Pflege: Die neuen Regeln im Überblick

Pflegegrade statt Pflegestufen, bessere Leistungen – vor allem für Demenzkranke. Wir beantworten zwölf wichtige Fragen zur Pflegereform 2017

von Petra Haas, aktualisiert am 22.02.2017

Die Pflegereform verhilft vielen Pflegebedürftigen und Angehörigen zu mehr Leistungen

iStock/Sylvia Jansen

Seit dem 1. Januar 2017 ist die neue Pflegereform in Kraft, die wichtige finanzielle Änderungen mit sich bringt. Für viele Pflegebedürftige und ihre Angehörigen bedeutet das: mehr Leistungen, mehr Geld. Hier sind die wichtigsten Fragen und Antworten.

1. Welche Ziele hat die Reform?

Sie stellt die aktuell rund 2,8 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland und deren Angehörige besser. Diese erhalten zum Beispiel höhere Sachleistungen, mit denen sie etwa einen ambulanten Pflegedienst organisieren können. Zudem definiert das Gesetz großzügiger, wer wie viel Pflege braucht. Ziel ist es auch, Menschen mit demenziellen oder psychischen Erkrankungen ebenso stark zu berücksichtigen wie körperlich eingeschränkte Personen.


2. Warum war die Reform nötig?

Für einen Pflegebedürftigen eine Brotscheibe auf dem Teller klein schneiden, wenn es seine eigene Fingerkraft nicht mehr erlaubt – oder einen dementen Menschen daran erinnern, wie man mit der Gabel umgeht, und ihn zum Kauen animieren. Beide Vorgehensweisen erfordern dieselbe Zeit und Aufmerksamkeit – aber bislang zählten vor allem körperliche Beeinträchtigungen. Das ändert sich jetzt. Fortan wird bei der Beurteilung darauf geschaut, wie selbstständig jemand seinen Alltag noch bewältigen kann.

3. Warum werden Pflegebedürftige ab sofort anders beurteilt?

Ein Pflegefall, ein Antrag bei der Pflegekasse, die dann Leistungen bewilligt und ausbezahlt. Doch bevor überhaupt Geld fließt, bekommt der Antragsteller Besuch vom Gutachter des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung, kurz MDK. Dieser stellt fest, ob und in welchem Ausmaß jemand pflegebedürftig ist. Bisher mussten Angehörige minutengenau nachweisen, wie viel Zeit einzelne Tätigkeiten, etwa Zähne putzen, ankleiden, aus dem Bett helfen oder Essen klein schneiden, in Anspruch nehmen.

Die neue Begutachtung ist umfangreicher – und erfasst Defizite feiner. Im Fokus stehen sechs unterschiedliche Bereiche. Beispiel Mobilität: Wie selbstständig kann die Person von einem Stuhl, vom Bett aufstehen oder eine Treppe hinabgehen? Bei den geistigen Fähigkeiten sind es Fragen wie: Wie gut findet sich der Mensch örtlich und zeitlich zurecht, wie gut kann er sich Dinge merken, mögliche Gefahren erkennen? Auch Verhaltensweisen wie nächtliche Unruhe oder aggressives Verhalten anderen gegenüber spielen eine Rolle. In jedem Bereich vergibt der Gutachter je nach Ausmaß der Beeinträchtigung Punkte. Die Gesamtpunktzahl entscheidet: Pflegegrad – ja oder nein? Und wenn ja: Welcher Pflegegrad liegt vor?


Hand halten

Pflegegrade: Das ist anders »

Seit Januar 2017 gelten Pflegegrade anstelle der alten Pflegestufen. Was Pflegebedürftige jetzt wissen müssen »

4. Wie funktioniert die Umstellung auf die Pflegegrade?

Statt drei Pflegestufen gibt es ab sofort fünf Pflegegrade. Menschen, die eine Pflegestufe haben und bereits Leistungen von der Pflegeversicherung erhalten, müssen keinen neuen Antrag stellen oder sich neu begutachten lassen. Die Überleitung in die Pflegegrade erfolgt automatisch. Vielen steht ab sofort mehr Geld zu. Zwei Beispiele: Ein körperlich beeinträchtigter Mensch, der zu Hause lebt und bisher Pflegestufe 1 hatte, macht einen einfachen Stufensprung und erhält Pflegegrad 2. Sein Pflegegeld steigt von monatlich 244 auf 316 Euro. Ein Pflegebedürftiger in Pflegestufe 1, der daheim versorgt wird, aber zudem an Demenz leidet, macht einen doppelten Sprung zu Pflegegrad 3. Ihm stehen monatlich 545 Euro Pflegegeld zu.


5. Was ändert sich für Menschen mit körperlichen Defiziten?

Kritiker befürchten für sie bei künftigen Anträgen Nachteile. Mit der neuen Bewertungsgrundlage könnte es jetzt schwerer sein, bei Neubegutachtung einen höheren Pflegegrad attestiert zu bekommen.

