Für ein Foto möglichst viele Bewohner aus der Inselstraße in Friedrichsthal zusammentrommeln? Für Harald Kraußhaar kein Problem. „Da finden sich schon genug zusammen“, ist der 51-Jährige zuversichtlich. Denn er weiß: Teamgeist wird in seiner Nachbarschaft großgeschrieben. Die „Insulaner“ feiern nicht nur jährlich ein ausgelassenes Straßenfest, bereiten eine gemeinsame Weihnachtsfeier vor oder treffen sich fast jeden Freitag zum Boulespielen. „Wir helfen uns in der Straße untereinander, so gut wir können“, betont Kraußhaar.
Etwa bei der Gartenarbeit. Fällt sie einem nicht mehr so rüstigen Bewohner schwer, gehen ihm jüngere Nachbarn bald zur Hand. Hans-Joachim Cornelius ist ebenfalls froh über die Hilfsbereitschaft in seinem Umfeld, er ist auf den Rollstuhl angewiesen. „Der Harald fährt mich oft schnell mal mit dem Auto zum Arzt oder woanders hin“, erzählt der 51-Jährige. „Das tut schon gut hier mit den Leuten in der Straße“, sagt er dann leise.
Derselben Ansicht ist Elisabeth Marx, die ein paar Häuser weiter wohnt. Seit 86 Jahren, ihr ganzes Leben, ist die Bergmannssiedlung ihr Zuhause. „Ich war immer hilfsbereit“, sagt sie. Bei ihr klingelt oft der Postbote. „Ich nehme ihm die Päckchen für die Berufstätigen ab. Und ich passe auf Kinder auf, wenn die Eltern wegmüssen“, erzählt die Witwe.
Nachbarschaft hat Konjunktur
So gut kann das Miteinander von Tür zu Tür funktionieren. Immer mehr Menschen lassen sich darauf ein, Nachbarschaftsprojekte haben in Deutschland Konjunktur. „Jedes hat seine eigene Größe, Struktur und individuelle Geschichte“, beobachtet Annette Scholl vom Kuratorium Deutsche Altershilfe in Köln (KDA). Manchmal tun sich wie in Friedrichsthal Leute aus einer Straße zusammen, um sich unverbindlich zu unterstützen. Andere organisieren sich im Verein einer Wohnungsgenossenschaft, wieder andere machen sich für mehr Zusammenhalt in dem Mietshaus stark, in dem sie leben. Sogar im Hochhaus ist aktive Nachbarschaft möglich.
Senioren profitieren von diesem besonderen Gemeinschaftsgefühl. „Mit der vertrauten Wohnumgebung verbinden Ältere Kontinuität und Identität“, sagt Annette Scholl. Jenseits der 70 wird für viele von ihnen das Gespräch mit dem Nachbarn über den Gartenzaun immer wichtiger. Die Kinder wohnen häufig weit weg, Freunde sterben, die Kräfte lassen nach. „Der Aktionsradius engt sich im Alter immer mehr ein“, gibt Scholl zu bedenken.
Lust auf Geselligkeit hört nie auf
Wer immer mehr auf Hilfe anderer angewiesen ist, spürt das besonders. Dr. Josefine Heusinger, Soziologin aus Berlin, hat gebrechliche Senioren gefragt, wie wichtig ihnen Nachbarn sind, und erfahren: sehr wichtig. „Die Lust auf Geselligkeit hört nie auf“, betont Heusinger. Der soziale Austausch vermittelt aber vor allem Sicherheit. Wo gibt es einen guten Orthopäden in der Nähe? Taugt der ambulante Pflegedienst um die Ecke? Wo bekomme ich laktosefreie Milch? Wer mit einem unter einem Dach oder im gleichen Viertel wohnt, kann das am besten beantworten. „Stimmt die Chemie, sind diese Nachbarn auch für einen da, wenn man plötzlich auf Hilfe angewiesen ist“, so die Berliner Altersexpertin.
Das Hochhaus ist eine gute Adresse
Erika Köster (74) weiß das. „Als ich mir den Fuß gebrochen habe, hat mir jemand den Müll hinuntergebracht, ist einkaufen gegangen und hat die Post geholt“, sagt sie. Seit neun Jahren lebt die Alleinstehende in Dortmund im Hochhaus. Die Hausgemeinschaft in dem zwölfstöckigen Gebäude gefällt ihr. „Ich denke, da haben wir ganz viel Frau Herold zu verdanken“, sagt Köster. Doch die Genannte wiegelt sofort energisch ab. „Ich habe halt 50 Antennen, ich bekomme sofort mit, wenn jemand Hilfe braucht“, sagt Hansine Herold.
