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Pflegefall in der Familie – was nun?

Wenn Ehepartner oder Eltern zum Pflegefall werden, müssen Angehörige entscheiden, wer die Pflege übernimmt


Tritt plötzlich ein Pflegefall auf, sind Angehörige meist überfordert

Der Schlaganfall, der den bis dahin so rüstigen Ehemann plötzlich in den Rollstuhl bringt. Die Verwirrtheit der Mutter, die sich zusehends in ein großes Vergessen wandelt und ihre Selbstständigkeit bedroht. Der Vater, der am anderen Ende der Republik plötzlich Hilfe braucht. Alle Beispiele sind aus dem Leben gegriffen – und das Leben steht in diesen Augenblicken kopf. Wohin mit Mutter oder Mann, wenn Berufstätigkeit, Wohnort oder die eigene Krankheit eine Pflege zu Hause erschweren? Pflegefall in der Familie – was nun?

Vorbildlich, wer sich mit solchen Momenten bereits befasst hat. Doch welche Familie, welcher Angehörige hat das schon? „Fast niemand“, weiß Brigitte Bührlen, die selbst jahrelang ihre Mutter pflegte und eine Selbsthilfegruppe für pflegende Angehörige in Grünwald leitet. „Theoretisch vielleicht. Aber den Ernstfall kann man ja vorher nicht üben.“



Wegweiser häusliche Pflege (zur vollständigen Ansicht bitte auf die Lupe klicken)

2,3 Millionen Pflegebedürftige gibt es in Deutschland. Davon werden mehr als zwei Drittel zu Hause in der Familie versorgt, knapp ein Drittel wird in Pflegeheimen betreut. Die Tendenz geht eindeutig in Richtung häusliche Pflege: So lange wie möglich in den eigenen vier Wänden leben, das wollen auch immer mehr Pflegebedürftige.

Ambulant vor stationär

„Pflegende Angehörige sind für mich Helden, und es ist immer wieder erstaunlich, welche Kräfte bei ihnen freigesetzt werden“, betont Bührlen. „Nur: zu welchem Preis?“ Denn wer genauer hinschaut, erkennt: Angehörige sind ohne Beratung und Unterstützung auf Dauer überfordert. Pflege rund um die Uhr macht nicht selten den Pflegenden selbst krank. Doch Hilfe gibt es auf vielfältige Art. Man muss sie nur kennen.

Die gemeinnützigen oder privaten Organisationen in Deutschland, die sich dem Thema Pflege widmen, sind immer besser gerüstet. Sich in den schwierigen Übergangsphasen nicht helfen zu lassen nach dem Prinzip „Ich schaffe das schon alleine!“ ist zweifellos der steinigste Weg, den man wählen kann. „Wenn ich vor zehn Jahren gewusst hätte, was ich heute weiß, würde ich das alles völlig anders machen“, berichten die meisten Angehörigen im Rückblick. Das bestätigt Heiko Rutenkröger vom Kuratorium Deutsche Altershilfe in Köln: „Erster Schritt sollte deshalb immer die Beratung sein.“ Einen Leitfaden durch den Dschungel an Gesetzen und Verträgen bieten Pflegestützpunkte oder Seniorenbüros Ihrer Gemeinde, „vor allem aber die Pflegekasse“, ergänzt der Pflegewissenschaftler, „denn sie hat eine gesetzlich verankerte Beratungspflicht“. Sie gibt in allen finanziellen Belangen und über die Pflegestufeneinteilung Auskunft. Was viele nicht wissen: Das Datum des Antrags auf Feststellung der Pflegebedürftigkeit entscheidet darüber, ab wann gezahlt wird.


Jede Unterstützung zu ihrer Zeit

Doch Fragen zur Finanzierung und Kostenübernahme sind den meisten Angehörigen gerade in der akuten Pflege-Übergangsphase zunächst nicht so wichtig. Eher belastet sie die Frage, wie die Pflege zu Hause zeitlich zu organisieren ist, ob sie selbst dazu in der Lage sind und ob die räumlichen Gegebenheiten dafür sprechen. Hier kann der Hausarzt, können Sozialdienste oder -stationen am Ort oft persönlicher beraten und auf den individuellen Fall zugeschnitten tätig werden. Das reicht von einfachen Hilfsmitteln im Bad über pflegerische Tricks bis hin zu Umbaumaßnahmen zur Barrierefreiheit. „Oft hängen pflegende Angehörige in den ersten Wochen komplett in der Luft. Wenn die Finanzierung noch nicht klar ist, raten wir deshalb erst mal nur zum Allernotwendigsten“, meint Renate Göbner, Pflegeleiterin der Caritas-Sozialstation Ingolstadt. Das können die Halterung an der Treppe oder der Wanne sein oder die richtigen Handgriffe, um Pflegebedürftigen aus dem Bett zu helfen. „Einen Pflegekurs bieten wir nicht nur in der Gruppe, sondern auch zu Hause an.“

