patienten besonders achten müssen. Im Umgang mit Demenzkranken nicht geschult und unter Zeitdruck, sind sie zudem schnell überfordert.

 

Was bedeutet das für die Kranken?

 

Es ist für sie extrem verstörend. Sie werden plötzlich aus einer vertrauten Umgebung gerissen, oft ohne zu wissen, warum. Um sie herum sind nur fremde Menschen. Je nach Erkrankung haben sie womöglich Schmerzen und müssen unangenehme Untersuchungen über sich ergehen lassen.


Dr. Susanne Angerhausen

Die Soziologin Dr. Susanne Angerhausen engagiert sich beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Nordrhein-Westfalen für die Belange Demenzkranker im Krankenhaus. Sie hat das Modellprojekt „Blickwechsel! Nebendiagnose Demenz“ geleitet

Wie reagieren die Kranken darauf?

 

Viele Patienten werden erst im Krankenhaus auffällig: Sie reagieren mit Unruhe, ziehen sich Infusionsschläuche aus dem Arm oder laufen weg. Oder die Kranken zeigen sich ängstlich: Sie ziehen sich in sich zurück, liegen starr im Bett, nässen ein, verweigern Medikamente oder essen und trinken nicht mehr genug. Viele Demenzkranke bauen im Akutkrankenhaus geistig wie körperlich ab. Begünstigt durch Stress, Narkosemittel oder bestimmte Medikamente entwickeln manche Patienten eine Art Delir, was den Zustand weiter verschlechtern kann.

 

Sie haben das Modellprojekt „Nebendiagnose Demenz“ geleitet. Was kann man sich darunter vorstellen?

 

Mit unseren Partnern, den Akutkrankenhäuser in Viersen, Herdecke, Köln-Porz und Essen, haben wir uns die Versorgung Demenzkranker angesehen und gemeinsam überlegt, was man wie verbessern kann. Daraus haben wir dann Konzepte erarbeitet, um vor Ort die Versorgung Demenzkranker und ihrer Angehörigen zu verbessern.

 

Was haben Sie konkret gemacht?

 

Wir haben zum Beispiel auf Modellstationen Zimmer nach den besonderen Bedürfnissen Demenzkranker eingerichtet. Um ihnen die Orientierung zu erleichtern, hat das Pflegepersonal Schilder oder bunte Punkte an den Türen angebracht, zusätzlich sorgt ein Weglaufsystem für mehr Sicherheit. Die Patienten essen, lesen und spielen gemeinsam auf der Station. Ein anderes Beispiel: Schon bei der Aufnahme des Patienten hat das Pflegepersonal mit Hilfe eines biografischen Fragebogens einen individuellen Betreuungsplan für den Demenzkranken erstellt. Und Ärzte haben Verfahren entwickelt, um eine Demenz in der Behandlung der akuten Erkrankung besser zu berücksichtigen.

 

Aber das funktioniert doch nur, wenn Angehörige Auskunft geben können?

 

Das stimmt: Angehörige sind in der Regel die Brücke zwischen Klinikpersonal und Demenzkranken. Sie können dem Pflegeteam wichtige Hinweise über seine Biografie, seine Fähigkeiten, Bedürfnisse und zu ihren Erfahrungen im Umgang mit dem Patienten geben. Ich empfehle jedem Angehörigen, solche Informationen vorab schriftlich zu notieren. Wenn der Demenzkranke plötzlich in die Klinik muss, kann man diese Notizen dem Personal geben oder sie auffällig zum Gepäck legen.

 

Was sollte man alles notieren?

 

Zum Beispiel die Essgewohnheiten des Kranken. Oder seine Hauptbeschäftigung zu Hause. Ein Beispiel: Wenn eine demenzkranke Frau gerne strickt, kann sie das auch in der Klinik tun, falls es die Grunderkrankung zulässt. Dann ist sie abgelenkt. Das Personal kann sich auch besser auf den Kranken einstellen, wenn es weiß, worauf der Patient zu Hause unruhig reagiert, was ihm in dieser Situation hilft oder wie sein Tagesablauf aussieht.

 

Können Angehörige Demenzkranke auf das Krankenhaus vorbereiten?

 

Oft ist es nicht möglich, dem Kranken zu erklären, was passieren wird. Aber Angehörige können indirekt helfen. Sie sollten sich vorab informieren, welches Krankenhaus Erfahrung im Umgang mit Demenzkranken hat. Meist sind Kliniken, in der es eine Geriatrie gibt, besser auf geistig verwirrte Patienten eingestellt. Außerdem sollten sie sich vor dem Klinikaufenthalt um eine Betreuungsvollmacht für den Patienten kümmern. Häufig liegt keine vor, was zu Verzögerungen im Krankenhausalltag führt und den Demenzkranken zusätzlich belastet.

 

Sollten Angehörige zusammen mit dem Patienten ins Krankenhaus?

 

Manche Krankenhäuser bieten das an, und wenn Angehörige das möchten, ist es hilfreich. Aber viele pflegende Angehörige sind oft am Rande ihrer Belastbarkeit. Es kann sinnvoller sein, nur für ein paar Stunden ins Krankenhaus zu kommen und in der restlichen Zeit neue Kraft zu schöpfen und sich auf die Entlassung einzustellen. Die Krankenhäuser sind dazu verpflichtet, die Versorgung nach dem Krankenhausaufenthalt vorzubereiten. Mitarbeiter der Sozialdienste oder der so genannten Pflegeüberleitung helfen dabei.



Raphaela Birkelbach, Senioren Ratgeber / GesundheitPro; 04.12.2008
W&B/Rainer Unkel, Stockbyte/ RYF

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