Mathilde B. hat jeden Vers im Kopf. Meistens genügt ein Stichwort, und sie legt sofort los. Heute ist Goethe an der Reihe. Mit wachem Blick zitiert die 83-Jährige den „Erlkönig“: „Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?“, fragt sie ihn. Er steht vor ihr und strahlt. „Dir geht es gut, nicht wahr?“, sagt Manfred B. leise zu seiner Mutter, dann drückt er sie an sich.
Der 61-jährige Frührentner ist froh. „Sie hat lange bei mir gewohnt, aber das ging nicht mehr“, erzählt Manfred B.. Seit Herbst 2010 wohnt seine Mutter im „Haus Schlossberg“ in Höchstadt an der Aisch. In der ambulant betreuten Wohngemeinschaft (WG) für Demenzkranke lebt Mathilde B. mit zehn anderen Bewohnern zusammen. Rund um die Uhr kümmern sich Fachkräfte um die Belange der WG-Mitglieder, stets nach Absprache mit deren Angehörigen oder rechtlichen Vertretern.
Derzeit leben weit mehr als eine Million demente Menschen in Deutschland. „Schreitet die Krankheit fort, sind die meisten mit der Pflege zu Hause überfordert“, sagt Demenzforscher Johannes Pantel von der Universität Frankfurt am Main. In 40 Prozent der Fälle geben Angehörige sie in fremde Obhut, meist in ein Heim.
Das Interesse an Wohn- und Hausgemeinschaften wächst aber. Schätzungsweise mehrere Hundert gibt es bundesweit, in denen Pflegeprofis Tag und Nacht die Hilfebedürftigen betreuen. „Aus ihrem vertrauten Zuhause gerissen, sind Demenzkranke besonders auf Schutz angewiesen“, betont Pantel.
Die Verantwortlichen meistern diese Herausforderung unterschiedlich, beobachtet Prof. Martina Schäufele von der Hochschule Mannheim. „Viele Einrichtungen leisten Vorbildliches, bei anderen hält die Praxis nicht das, was der Hochglanzprospekt verspricht. Angehörige sollten sich vor Ort vom Angebot überzeugen“, rät die Gerontologin.
Für ihre repräsentative Studie hat sie zahlreiche Heime untersucht. „Immerhin bieten etwa 60 Prozent von ihnen betreuerische Konzepte für Demenzkranke an.“ Zum Beispiel Biografiearbeit, hier knüpfen Fachkräfte an das frühere Leben der Alzheimer-Patienten an. Andere pflegen nach dem Konzept der Validation; ihnen ist es wichtig, Bewohner in ihrer eigenen Welt wertzuschätzen, ohne sie zu korrigieren.
Mathilde B. aus der Demenz-WG versteht Belehrungen ohnehin nicht. Die 83-Jährige hat gerade ein Stück Auflauf verspeist. „Ich habe noch nichts gegessen“, beschwert sie sich. „Gucken Sie mal, hier gibt es was Leckeres“, reagiert die gerontopsychiatrische Fachkraft Manuela Groß-Meier sofort und schiebt ihr ein kleines Stück herüber. „Danke“, sagt Mathilde B. und strahlt. Wohlfühlatmosphäre pur.
„Der wichtigste Faktor, damit sich Bewohner heimisch fühlen, ist im Umgang mit Demenz geschultes Personal“, erklärt Schäufele. Gut tut es ihnen aber auch, wenn sie in einen fast familiären Alltag miteingebunden sind – also Kartoffeln schälen oder Blumen im Garten pflanzen dürfen. Positiv reagieren Demenzkranke auch, wenn sie in separaten Wohnbereichen leben. Sie sind im Schnitt aktiver, sind interessierter und freundlicher gestimmt.
Darauf sollten Sie als Angehöriger achten:
Fragen Sie, ob das Heim ein Pflegekonzept vorweisen kann, das die besonderen Bedürfnisse und das Verhalten Demenzkranker berücksichtigt.
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Informieren Sie sich, ob die Biografie Ihres Angehörigen in das Pflegekonzept einbezogen wird. Werden Sie über seine typischen Verhaltensweisen, Vorlieben und Abneigungen befragt? Werden diese speziell dokumentiert?
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Ist der Tag für die Bewohner gut strukturiert, oder sind sie sich selbst überlassen?
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Gibt es genügend Beschäftigungen, die die Bewohner anregen, selbst aktiv zu werden, etwa gemeinsames Kochen, Gärtnern, Musizieren, Tanzen, Bewegung, Spazierengehen, Tiere-Pflegen?
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Herrscht ein respektvoller Umgangston unter den Mitarbeitern und gegenüber den Bewohnern? Werden diese gesiezt?
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Gibt es geschultes Personal (zum Beispiel gerontopsychiatrische Fachkräfte), die mit typischen Verhaltensweisen Demenzkranker umzugehen wissen?
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Darf der Bewohner sein Zimmer, zumindest teilweise, mit persönlichen Möbeln oder eigenen Bildern einrichten?