Niemals alleine pflegen

Gerade solche Entlastungsangebote bilden die Stützpfeiler der häuslichen Pflege: Ambulanter Dienst, Tagespflege, Betreuung für ein paar Stunden, auch nachbarschaftliche Hilfen sind Bausteine eines individuellen Pflegearrangements, das Familienangehörige selbst oder mit dem Berater zusammen treffen können. Sie werden im Großen und Ganzen von den Pflegekassen getragen oder bezuschusst.

Wie wichtig es für Angehörige ist zu wissen, dass sie in dieser Situation nicht allein sind, bekräftigen auch Gerontopsychologen. Eine Studie des Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhauses ergab, dass die regelmäßigen Telefonate der Psychologen mit den Angehörigen deren Erschöpfung und Niedergeschlagenheit linderten. „Auch Selbsthilfegruppen haben eine solche Funktion“, weiß Psychologe Denis Beische, Mitarbeiter der Studie. „Dort kann ich Menschen kennenlernen, die mich sofort verstehen und mich vor allem ernst nehmen.“



Wegweiser Pflegeheim (zur vollständigen Ansicht bitte auf die Lupe klicken)

Pflegeheim – eine Möglichkeit

Und wenn es gar nicht mehr geht, wenn die Belastung zu groß wird? Den meisten Angehörigen fällt die Entscheidung für ein Pflegeheim äußerst schwer. Doch in vielen Fällen wird sie ihnen ohnehin abgenommen. „Heute liegt das Durchschnittsalter von Pflegeheimbewohnern bei 86“, sagt Brigitte Strätner, die in Detmold und drei weiteren Seniorenheimen des Landkreises Lippe sowohl Pflegebedürftige als auch Angehörige betreut. „Das sind in der Regel schwer pflegebedürftige Menschen, die oft direkt aus der Klinik kommen.“ Als Leiterin des Sozialdienstes der Pflegeheime kennt sie die Sorgen und auch das Gefühl des Abschieds, das dabei viele Angehörige belastet. „Wir versuchen darauf zu achten, die Angehörigen von Anfang an in die Betreuung mit einzubinden.“

Eine Sorge weniger haben Angehörige in der Tat, wenn sie den Pflegebedürftigen in guten Händen wissen. Inzwischen müssen Pflegeeinrichtungen sogenannte Pflegenoten im Internet, aber auch im eigenen Haus veröffentlichen. „Sie sind zwar, was die pflegerischen Leistungen betrifft, ein erster Schritt in die richtige Richtung“, meint Pflegewissenschaftler Rutenkröger. „Aber über die Noten erfahren Sie nicht alles!“ Wie auch Brigitte Strätner rät er Angehörigen, unbedingt selbst vorab in die Häuser zu gehen. Welche Atmosphäre herrscht dort? Wie begegnet man mir? Sind die Mitarbeiter freundlich? Wie werden Demenzkranke behandelt? „Das können Sie nur direkt erfahren. Viele Pflegeeinrichtungen bieten deshalb Schnuppertage oder Probewohnen an.“ Damit dem Angehörigen jedoch auch Zeit für die richtige Wahl bleibt, kann er den Pflegebedürftigen für maximal vier Wochen in einer stationären Kurzzeitpflege unterbringen. Das wird von den Pflegekassen ausdrücklich unterstützt.

Ob aber im Heim oder zu Hause: Für Angehörige ist die Pflegebedürftigkeit des Partners oder der Eltern ein tiefer und oft schmerzlicher Einschnitt in ihrem Leben. Wer es lernt, die Veränderung zu akzeptieren, kann mit der Situation auch irgendwann Frieden schließen.



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Elke Schurr / Senioren Ratgeber; 26.11.2010
Bildnachweis: W&B/Ulrike Möhle, Thinkstock/Hemera

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