Seit 23 Jahren lebt die 65-Jährige in dem Hochhaus. „Anfangs war es schlimm hier“, erinnert sie sich. Ein herzliches Beisammensein unter den Mietern? Unvorstellbar. Für die Krankenschwester stand schnell fest: „Hier muss ich was ändern.“
Herold und einige Mitstreiter haben sich damals an die Hausverwaltung gewandt, einen Gemeinschaftsraum organisiert und unermüdlich bei den anderen für gute Nachbarschaft geworben. Heute ist „Langeloh 4“ eine gute Adresse für ältere Mieter, etwa zwei Drittel der Bewohner sind über 50, viele alleinstehend. Sie treffen sich jeden Mittwoch zum Kaffee, der Garten ist ein beliebter Treffpunkt für Spielrunden und Feste, Busausflüge stehen regelmäßig auf dem Programm. „An Geburtstagen stellen wir Bewohnern Kerzen vor die Tür und bringen ein Ständchen“, erklärt Herold.
Nachbarschaft braucht Pioniere
Erika Köster ist das zu viel. Geburtstagsständchen lehnt die 74-Jährige grundsätzlich ab. „Ich bin dafür kein Typ“, sagt sie. Gern gesehen ist sie beim gemeinsamen Kaffeetrinken trotzdem. So viel Toleranz ist nicht selbstverständlich. „In einer Nachbarschaft müssen völlig fremde Menschen miteinander zurechtkommen“, gibt Annette Scholl vom KDA zu bedenken. Treffen unterschiedliche Vorstellungen von Ruhe und Sauberkeit unter Bewohnern aufeinander, drohen schnell Konflikte. Die Balance zwischen Distanz und Nähe zu finden, fordert. „Viele Nachbarn halten heute bewusst Abstand und vermeiden Verpflichtungen“, sagt Annette Scholl.
Älteren, die sich schwertun, Hilfen anzunehmen, macht Josefine Heusinger aus Berlin Mut: „Viele wissen nicht, wie sie diese zurückgeben sollen. Aber Unterstützung muss nicht immer eins zu eins aufgerechnet werden“, sagt sie. Ein Glas selbst gemachte Marmelade tut es auch – oder ein schöner Blumenstrauß, vielleicht ein kleines Trinkgeld.
Alle Erfahrungen zeigen: Um Nachbarschaft nachhaltig anzuregen, braucht es Pioniere wie Harald Kraußhaar aus Friedrichsthal und Hansine Herold aus Dortmund. Also Menschen, die das Heft in die Hand nehmen und sich nicht so schnell entmutigen lassen (siehe Interview unten). Tun sie den ersten Schritt, kann ein Stein ins Rollen kommen. „Manche Ältere brauchen eine direkte Ansprache. Danach trauen sie sich selbst, auf andere zuzugehen“, erklärt Heusinger.
Netzwerke stärken das Wohlgefühl
Das soziale Miteinander im Wohnumfeld wird künftig das Wohlgefühl der über 70-Jährigen immer mehr beeinflussen, ist sich Professor Gerhard Naegele sicher. Der Altersforscher von der Universität Dortmund fordert daher die Kommunen auf, privates Engagement in Sachen lebendige Nachbarschaft gezielt zu unterstützen: Ob Pflegestützpunkte, ambulante Pflege, Beratungsstellen oder Begegnungsstätten für Senioren, „der Aufbau sozialer Initiativen und Netzwerke für ältere Menschen gehört in Städten und Gemeinden zu den großen Herausforderungen der Zukunft“.
Harald Kraußhaar trägt seinen Teil dazu bei. Der Vorruheständler berät Senioren im „Verband Wohneigentum Saarland“ in sozialrechtlichen Fragen. „Sie fühlen sich doch vielfach damit alleingelassen“, meint er. „Da kann ich gut helfen.“
Nachgefragt: "Mitstreiter suchen"
Frau Scholl, was ist der erste Schritt, um selbst ein Nachbarschaftsprojekt anzuregen?
Einen konkreten Plan aufstellen: Wie soll das Projekt aussehen? Es gibt nicht nur eine Form von Nachbarschaft. Wichtig ist, sich Mitstreiter zu suchen, damit die Organisation nicht nur auf einer einzelnen Schulter ruht.
Welche Fähigkeiten sind gefragt?
Spaß an Geselligkeit, Geduld, Diplomatie, die Fähigkeit, Konflikte offen anzusprechen, und der Mut, öffentlich zu moderieren.
Reicht das aus, um Nachbarn zum Miteinander zu bewegen?
Wichtig ist, die Privatsphäre des Einzelnen zu wahren. Es sollten öffentliche Räume für die Nachbarschaftstreffen zur Verfügung stehen. Hier können Wohlfahrtsverbände oder Wohnungsgenossenschaft helfen. Diese zeigen sich meist recht aufgeschlossen gegenüber solchen Ideen.
Annette Scholl ist Expertin für Wohnen und bürgerschaftliches Engagement beim Kuratorium Deutsche Altershilfe in Köln
Raphaela Birkelbach / Senioren Ratgeber;
11.07.2011
Bildnachweis: W&B/Thomas Pflaum, W&B/Privat, W&B/Antonio Bello
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