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Wie sieht es mit der Nutzung des Gartens aus? Ist er nach demenzfreundlichen Kriterien (Rundgang, Rückzugsmöglichkeiten, Hochbeete) angelegt?
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Achten Sie darauf, ob das Heim baulich auf die speziellen Bedürfnisse demenziell Erkrankter eingerichtet ist (zusammenhängende, barrierefreie Räume, Rückzugsräume, Themennischen).
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Informieren Sie sich, wie viel Sie als Angehöriger mitbestimmen dürfen. Gibt es ein spezielles Konzept dafür? Deckt es sich mit Ihren Erwartungen? Gibt es Ansprechpartner für Angehörige?
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Erkundigen Sie sich bei anderen Angehörigen. Wie sind deren Erfahrungen? Stimmen die Angaben des Anbieters mit der Praxis überein?
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Gemeinschaft fördert das Wohlbefinden selbst dann, wenn geistiger und körperlicher Verfall weit fortgeschritten sind, betonen Befürworter von „Pflege-Oasen“. Das sind große, speziell eingerichtete Räume, in denen mehrere schwerstpflegebedürftige Demenzkranke rund um die Uhr betreut werden.
Wie dieses Konzept bei den Angehörigen ankommt, hat Jürgen Dettbarn-Reggentin vom Institut für sozialpolitische und gerontologische Studien in Berlin genau untersucht. Sein Fazit: Viele legten ihre Skepsis schnell ab. „Sie berichteten, dass ihr Verwandter oder Partner nicht mehr so unruhig ist wie im Einzelzimmer“, berichtet der Altersforscher. Die ständige Anwesenheit von Pflegefachkräften empfanden die Befragten als Plus.
Doch das Konzept stößt bei Fachleuten auch auf Kritik. Sie fürchten einen Rückschritt zum Mehrbettzimmer, in dem die Intimsphäre nicht gewahrt ist. Das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) schlägt deshalb vor, traditionelle und neue Wohnformen zu kombinieren.
„Jeder Pflegebedürftige erhält sein eigenes Zimmer mit weit zu öffnenden Türen, die alle vom zentralen Küchen- und Aufenthaltsraum einsehbar sind. So können Schwerkranke zumindest passiv am sozialen Leben teilhaben“, erklärt KDA-Geschäftsführer Dr. Peter Michell-Auli.
Neue Türen aufzustoßen, um die Lebensqualität von dementen Menschen zu verbessern, hat sich Rudolf Spath zur Lebensaufgabe gemacht. Der Würzburger Architekt berät Leiter von Pflegeeinrichtungen, wie sie mit Grundriss, Farben und Licht das Wohlbefinden der Bewohner steigern und ihnen die Orientierung erleichtern.
So empfiehlt Spath, bei Tapeten, Vorhängen und Fußböden auf helle, warme Farben zu achten. Sie beruhigen. Tageslicht hingegen aktiviert, es verbessert den Schlaf-wach-Rhythmus. Architekten raten daher in Pflegeeinrichtungen zu großen Fenstern. „Doch sie dürfen nicht zu groß sein, sonst fürchten sich Demenzkranke, ins Leere zu fallen“, warnt der Bauexperte.
Viele Heimträger suchen seinen Rat bei einem ganz anderen Problem. „Alzheimer-Patienten haben oft starken Bewegungsdrang“, erklärt Spath. Die Gefahr, dass sie in dunklen, langen Fluren umherirren, ist groß. „Besser geeignet ist ein zentraler Aufenthaltsraum, der für alle zugänglich ist und dessen Tür offen steht“, erklärt der Architekt.
Individueller Rückzug sollte trotzdem immer möglich sein. Im eigenen Zimmer oder in abgetrennten Sitzecken, die zum Verweilen einladen. Vielleicht weil dort ein Bildband aus der Region liegt und Erinnerungen anstößt. Ein Aquarium für Abwechslung sorgt. Oder ein zotteliger Teddybär zum Schmusen auffordert. „Eine Einrichtung muss abwechslungsreich gestaltet sein“, betont Spath.
Die Sinne sollen gefordert, aber nicht überfordert sein. So wie im Snoezelen-Raum. Ein märchenhaft anmutender Ort, von Pflegeexperten ausgeklügelt, der sich in vielen demenzfreundlichen Einrichtungen findet. Wer ihn betritt, ist sofort umgeben von Düften, leisen Klängen, zarten Stoffen und gedämpftem Licht. Eine Wohltat für Nase, Ohren und Augen.
In „Haus Schlossberg“ ist ein Snoezelen-Raum in Planung. Ob Mathilde B. sich dort wohlfühlt, wird sich zeigen. Doch Sohn Manfred weiß auch so, wie er seine Mutter augenblicklich glücklich stimmen kann. „Kannst du eigentlich ‚Die Glocke‘ von Schiller auswendig?“, fragt er. Ja, sie kann.
Raphaela Birkelbach, Senioren Ratgeber;
15.03.2012
Bildnachweis: W&B/Bernhard Huber
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