6. Wer profitiert von dem neu eingeführten Pflegegrad 1?

In Pflegegrad 1 sollen Menschen eingestuft werden, denen bislang keine Pflegestufe zugesprochen wurde, weil sie aus Sicht der Pflegekasse keine erhebliche Unterstützung benötigen. Ihnen stehen bei positivem Bescheid finanzielle Zuschüsse für Wohnraumberatung und -anpassungen zu, regelmäßige Pflegeberatungen sowie ein Geldbetrag, auch Entlastungsbetrag genannt. Mit diesem können sie beispielsweise über einen ambulanten Dienst Unterstützung im Haushalt organisieren, etwa beim Kochen oder Putzen. Das Gesundheitsministerium rechnet in den kommenden Jahren mit zusätzlich 500.000 Anspruchsberechtigten. 

7. Ändert sich etwas bei der Beantragung von Hilfsmitteln?

Ja, für Hilfsmittel und Pflegehilfsmittel wie etwa eine Gehhilfe muss kein separater Antrag mehr gestellt werden, wenn der MDK-Gutachter diese konkret empfiehlt. Die entsprechende Empfehlung wird im Gut­achten festgehalten und automatisch an die Kranken- beziehungsweise Pflegekasse weitergeleitet.

8. Was ist, wenn der Pflegeantrag noch 2016 gestellt wurde?

Auch wenn der Gutachter des MDK erst im Jahr 2017 seinen Besuch ankündigt – bei Anträgen gilt das Datum. Ein Antrag aus dem Jahr 2016 wird daher vom MDK nach dem alten "Minutensystem" begutachtet – fünf Minuten für das Rasieren, zehn Minuten für das Anziehen.

9. Gibt es Verbesserungen für pflegende Angehörige?

Ja. Wer einen Verwandten zu Hause pflegt und deswegen aus seinem Beruf aussteigt, erhält künftig von den Pflegekassen Beiträge zur Arbeitslosenversicherung. Bislang wurden diese Beiträge nur während einer maximal sechsmonatigen gesetzlichen Pflegezeit gezahlt. Auch werden pflegenden Angehörigen meistens höhere Ansprüche an die gesetzliche Rentenkasse gutgeschrieben. Voraussetzung: Die Person versorgt
einen Pflegebedürftigen mit Pflege-grad 2 bis 5 zu Hause mindestens zehn Stunden wöchentlich, verteilt auf mindestens zwei Tage.

10. Was ändert sich für die Bewohner eines Pflegeheims?

Wer in einem Pflegeheim wohnt, muss Unterbringungs- und Investitionskosten zahlen. Diese sind, je nach Einrichtung, unterschiedlich hoch. Daneben muss jeder auch einen Teil der Pflegekosten aus eigener Tasche bezahlen. Die Höhe dieses Anteils war bis Ende des Jahres 2016 abhängig von der Pflegestufe: niedrige Pflegestufe, niedriger Eigenanteil –  hohe Pflegestufe, hoher Anteil. Dies ändert sich jetzt. Der Betrag wird für alle Bewohner eines Heimes vereinheitlicht. Menschen mit hohem Pflegegrad zahlen vergleichsweise weniger, Menschen mit niedrigem mehr. Ausnahme: Bewohner, die zum Jahreswechsel in einem Pflegeheim wohnen, genießen Bestandsschutz – einen eventuell höheren Pflegekostenanteil übernimmt bei ihnen die Pflegekasse. 

11. Was kommt auf Ältere zu, die in Zukunft ins Pflegeheim ziehen?

Prognosen gehen davon aus, dass Pflegebedürftige mit niedrigem Pflegegrad künftig mehr zahlen müssen. Experten rechnen mit Mehrausgaben von bis zu 500 Euro pro Monat. Ziel der Regierung ist es, den Grundsatz "Ambulant vor stationär" zu stärken, sodass mehr Menschen länger zu Hause versorgt werden.

12. Wo gibt es Beratung?

Mein Antrag wurde abgelehnt, was nun? Wie bereite ich mich auf den Besuch des MDK vor? Professionelle Hilfe bieten Pflegestützpunkte. Das Internetportal www.gesundheits-und-pflegeberatung.de listet Adressen auf. Hilfe bei Anträgen bieten auch Wohlfahrtsverbände wie die Caritas oder die Arbeiterwohlfahrt in Form von Fachstellen für pflegende Angehörige (je nach Bundesland). Auch die Gemeinde vor Ort nennt Adressen.

Fachliche Beratung: Rüdiger Beyer, Pflegekasse der AOK Bayern; Olaf Christen, VDK Deutschland; Meret Lobenstein, Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz; Hana Reinhardt, Fachstelle für pflegende Angehörige Fürth; Barbara Schachtschneider, Fachstelle für pflegende Angehörige, Landkreis Starnberg.



Lesen Sie auch:

Pflegerin und Seniorin

Pflege zu Hause: Das müssen Sie wissen »

Was tun, wenn ein Mensch pflegebedürftig wird? Wir klären, welche Schritte für Angehörige und Betroffene jetzt anstehen, welche Kosten anfallen, wo sie Unterstützung finden »

ReadSpeaker

So lassen Sie sich unsere Artikel vorlesen  »

Seniorin am Laptop

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Spargel: Grün oder weiß?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages